Navigation und Service

Die Rolle des MfS

Die Stasi zwischen Kontrollverlust, Abrechnung mit den Aufständischen und Selbstdemütigung

Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 traf das MfS genauso unvorbereitet wie die SED-Führung. Das Spitzelnetz des drei Jahre zuvor gegründeten MfS war im Juni 1953 noch sehr löchrig. Darüber hinaus hatten die Stasi-Mitarbeiter bis dahin der Berichterstattung über Stimmungen in der Bevölkerung noch keine große Bedeutung beigemessen. Zudem hatte das MfS gerade eine Umstrukturierung hinter sich. Mit der Auflösung der Länder entstanden aus den Landsverwaltungen der Staatssicherheit Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen. Damit war das MfS zwar besonders gut flächendeckend aufgestellt, seine Möglichkeiten blieben jedoch zunächst begrenzt. Im Schnitt waren in einer Kreisdienststelle nur 14 Mitarbeiter tätig, wobei es im bevölkerungsärmeren Norden in der Regel weniger, im bevölkerungsreichen Süden mehr Mitarbeiter waren.

Wilhelm ZaisserWilhelm Zaisser, von 1950-1953 Minister für Staatssicherheit Quelle: BStU, Kaderkarteikarte

So gewann das MfS am 17. Juni nur langsam einen Überblick über die Ereignisse. Erst im Verlauf des Tages erkannte Stasi-Chef Zaisser den Ernst der Lage. "Wir" oder "Sie" lautete seine Analyse. Eine klare Handlungsstrategie entwickelte das MfS nicht. Die Bezirks- und Kreisverwaltungen blieben ohne konkrete Anweisungen. In der Provinz konnten sich manche Stasi-Dienststelle im Verlaufe des Aufstands nur auf die Sicherung ihrer Dienstobjekte beschränken. Es gelang den Aufständischen, fünf Kreisdienststellen zu stürmen. In anderen Orten konnten MfS-Einheiten zusammen mit der Volkspolizei Gebäude erfolgreich verteidigen, wie das "Haus der Ministerien" in der Ost-Berliner Leipziger Straße. MfS-Mitarbeiter schüchterten sogar in einigen Betrieben erfolgreich die Belegschaft ein. Insgesamt drohte jedoch auch das MfS am 17. Juni, die Kontrolle vollständig zu verlieren.

Abrechnung mit den Teilnehmern des Aufstandes

Erst der Einsatz des sowjetischen Militärs gab dem MfS das Heft des Handelns zurück in die Hand. Zunächst übernahmen dann auch sowjetische Sicherheitsorgane die Verfolgung von Aufständischen und vermeintlichen Rädelsführern. Auf Befehl aus Moskau hielten sie Standgerichte ab und ließen Verurteilte zur Abschreckung erschießen. Es war jedoch eine Frage des Prestiges, dass die weitere Verfolgung von Teilnehmern des Aufstandes in die Verantwortung von DDR-Justiz und MfS kam. Ab dem 18. Juni lag der Großteil der Verhaftungen wieder in den Händen der Staatssicherheit. Als politisches Strafverfolgungs- und Untersuchungsorgan war es Aufgabe der Stasi, vermeintlich Hauptschuldige an den Ereignissen ausfindig zu machen und Beweise für Urteile gegen sie zu sammeln. Dabei gerieten vor allem solche Aufständische in den Blick der Stasi, die unter politischen Losungen demonstriert oder nach Verhängung des Ausnahmezustandes Streikleitungen gebildet hatten.

Dabei sollte die Stasi vor allem nachweisen, dass es sich bei den Ereignissen vom 17. Juni um einen von "westlichen Agentenzentralen" gesteuerten Umsturzversuch gehandelt habe. Ein Volksaufstand, noch dazu ausgehend von unzufriedenen Arbeitern und Bauern, war für die Führung des selbst ernannen Arbeiter-und-Bauern-Staates nicht akzeptabel. Die Zahl der Verhaftungen zeigt, wie aggressiv die Geheimpolizei direkt nach dem Aufstand vorging. Tag und Nacht waren operative Gruppen der Staatssicherheit und Volkspolizei im Einsatz. Sie mussten täglich den aktuellen Stand der Festnahmen an die Zentrale in Ostberlin übermitteln. Eine überlieferte Statistik zeigt, dass bis zum 8. Juli 1953, drei Wochen nach dem Aufstand, über 9.000 Personen festgenommen worden waren.

