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Honecker und Bischof Leich, Vorsitzender der evangelischen Kirchenleitungen, am 3. März 1988

Spätestens zu Beginn des Jahres 1988 war der Dialog zwischen evangelischer Kirche und Staat bzw. SED-Führung erheblich gestört. Die Vorfälle um die Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde Ende November 1987, die Festnahmen im Rahmen des Liebknecht/Luxemburg-Gedenkmarsches am 17. Januar 1988 sowie der Gedenkveranstaltung in Dresden am 13. Februar 1988 machten überdeutlich, dass der SED-Staat sich seiner Bürger nur noch durch offen repressives Vorgehen der Sicherheitsorgane erwehren konnte. Stasi-Chef Mielke war sich bewusst, dass die evangelische Kirche eine Schlüsselrolle sowohl im Hinblick auf den Umgang mit der innerstaatlichen Opposition als auch in den Beziehungen zur Bundesrepublik hatte.

Vor allem die hohe Zahl von Ausreisewilligen und deren Bereitschaft, ihre Forderungen öffentlich vorzutragen, wurden für SED und MfS zum Problem und für das Staat-Kirche-Verhältnis zu einer schwerwiegenden Belastungsprobe. Da die evangelischen Kirchen als einzige vom Staat unabhängige Organisationen für zahlreiche Bürgerrechtler und Ausreisewillige einen Schutzschirm bot, geriet sie zunehmend unter den Druck der Partei- und Staatsführung. Eine am 8. Februar in Ost-Berlin eröffnete Anlaufstelle für die seelsorgerische Betreuung von Ausreisewilligen wurde wegen zu hohen Andrangs wieder geschlossen. Verbunden war das mit dem Hinweis von Generalsuperintendent Günter Krusche, dass mit der Einrichtung dieser Stelle bei einigen der falsche Eindruck entstanden sei, die Kirche könne bei der Übersiedlung helfen. Auch innerhalb der Kirche fühlten sich viele Gemeinden überfordert und beklagten, dass die Kirche sich mehr um die Ausreisewilligen kümmere als um jene, die in der DDR bleiben wollen. Um den Burgfrieden zwischen Kirche und Staat nicht zu gefährden, war ein Gespräch auf höchster Ebene, so wie es am 6. März 1978 stattgefunden hatte, notwendig geworden. Damals hatten beide Seiten die Grundlagen ihres Verhältnisses festgelegt.

Schon vor dem Zusammentreffen kam es am 19. Februar zu einem vertraulichen Treffen zwischen dem Politbüromitglied Werner Jarowinsky und dem Vorsitzenden des Kirchenbundes, Bischof Leich, in dem die Kirchenleitung von Jarowinsky in einer scharf formulierten Erklärung aufgefordert wurde, auf innenpolitisches Engagement zu verzichten. Die Reaktion Leichs wurde in den beiden folgenden Dokumenten von der Stasi festgehalten:

Grundlage für dieses sowie für alle weiteren Gespräche zwischen staatlichen Gremien und evangelischer Kirche war Honeckers Konzeption "Zu prinzipiellen Fragen der Beziehungen zwischen Staat und Kirche". An ihr richtete Mielke seine Anweisungen an die operativen Diensteinheiten des MfS aus.

In der Folge erstellten sämtliche Bezirksverwaltungen der Stasi Berichte über Ergebnisse und Reaktionen auf die Gespräche zwischen staatlichen Organen und kirchlichen Kräften entsprechend der bezirklichen Konzeption zur Durchsetzung der SED-Politik.

Am 3. März 1988 empfing dann SED-Chef Honecker den Vorsitzenden der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitung in der DDR, den thüringischen Landesbischof Werner Leich. In dem von Leich angeregten Gespräch sollten Fragen und Probleme erörtert werden, mit denen DDR-Bürger immer öfter an die Kirche herangetreten waren. In diesem Zusammenhang thematisierte der Bischof die dem Bürger nicht bekannten Kriterien der Reisebestimmungen, die verweigerten Begründungen für abgelehnte Reisegesuche, der distanzierte Umgang der Dienststellen mit dem Bürger, die Gleichsetzung von Kritik mit Staatsfeindlichkeit und das Auseinanderklaffen von alltäglicher Realität und Medienberichterstattung. Leich machte darauf aufmerksam, dass diese Probleme ihren Ursprung nicht im kirchlichen, sondern im gesellschaftspolitischen Bereich haben.

Honecker sprach von positiven Veränderungen im gesellschaftlichen Leben der DDR seit dem letzten Treffen 1978. Er machte seinerseits gemeinsame Grundinteressen von Kirche und Staat aus. So lobte er vor allem das Friedensengagement beider Seiten. Über Meinungsverschiedenheiten, die es laut Honecker auch gebe, könne man sich jederzeit verständigen. Von der Stasi wurde genau registriert, wie sich Bischof Leich im Anschluss über dieses Gespräch geäußert hat.

Einen Tag später nahm Bischof Leich in einem ARD-Interview zu den Reaktionen Honeckers Stellung. Seiner Meinung nach hatte Honecker verstanden, dass die Kirche tätig werden musste, da der Staat als Dialogpartner ausfiel. Leich stellte klar, dass es immer wieder "Störfälle" geben werde, "wo der Inhaber der politischen Macht versucht ist, seine Überzeugung nicht durch Mittel der geistigen Auseinandersetzung, sondern einfach durch Anwendung der ihm zur Verfügung stehenden politischen Macht durchzusetzen."

Damit sollte er Recht behalten. Schon am 6. März kontrollierten Sicherheitskräfte die Gottesdienstbesucher der evangelischen Sophienkirche in Ostberlin. Darunter befanden sich auch etwa 200 Ausreisewillige, die teilweise sogar geschlagen wurden. Weitere Kontrollen in anderen Städten, Eingriffe der staatlichen Zensur in die Kirchenpresse und Berichterstattungsverbote für westliche Journalisten über Synodaltagungen mehrerer DDR-Landeskirchen folgten.

Vor dem Hintergrund zunehmender Verunsicherung von SED-Führung und MfS im Verlauf des Jahres 1988 sollte die evangelische Kirche auch weiterhin ein Schwerpunktbereich der Stasi bleiben, wie etwa die folgenden Dokumenten zeigen: