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Geschichte der elektronischen Datenverarbeitung im MfS

Das MfS begann schon frühzeitig, die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung für seine Belange zu nutzen. Seit 1963 verwendete die Staatssicherheit Rechentechnik des VEB Maschinelles Rechnen Berlin für ihre Zwecke, seit Dezember 1965 verfügte man dann über eigene Rechentechnik auf Lochkartenbasis.2 Seit 1964 war die Arbeitsgruppe zur Sicherung des Reiseverkehrs (ASR), als Vorläufer der Arbeitsgruppe XIII, für den EDV-Einsatz zuständig. 1968 beschaffte das MfS einen modernen französischen Großrechner.3

Genutzt wurden die ersten Anlagen schon für die verschiedensten Zwecke, so unter anderem für die Erfassung von Einreisen im Rahmen der Passierscheinabkommen4, die Erfassung von Besuchern der Leipziger Messe und die Erfassung von Adressen im Rahmen der Postkontrolle.

Ab dem Jahr 1969 bemühte man sich im MfS verstärkt um den Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung. Besonderen Ausdruck erhielten diese Anstrengungen mit der Bildung der Arbeitsgruppe XIII im Juni 1969 (ab 1972 Abteilung XIII), die von nun an für den zentralen EDV-Einsatz im MfS zuständig war.

Mit der Bildung dieser Arbeitsgruppe begann auch der Aufbau eines eigenen zentralen Rechenzentrums des MfS in Berlin Wuhlheide. Für die Ausstattung des neuen Rechenzentrums wurden, neben der bereits vorhandenen Technik, drei leistungsfähige Großrechner der Firma Siemens beschafft (System S4004).

Ende 1972 hatte das MfS bereits die gesamten Daten seiner zentralen Personenkartei, der so genannten F 16 (damals ca. 4 Mio. Karteikarten), auf Magnetbändern gespeichert und damit eine weitere Voraussetzung für den systematischen EDV-Einsatz erfüllt.5

Stasi-Chef MielkeStasi-Chef Mielke Quelle: DHM Berlin, BA R0522/177N

Es kann davon ausgegangen werden, dass die HV A ebenfalls ab Ende der sechziger Jahre begann, den Einsatz der EDV für ihre Zwecke vorzubereiten. Der genaue Zeitpunkt konnte bisher, wegen der nur sehr lückenhaften schriftlichen Überlieferung, nicht eindeutig festgestellt werden. Bereits auf einer Delegiertenkonferenz der HV A Anfang 1967 hatte Erich Mielke über die neuen Möglichkeiten, die dem MfS jetzt durch Computer zur Verfügung stünden, gesprochen:

" ...Die Sache ist nämlich so: wenn wir erst anfangen mit dem Komputer und wenn dann einer dran sitzt, Genossen, der alles herausdrücken kann, dann muß das schon ein treu ergebener Mensch sein, der muß - wir wollen hier nicht überheblich sein - noch besser sein als Markus Wolf, Heidenreich und ich vielleicht auch und mancher andere und Genosse Fruck. Das muß er!"6

Im Februar 1969 ließ Markus Wolf bei der für Chiffrierfragen zuständigen Abteilung XI des MfS anfragen, ob ein Speicherauszug aus einem Siemens-Rechner des Typs S4004 durch die Experten dieser Abteilung zu entschlüsseln ist.7

Im Jahr 1973 begann dann der Aufbau des "Systems der Informationsrecherche der HV A" - SIRA. In SIRA sollten die Informationen elektronisch registriert werden, die von den Spionen der HV A, zumeist im Westen, beschafft wurden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die HV A bereits einige zehntausend Informationen der Vorjahre auf Lochstreifen erfasst.8 Sie bildeten die Datengrundlage für das neue System. Die Datenverarbeitung erfolgte ebenfalls auf einem Siemens S4004-Rechner der Abteilung XIII. Als Software wurde die von Siemens entwickelte großspeicherorientierte, listenorganisierte Ermittlungsmethode - GOLEM - genutzt.9

Die ersten Nutzer von SIRA waren die Abteilung V des Sektors Wissenschaft und Technik (SWT) der HV A, sodann die zentrale Auswertungsabteilung VII und die für "Regimefragen" zuständige Abteilung VI. Später kam noch der für die Auswertung der Gegenspionage zuständige Bereich C der Abteilung IX hinzu. Das Datenverarbeitungsprojekt SIRA erhielt die interne Projektnummer 3100, die Teilprojekte die Nummern 3111 (SWT), 3112 (Abteilung VII), 3113 (Abteilung VI/B) und 3114 (Abteilung IX/C). Im Zuge der Ablösung der Siemens- Hard- und Software, ab dem Jahr 1985, wurden die bisherigen Teilprojekte zu Teildatenbanken des neuen EDV-Gesamtsystems der HV A.

So entstanden die neuen Teildatenbanken 11, 12, 13 und 14. Das System basierte auf dem von den Ostblockstaaten gemeinsam entwickelten "Einheitlichen System Elektronischer Rechentechnik (ESER), bei dem es sich weitestgehend um Nachbauten von IBM-Großrechnersystemen handelte. Als gemeinsame Software für die neuen Datenbanken diente das "System für Massendaten" (SFM). Die Abteilung XVIII der HV A begann mit dem Aufbau der Teildatenbank 15.10 Noch für 1989/90 war der Aufbau weiterer Teildatenbanken vorgesehen.

Anmerkungen

  • 2 Typ Gamma 10 des französischen Herstellers Bull; MfS Abt. XIII 585, S. 42 - 44
  • 3 Serie GE 100 des französischen Herstellers General Electric Bull; BStU, MfS Abt. XIII 585, S. 42 - 45
  • 4 MfS-Aktionen "Gast II" (Pfingsten 1965) und "Gast III" (Weihnachten 1965)
  • 5 BStU, Abt. XII 2050, S. 120-123
  • 6 BStU, SdM 1343, S. 50. Markus Wolf, Chef der HV A; Gerhard Heidenreich, 1. Sekretär der SED-Kreisleitung im MfS, zuvor Stellvertreter von Markus Wolf; Hans Fruck, stellvertretender Leiter der HV A.
  • 7 Markus Wolf bittet "zur Sicherung des Datenverarbeitungsprogramms im MfS gegen Ausspähung" um die Überprüfung der "Entschlüsselbarkeit" eines Speicherauszugs aus einer Siemens 4004-Anlage, die mit dem Programm GOLEM betrieben wird; BStU, MfS Abt. XI 57, S. 2.
  • 8 BStU, MfS ZAIG 25598, S. 6-8.
  • 9 Die HV A legendierte sich bei ihren Geschäften gegenüber Siemens als "Zentralinstitut für Information und Dokumentation" (ZIID).
  • 10 In die Teildatenbank 15 sollten Informationen der HV A - Abt. XVIII, zuständig für die Vorbereitung von Sabotage und die Aufklärung von Zivilschutz, eingespeichert werden.