Die große Mehrheit der Festgenommenen war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits wieder auf freiem Fuß. Trotz nächtelanger Verhöre und fieberhafter Ermittlungen gelang es den Stasi-Offizieren nämlich nicht, einen westgesteuerten Putsch nachzuweisen. Dennoch musste diese Propaganda-Lüge als Begründung für Verurteilungen herhalten. Ohne handfeste Beweise konstruierte das MfS entsprechende Zusammenhänge. Verhaftete mit politischen Kontakten nach Westberlin wurden als Hintermänner des Putsches präsentiert, egal wie vage diese Kontakte gewesen waren. In Schauprozessen erhielten sie lange Zuchthausstrafen. Das MfS versuchte außerdem, Verhaftete als Spitzel anzuwerben, indem es sie unter Druck setzte.

Suche nach Hintermännern und "Agentenzentralen"

Weitaus erfolgreicher war die Stasi dabei, vermeintliche "Agentenzentralen" im Westen zu identifizieren und zu unterwandern. Es waren alte Feindbilder von SED und Stasi, wie etwa der Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung beim Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Das Gremium war am 24. März 1952 auf Anregung Jakob Kaisers in Westberlin entstanden. Es informierte das Gesamtdeutsche Ministerium über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in der DDR. Außerdem erarbeitete der Forschungsbeirat Vorschläge für praktische Fragen der Zusammenführung der Gesellschaften in Ost und West, sollte durch eine glückliche Fügung eine Wiedervereinigung möglich werden. In den Augen der SED plante der Forschungsbeirat damit jedoch die Konterrevolution in der DDR:

Mitglieder des "Komitees 17. Juni" erinnern in der Bundesrepublik Ende der 60er Jahre an den Volksaufstand in der DDR.Mitglieder des "Komitees 17. Juni" erinnern in der Bundesrepublik Ende der 60er Jahre an den Volksaufstand in der DDR. Quelle: BStU

Ebenfalls für den Aufstand verantwortlich gemacht wurden die Ostbüros der bundesdeutschen Parteien in Westberlin. In diesen Ostbüros setzten viele nach Westdeutschland geflüchtete Mitglieder der Parteien ihre Arbeit fort, die in der DDR ihre politische Selbständigkeit verloren hatten. In den 50er Jahren bildeten sie eine Art DDR-Opposition im Exil. Ähnliche Aufgaben hatte sich das "Komitee 17. Juni" gewählt, das unter anderem von den Ostbüros viel Solidarität erfuhr. In ihm hatten sich Aufständische des 17. Juni organisiert, die vor den Verhaftungswellen der Stasi in den Westen geflohen waren. Das Komitee wollte geflüchtete Aufständische unterstützen, die Ereignisse des Aufstandes dokumentieren und Kontakt zu den Belegschaften der am 17. Juni bestreikten Betrieben halten. Der Gründungsaufruf des Komitees liest sich wie eine Kampfansage an die politische Führung der DDR:

"Der 17. Juni hat den ganzen kommunistischen Machtbereich schwer erschüttert und kann der Anfang weiterer heftiger Erschütterungen sein. Aber die Anstrengungen und die vielen Opfer dieser Erhebung werden nur dann nicht umsonst sein, wenn wir den Opfern helfen und wenn die freie Welt einig ist in der Erkenntnis des Gegners und seiner Bekämpfung. In der Überzeugung, im Sinne der Opfer zu handeln, haben wir - die führenden Streikteilnehmer und gewählten Streikleiter - uns zusammen geschlossen und uns folgende Aufgaben gestellt:

- Unterstützung der Opfer des 17. Juni und ihrer Angehörigen.
- Bemühung für die Freilassung der Opfer des 17. Juni.
- Aufklärung der Weltöffentlichkeit über den Aufstand des 17. Juni

[...] Die Totalität des kommunistischen Systems erfordert den Einsatz des ganzen Menschen. Die Bevölkerung der Sowjetzone hat durch ihre Opferbereitschaft und Solidarität der Freiheit neue Impulse gegeben. Dieses Beispiel ist eine Verpflichtung für jeden."

