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Aufbruch in ein neues Leben

Leo Lis, 10. Mai 1924 - 20. September 1969

Ausschnitt aus Personalausweis von Leo LisAusschnitt aus Personalausweis von Leo Lis Quelle: BStU, MfS AS 7540 Bd. VII Nr. 1 Bl. 109

Leo Lis wohnt mit seiner kinderreichen Familie in der DDR. Er ist Spätaussiedler aus Schlesien/Polen. Ein Teil seiner weitverzweigten Familie wohnt schon im Westen Deutschlands. Leo Lis hat Sehnsucht nach dem Rest seiner Familie, doch er erhält keine Genehmigung, mit seinen sechs Kindern und seiner Ehefrau die DDR zu verlassen. Er beschließt, es zunächst alleine zu versuchen. Bei der Flucht wird er erschossen. "Sie haben nur gesagt, dass der Vater verstorben ist. Nicht wo, nicht wie oder was. Wir durften nicht drüber reden.", erinnern sich seine Söhne heute.

Flucht und Vertuschung

Am 19. September 1969 bricht Leo Lis auf, stellt sein Fahrrad am Bahnhof in Kamenz ab und löst einen Fahrschein nach Ostberlin. Der wenig sportbegeisterte ersteht für den Folgetag ein Ticket für ein Fußballspiel in einem Stadion in Nähe der Mauer. Er plant den Aufbruch in ein neues Leben. Einen Tag später ist Leo Lis tot. Am Nordbahnhof in Berlin versucht er, die Grenze nach West-Berlin zu überwinden. 78 Kugeln werden auf ihn abgefeuert. Er stirbt an einem Brustdurchschuss noch im Sperrgebiet. Er ist 43 Jahre alt und hinterlässt seine Frau und sechs Kinder. Seine Erschießung wurde strafrechtlich nicht verfolgt.

Die kleine Habe, die Leo Lis beim Aufbruch in ein anderes Leben bei sich trug, wird akribisch aufgelistet.

Was in der Familie, im Dorf, im Betrieb über den Tod geredet und gedacht wird, will das MfS kontrollieren und beeinflussen. Stimmungsberichte werden angefertigt, die Post der Familie kontrolliert und teilweise beschlagnahmt.

Sieben Tage nach dem Verschwinden von Leo Lis informieren zwei Stasimitarbeiter, getarnt als Polizisten, die Familie. Ein Teil der Habe wird ausgehändigt, Vorschriften für die Beisetzung erteilt. Die genauen Todesumstände werden verschleiert. "Wo was wie passiert ist, hat uns keiner gesagt", erinnert sich Sohn Christoph.

Das MfS hat den Toten einäschern lassen, noch bevor die Familie informiert ist. Wochen später wird die Urne übersendet. Im kleinen Kreis findet auf dem Friedhof die Beisetzung statt - in Kamenz, von wo aus Leo Lis drei Monate zuvor aufgebrochen war.