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Wie die Stasi das erste Maueropfer Günter Litfin verunglimpft hat

Am 24. August 1961 wurde der erst 24 Jahre alte Günter Litfin beim Versuch, schwimmend den Westsektor Berlins zu erreichen, erschossen. Das MfS startete eine Verleumdungskampagne.

Am 24. August 1961 wurde der erst 24 Jahre alte Günter Litfin beim Versuch, schwimmend den Westsektor Berlins zu erreichen, erschossen.

Ein Rückblick: Es ist kurz nach 16 Uhr am 24. August 1961. Eine Menschenansammlung beobachtet, wie ein Toter von Ostberliner Feuerwehrleuten aus dem Wasser des Humboldthafens gezogen wird. Es ist der 24-jährige Günter Litfin - das erste bekannt gewordene Gewaltopfer der Mauer. Ein Transportpolizist hat gezielt auf den wehrlosen Schwimmer geschossen.

Gedenkstein für Günter Litfin am Friedrich-List-UferIn den Akten der Staatssicherheit findet sich zum Fall Günter Litfin auch ein undatiertes Foto: Gedenkstein für Günter Litfin am Friedrich-List-Ufer, aufgestellt am 24.8.1962. Heute befindet sich der Gedenkstein an der Sandkrugbrücke in der Berliner Invalidenstraße. Quelle: BStU, MfS, HA IX, Fo 1673, Bild 88

Zwei Tage zuvor, am 22. August 1961, wurde im Sitzungsprotokoll des Politbüros des Zentralkomitees der SED über die "Anwendung der Waffe" an der Grenze festgehalten:

"Auf Grund der verleumderischen Reden Brandts, dass die Angehörigen der Nationalen Volksarmee und der Volkspolizei bei Provokationen an der Grenze von der Schusswaffe keinen Gebrauch machen, hat der Genosse Norden mit den entsprechenden Genossen zu besprechen und zu veranlassen, dass durch Gruppen, Züge oder Kompanien schriftliche Erklärungen abgegeben werden, die beinhalten, dass sie voll verstanden haben, um was es geht, und dass jeder, der die Gesetze unserer Deutschen Demokratischen Republik verletzt - auch wenn erforderlich - durch Anwendung der Waffe zur Ordnung gerufen wird."

Die tödlichen Schüsse vom 24. August 1961 wurden zunächst nur in einem Bericht der Transportpolizei vermerkt. Noch am gleichen Tag informierte die Zentrale Informationsgruppe des Ministeriums für Staatssicherheitsdienst den sowjetischen Geheimdienst KGB, den Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, seinen Stellvertreter, Bruno Beater, und die SED-Führung über den "verhinderten Grenzdurchbruch".

Um die offensichtliche Unmenschlichkeit der Tat zu vertuschen, versuchte die Staatssicherheit das Opfer zu verleumden und zu kriminalisieren. Generalmajor Bruno Beater veranlasste eine "Ermittlung im Wohngebiet", um Informationen über den Toten zu sammeln, die sich für eine Verleumdungskampagne eignen könnten. Den Stasi-Unterlagen ist zu entnehmen, dass die Informationen aus dem Ermittlungsbericht vom 25. August 1961 tatsächlich für die nun folgende Agitationskampagne verwendet wurden.

Die Gerüchte, die über Günter Litfin gesammelt wurden, fanden Eingang in ausführliche MfS-Information an Erich Honecker und Erich Mielke vom 31. August 1961. Sie landeten offenkundig auch beim Autoren einer Meldung zu Günter Litfin in der Tageszeitung der SED "Neues Deutschland" vom 1. September 1961, der die gezielt gesuchten Gerüchte über Günter Litfins Privatleben in der Zeitung verbreitete.

Ausführliche Informationen auf www.chronik-der-mauer.de:

Berichte vom Neuen Deutschland auf www.chronik-der-mauer.de:

Weiterführende Literatur:

  • Die DDR im Blick der Stasi 1961: die geheimen Berichte an die SED-Führung
    BStU; Daniela Münkel (Hrsg. u. Bearb.)
  • 13. August 1961: Mauerbau: Fluchtbewegung und Machtsicherung
    BStU; Bernd Eisenfeld, Roger Engelmann, Doris Hubert (Mitarb.)
  • Tod durch fremde Hand: Das erste Maueropfer in Berlin und die Geschichte einer Familie
    Jürgen Litfin; Annette Vogel (Mitarb.)