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Ein „Faustpfand“ des Mielke-Apparates

Die Staatssicherheit und die Rote Armee Fraktion (RAF)

Am 5. September 1977, entführten Linksterroristen der RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer in Köln und ermordeten seine Begleiter. Ein palästinensisches Terrorkommando brachte am 13. Oktober das deutsche Verkehrsflugzeug „Landshut“ in seine Gewalt und flog es nach Mogadischu.

Beide Kommandos forderten die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern. Als die Bundesregierung nicht auf die Forderung einging und die Flugzeugentführer schließlich überwältigt wurden, tötete die RAF ihre Geisel. Drei der inhaftierten RAF-Mitglieder - Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe - begingen Selbstmord im Gefängnis in Stammheim. Der „Deutsche Herbst“ war beendet.

Zwei Jahre später verdichteten sich, wie Stasi-Unterlagen belegen, die Kontakte der RAF zur Stasi. Als sich zehn Linksterroristen kampfesmüde zeigten, nahm die Stasi sie in die DDR auf – unter ihnen auch solche, die Schleyers Entführung mit vorbereitet hatten. Den weiterhin aktiven RAF-Mitgliedern war vor allem wichtig, dass die Aussteiger nicht in die Hände der bundesdeutschen Polizei fallen würden und sie verraten könnten.

Auszug aus der rekonstruierten Akte zu Maier-WittAuszug aus der rekonstruierten Akte zu Maier-Witt Quelle: BStU, HA XXII 19481, Bl. 20-21

In Ostdeutschland wurden die Ex-Terroristen vor der bundesdeutschen Fahndung verborgen und erhielten falsche Namen und neue Berufe. Von der Stasi wurden sie zunächst in so genannten Operativen Personenkontrollen (OPK) „bearbeitet“, also beobachtet und kontrolliert, später als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) geführt.

Die wahre Identität von Inge Viett, Susanne Albrecht und Silke Maier-Witt (Auszug aus der rekonstruierten Akte) wurde schon 1986 bekannt, woraufhin die Stasi ihre Spuren abermals verwischte. So konnten die Ex-Terroristen erst nach der friedlichen Revolution im Sommer 1990 verhaftet und später verurteilt werden.

Die so genannte Abteilung XXII („Terrorabwehr“) der Stasi beobachtete die Linksterroristen von RAF, Bewegung 2. Juni und Revolutionären Zellen sowie palästinensische Gruppen. Der Mielke-Apparat befürchtete stets, die Terroristen könnten sich auch gegen das SED-Regime wenden. Um sie davon abzuhalten, behandelte sie die Stasi mit Nachsicht und wollte sie beschwichtigen. Die Aufnahme der RAF-Aussteiger versprach Aufklärung über die Absichten der Gruppe und stellte ein „Faustpfand“ in den Händen des Mielke-Apparates dar. Zugleich schätzte die Stasi die „antiimperialistische“ Ausrichtung der RAF; insbesondere Mielke erwog, in einem innerdeutschen Konfliktfall die Linksterroristen hinter den feindlichen Linien einzusetzen.

So duldete die Stasi lange Zeit, dass sich international gesuchte Terroristen in der DDR aufhielten. Die „rechte Hand“ des Top-Terroristen „Carlos“, Johannes Weinrich, konnte den Anschlag auf das französische Kulturzentrum „Maison de France“ sogar von Ost-Berlin aus vorbereiten. Bei dem Bombenanschlag am Berliner Kurfüstendamm im Jahr 1983 kam ein Mensch ums Leben. Deswegen wurde Weinrich in den neunziger Jahren zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und der verantwortliche Stasi-Mitarbeiter der Abteilung XXII zu vier Jahren Haft verurteilt.

Anfahrtsskizze zum Objekt 74Anfahrtsskizze zum Objekt 74 Quelle: BStU, AIM 264/91, Teil I, Band 1

Mehrfach griff die Stasi Linksterroristen „unter die Arme“. Sie sorgte sogar für deren Freilassung, wenn sie in Osteuropa festgenommen wurden. Die bundesdeutsche Fahndung ließ die Stasi hingegen ins Leere laufen, legte „falsche Fährten“ und protegierte die Täter. Mitarbeiter der Abteilung XXII gewährten in den Jahren 1980-82 aktiven RAF-Mitglieder mehrfach Unterschlupf im „Objekt 74“ (Anfahrtsskizze), einer konspirativen Unterkunft bei Frankfurt/Oder, und trainierten sie auf einem Schießplatz im Umgang mit Waffen.

Weiterführende Informationen:

  • zum Leben der Ex-Terroristen in der DDR:
    Tobias Wunschik, Magdeburg statt Mosambique, Köthen statt Kap Verden. Die RAF-Aussteiger in der DDR, in: Klaus Biesenbach (Hg.), Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung, Band 2, Göttingen 2005, Seiten 236-240.
  • zur Haltung der Staatssicherheit gegenüber der politisch motivierten Gewalt:
    Tobias Wunschik, Das Ministerium für Staatssicherheit und der Terrorismus in Deutschland, in: Heiner Timmermann (Hg.), Diktaturen in Europa im 20. Jahrhundert – der Fall DDR Berlin 1996, Seite 289–302.
  • zur „RAF-Stasi-Connection“:
    Martin Jander, Differenzen im antiimperialistischen Kampf. Zu den Verbindungen des Ministeriums für Staatssicherheit mit der RAF und dem bundesdeutschen Linksterrorismus, in: Wolfgang Kraushaar (Hg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, S. 696-713.
  • zu den Kontakten zwischen der linksterroristischen „Bewegung 2. Juni“ und der Stasi:
    Tobias Wunschik, Die Bewegung 2. Juni und ihre Protektion durch den Staatssicherheitsdienst der DDR, in: Deutschland Archiv Nr. 6/2007 i. E.
  • zur zuständigen Diensteinheit der Stasi:
    Tobias Wunschik, Hauptabteilung XXII: Terrorabwehr (MfS-Handbuch, Teil III/16), BStU, Berlin 1995.