Massives Vorgehen gegen vermeintliche Agenten

Ohne es beweisen zu können war die Stasi überzeugt, dass diese Gruppierungen den Aufstand geplant und ausgeführt haben mussten. Vor allem des "Komitee 17. Juni" wurde in der Wahrnehmung der Stasi zum Zentrum des "Putschversuchs", gehörten doch viele prominente Streikführer und Aktivisten des 17. Juni zu seinen Mitgliedern. Dass sie sich im Westen nach dem Aufstand organisiert hatten, deutete die Stasi als eindeutigen Beleg für die Propaganda-Legende des faschistischen Putsches. Rund ein halbes Jahr nach dem 17. Juni begann die Stasi deshalb im Januar 1954 eine stabsmäßig geplante Aktion gegen das Komitee. Führende Köpfe des Komitees und der anderen "Agentenzentralen" sollten nach Ostberlin entführt werden.

Drei Entführungen scheiterten: so konnte sich Friedrich Schorn, der während des Aufstandes Mitglied der Streikleitung in den Leuna-Werken gewesen war, in letzter Minute seinen Häschern entziehen. Das Komitee-Mitglied Werner Mangelsdorff hingegen wurde mit einer List nach Ostberlin gelockt und dort festgenommen. Nach monatelanger Vorbereitung gelang es Mitarbeitern der Stasi außerdem, Dr. Wolfgang Silgradt in Westberlin in ein Taxi zu locken und damit nach Ostberlin zu bringen. Der Redakteur war freier Mitarbeiter des Forschungsbeirats für Fragen der Wiedervereinigung. Ebenfalls schaffte die Stasi Hans Füldner und Horst Gassa nach Ostberlin. Beide hatten als Angestellte für das Ostbüro der FDP gearbeitet.

Der Prozess gegen diese vier Männer sollte zum Höhepunkt der juristischen Auseinandersetzung der DDR-Justiz mit den Ereignissen des 17. Juni werden. Wegen ihrer Arbeit für die oppositionellen politischen Organisationen im Westen wollte man sie als die Hintermänner des "Putsches" präsentieren und verurteilen. Beweisen konnten das weder das Gericht noch die Stasi. Das spielte jedoch keine Rolle: in einem mehrtägigen Schauprozess wurden Dr. Wolfgang Silgradt, Werner Mangelsdorf, Hans Füldner und Horst Gassa als angebliche Drahtzieher "der faschistischen Provokation am 17. Juni 1953" zu langen Zuchthausstrafen verurteilt. Gassa blieb fünf Jahre im Gefängnis, Füldner saß sechs Jahre. Wolfgang Silgradt und Werner Mangelsdorf kamen erst nach zehneinhalb Jahren wieder aus dem Zuchthaus – nach einem Freikauf durch die Bundesregierung.

Die Krise der Staatssicherheit

Die Deutung des Volksaufstandes als geplante und aus dem Westen gesteuerte "faschistischer Provokation" brachte jedoch auch das MfS in Schwierigkeiten. Zum einen bedeutete diese Lesart der Geschichte, dass das MfS auf ganzer Linie versagt hatte. Der 17. Juni war eine spontane Volkserhebung, die so nur schwer vorherzusehen war. Für einen Putsch, den die DDR-Propaganda aus dem Aufstand machte, wären eine organisierte Untergrundbewegungen und regelmäßige Kontakte zu den angeblichen Hintermännern im Westen nötig gewesen. Das hätte die Geheimpolizei erkennen und verhindern müssen. Zum anderen kam die Stasi nach dem Aufstand in die paradoxe Lage, Beweise für die Propaganda-Lüge zu sammeln – und damit auch das eigene Versagen zu belegen.

Dadurch geriet die Staatssicherheit in eine Krise. Im Juli 1953 wurde Stasi-Chef Zaisser seines Postens enthoben und von allen Parteiämtern entbunden. Gleichzeitig verlor die Staatssicherheit den Status eines Ministeriums. Sie wurde herabgestuft zum Staatssekretariat für Staatssicherheit (SfS) und in das Innenministerium eingegliedert. Chef des SfS wurde Ernst Wollweber. Erst 1955 wurde die Stasi wieder ein eigenständiges Ministerium. Dies war einerseits die Quittung für das Versagen der Staatssicherheit in den Juni-Tagen. Andererseits sollte damit offenbar vermieden werden, dass die Staatssicherheit zu einem selbstständigen Machtzentrum im Gefüge der SED-Herrschaft werden konnte.

