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Das Sputnik-Verbot vom 18. November 1988 und die Reaktionen von SED und MfS

Der "Sputnik" war eine Monatszeitschrift der sowjetischen Auslandspropaganda. Der Vertrieb in der DDR umfasste 130.000 Exemplare im Abonnement und 60.000 im Einzelverkauf. Mit Beginn der Politik von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion interessierten sich vermehrt intellektuelle Kreise für die Zeitschrift. Sie enthielt Informationen über die Reformpolitik Gorbatschows sowie über frühere Tabuthemen wie die Aufarbeitung des Stalinismus. Ihren Lesern bot die Zeitschrift damit eine willkommene Abwechslung in der tristen Medienlandschaft der DDR. Genau deshalb wurde sie der SED-Führung ein Dorn im Auge. Das Sputnik-Verbot löste einen Konflikt aus, dessen Bedeutung vorwiegend darin lag, dass die Parteiführung nun selbst die Geduld ihrer treuen Anhänger überstrapazierte.

Es war nicht die erste Maßnahme dieser Art: Bereits zu Beginn des Jahres 1988 waren aufgrund ideologischer Bedenken drei Ausgaben der deutschspachigen, sowjetischen Zeitschrift "Neue Zeit" nicht ausgeliefert worden. Zeitgenössische Literatur aus dem Bruderland wurde kaum noch veröffentlicht, Filme kamen nicht in den Verleih. Nicht anders erging es den Zeitungen "Budapester Rundschau" und "Prager Volkszeitung". Zu einem Proteststurm kam es jedoch erst mit dem Auslieferungsstopp des "Sputnik". Bereits die Nichtauslieferung der Oktoberausgabe zog eine Flut von Eingaben an das offiziell zuständige Postministerium nach sich.

Am 18. November folgte dann eine lapidare ADN-Meldung folgenden Inhalts: "Wie die Pressestelle des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen mitteilt, ist die Zeitschrift 'Sputnik' von der Postzeitungsliste gestrichen worden. Sie bringt keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, statt dessen verzerrende Beiträge zur Geschichte."

Es war unschwer zu erraten, dass das Verbot nicht vom Postministerium veranlasst worden war. Vielmehr handelte es sich um einen Alleingang des Staats- und Parteichefs Honecker unter Mithilfe der Bürokraten aus der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der SED. Mit Argumenten wie "Gegen die Entstellung der historischen Wahrheit" und "Verzerrung der Geschichte" lieferte die SED-Führung in Artikeln ihres "Zentralorgans" Neues Deutschland vom 24. und 25. November die Begründung für ihre Entscheidung nach. Sie war eine kaschierte Abwendung vom Demokratisierungsprozess in der UdSSR.

Die Reaktionen waren ablehnend, wütend und teilweise aggressiv sowohl von SED-Mitgliedern wie auch von Parteilosen.

Das Zentralkomitee der SED, die Jugendorganisation der Partei (FDJ), die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF), das Presseamt, verschiedene Zeitungsredaktionen sowie weitere staatliche und gesellschaftliche Organisationen erhielten Tausende von Eingaben aus Betrieben, Universitäten, Schulen und von Einzelpersonen. Beispielhaft dafür stehen folgende Stasi-Dokumente:

Die PKK hatte sich sogar mit Eingaben von Stasi-Mitarbeitern auseinanderzusetzen.

Drastisch formulierte Einzel- und Kollektiveingaben wurden zur weiteren Bearbeitung an die Stasi übergeben. Alle anderen Einsender erhielten standardisierte Antworten unter Verweis auf die oben erwähnten Artikel. Die Aussprachen zwischen der Parteikontrollkommission (PKK) und den Verfassern der Eingaben vom Dezember 1988 basierten auf den Argumenten aus diesen beiden Artikeln. Sie dienten zur "Gesinnungsprüfung" der betreffenden SED-Mitglieder. Schließlich gelang es damit, Diskussionen über die Situation in der DDR noch einmal abzuwürgen.

Für die Parteiführung hatte das Sputnik-Verbot schwerwiegende Folgen. Es vertiefte die Entfremdung zwischen der SED und ihren "loyal-reformorientierten" Anhängern, befürchteten letztere doch eine Abschottung der DDR auch nach Osteuropa. Die beinahe unterschiedslosen Argumentationen von SED-Mitgliedern und Parteilosen zeugten laut Stasi-Berichten von Unverständnis und Ablehnung des Verbots. Selbst die so genannten "progressiven Kräfte" übten Kritik an der Informationspolitik der SED und forderten eine argumentative Auseinandersetzung mit den Positionen im "Sputnik".

Reaktionen gab es auch von sowjetischer Seite. Im Februar 1989 musste das SED-Politbüro zur Kenntnis nehmen, dass die Sowjetunion zum 1. April eine erheblich Reduzierung der Bezugszahlen von 24 DDR-Zeitungen und –Zeitschriften mit der Begründung eines erforderlichen Ausgleichs der gegenseitigen Lieferungen verfügte:

Erst unter dem neuen SED-Generalsekretär Egon Krenz wurde im Oktober 1989 eine Wiederaufnahme des "Sputnik" in die Postzeitungsliste angekündigt.