Ernst WollweberErnst Wollweber, der als Stasi-Chef auf Zaisser folgte, mußte im Dezember 1953 selbstkritisch einräumen: "Hier müssen wir feststellen, daß es uns bisher nicht gelungen ist, nach dem Auftrag des Politbüros, die Hintermänner und die Organisatoren des Putsches vom 17. Juni festzustellen." Quelle: BStU, Kaderkarteikarte

Deshalb sollte die Stellung der SED im Apparat der Staatssicherheit unbedingt gestärkt werden. Die einheitlich organisierte Parteiorganisation im SfS wurde abgeschafft. Bisher hatte sich eine direkt dem Zentralkomitee der SED unterstellte "Kreisparteiorganisation" im Staatssekretariat um die Staatssicherheit gekümmert. Sie blieb direkt dem ZK unterstellt, war von nun an jedoch ausschließlich für Berlin zuständig. Die jeweiligen Parteiorganisationen in den Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen der Stasi wurden den territorialen Parteileitungen unterstellt. Die Bezirks- und Kreisleitungen der SED mussten von nun an die parteipolitische Arbeit in den jeweiligen Stasi-Dienststellen anleiten. In die fachlich-operative Arbeit durften sie sich aber auch weiterhin nicht einmischen.

Um nie wieder überrascht zu werden wie im Juni 1953 schuf der neue Stasi-Chef Wollweber ein neuartiges Informationssystem. Im SfS und den Bezirksverwaltungen sollten "Informationsgruppen" gebildet werden. Diese hatten die Aufgabe, aus der Masse der täglichen Informationen die wichtigsten herauszufiltern und in einem Bericht zusammenzufassen. Die Informationsberichte der Bezirke waren täglich morgens an das SfS zu schicken, wo dann der zentrale Bericht erarbeitet wurde. Diese Berichte, die ab 1953 bis zum Ende der Stasi 1989 regelmäßig an die politische Führung in Ostberlin gingen, sammelt die Publikationsreihe "Die DDR im Blick der Stasi". Der Band zum Aufstandsjahr 1953 enthält die ersten Berichte dieser Art.

In Zukunft sollte die Staatssicherheit der Partei vollkommen ergeben sein. Der Chef der Parteikontrollkommission in der SED, Herrmann Matern, erinnerte auf einer Sitzung in der Normannenstraße im November 1953 führende Mitarbeiter der Staatssicherheit daran, in wessen Händen die Macht in der DDR lag. "Die Auffassung, daß die Staatssicherheitsorgane außerhalb oder über der Partei stehen, ist bei den Mitarbeitern ziemlich verbreitet. Aber es muß ein für allemal damit Schluß sein. Es gibt nichts neben und nichts über der Partei. Alle Organe sind der Partei untergeordnet und werden von der Partei geleitet. Alles, was wir sind, sind wir durch die Partei" (ZAN, Dokumentenverwaltung Nr. 102272; zitiert in: Armin Mitter, Stefan Wolle: "Untergang auf Raten", München 1993, Seiten 144 ff.).

Quellen

Geschichtliche Eindrücke

Impressionen vom Aufstand
 

Das Zentrale StreikkomiteeDas Zentrale Streikkomitee Quelle: Zeit-Geschichte(n) e.V.


 

Erstürmung der Bezirkspolizei-BehördeErstürmung der Bezirkspolizei-Behörde Quelle: BStU, MfS, BV Magdeburg, Abt. XIV/4, Seite 13

Der Volksaufstand von 1953 im Blick der Stasi

Der Band zum Jahr 1953 aus der Reihe "Die DDR im Blick der Stasi" enthält die ersten geheimen Berichte der Stasi über die Stimmung im Volk an die SED-Führung. Denn nach dem Aufstand wollte die Staatsspitze ganz genau wissen, wie es zur Revolte kommen konnte – und ob ein weiterer Aufstand droht: Informationen zu dieser Publikation.