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Durchsuchung der Umweltbibliothek in Berlin im November 1987 und die Reaktionen der Bürgerrechtsbewegung

Von der Friedensthematik ausgehend entwickelte die Opposition in den 80er Jahren eine neue Qualität. Dabei kam es zu einer engen Verbindung mit Kreisen der evangelischen Kirche, die sich mit kritischen Äußerungen bis dahin eher zurückgehalten hatten. Zudem hatte eine Vielzahl oppositioneller Gruppen das Umweltthema aufgegriffen. Entscheidend für ihre öffentliche Wahrnehmung war die Entstehung zahlreicher Publikationen wie des "Grenzfall" der Initiative für Frieden und Menschenrechte (IFM) oder der "Umweltblätter" der Umweltbibliothek (UB). Im Vorgehen gegen diese Oppositionsgruppen setzte der Staat nicht nur auf Kontrolle und Zersetzung der Gruppen durch Inoffizielle Mitarbeiter (IM), sondern griff auch zu offener Repression wie das Beispiel der Zionskirchaffäre im November 1987 zeigt.

Die Umweltbibliothek wurde im September 1986 gegründet und etablierte sich in den Räumen der Zionskirchgemeinde. Sie befasste sich außer mit Umwelt- auch mit weltanschaulichen und politischen Themen, weshalb die Staatssicherheit der Auffassung war, dass "die Bezeichnung Öko- und Umweltkreis und 'Umweltbibliothek' lediglich als Tarnung für die grundsätzlich verfassungsfeindliche Ausrichtung des Zusammenschlusses" dient.

SED-Funktionäre bezeichneten die Arbeit der Umweltbibliothek als "Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten" und als Verstoß gegen die Trennung von Kirche und Staat (die sie selbst nie respektierten). Nach Meinung der Stasi bildete die Umweltbibliothek einen "Schwerpunkt des politischen Missbrauchs kirchlicher Einrichtungen".

Nach Honeckers Rückkehr von dem Arbeitsbesuch in der Bundesrepublik erhielt die Staatssicherheit die Erlaubnis zum offenen Vorgehen gegen die Redaktion der Zeitschrift "Grenzfall". Die Aktion "Falle" wurde nach Aussagen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter direkt von Minister Mielke angeordnet. Das MfS hatte es auf vorgeblich "staatsfeindliche" Schriften abgesehen. Mit der Aktion "Falle" war die Idee verbunden, die Hersteller des "Grenzfall" zu veranlassen, in der Umweltbibliothek zu drucken und sie dort "auf frischer Tat" zu ertappen. Das von der IFM verbreitete Blatt galt als eine der kritischsten Samisdat-Publikationen in der DDR.

In den Räumlichkeiten der Gemeinde wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1987 jedoch die (als innerkirchliche Publikation legalen) "Umweltblätter" gedruckt. In einer Nacht- und Nebelaktion durchsuchten Staatssicherheit und Staatsanwaltschaft die Räume, nahmen sieben Mitglieder vorläufig fest und beschlagnahmten Material und Vervielfältigungsgeräte. Der "Grenzfall" wurde allerdings - entgegen der Darstellung in einem Schreiben von Minister Mielke - in dieser Nacht nicht hergestellt.

Die Staatssicherheit vermutete in der Folge weitere Aktionen der Opposition.

Vor allem die Herausgeber des "Grenzfall" gerieten nun ins Visier der Stasi.

Die Stasi bediente sich auch arbeitsdisziplinarischer Maßnahmen und "offensiver politischer Einflussnahme".

In den folgenden Tagen wurden auch in anderen Städten Oppositionelle vorgeladen oder vorübergehend festgenommen und Materialien beschlagnahmt. Auswärtigen Mitgliedern oppositioneller Gruppen wurde der Besuch Ost-Berlins untersagt, um Solidaritätskundgebungen einzudämmen. Es kam dennoch zu zahlreichen Solidaritätsbekundungen und Protestveranstaltungen. Vor dem Hintergrund, dass die Festgenommenen beim Druck der "Umweltblätter" anstatt des "Grenzfall" (der nicht den Schutzzusatz "für den innerkirchlichen Gebrauch" trug) erwischt worden waren, mussten sie wieder freigelassen werden. Am 28. November wurden die letzten beiden Personen auf freien Fuß gesetzt. Mit der Aktion "Falle" war die Staatssicherheit erstmals seit den 50er Jahren wieder offen in eine Kirche eingedrungen und hatte so das Ansehen des SED-Regimes weiter aufs Spiel gesetzt.

Im Bericht der Stasi wurde den kirchlichen Amtsträgern und dem Verhältnis von Kirche und Staat besonderes Augenmerk geschenkt.

Insgesamt bedeutete die Zionskirch-Affäre für Partei und Staatssicherheit eine Niederlage. Die Ermittlungsverfahren gegen vier Umweltbibliothek-Mitglieder wurden eingestellt und der Bekanntheitsgrad ihrer Zeitschrift und ebenso der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), insbesondere durch die Westmedien, beträchtlich erhöht. Der relativ glimpfliche Ausgang für die Betroffenen war – neben der Solidarisierungswelle – auch auf intensive Verhandlungen zwischen den Vertretern der Ostberliner Kirchenleitung und den zuständigen staatlichen Stellen zurückzuführen. Beide Seiten wollten letztlich keine grundsätzlichen Veränderung ihrer Beziehungen.

Auch noch in der Folge erfuhr die Umweltbibliothek breite nationale und internationale Solidarität. Im darauf folgenden Jahr erweiterte sie ihr Themenspektrum und professionalisierte ihre Arbeit. Durch Spenden konnten moderne Computer- und Drucktechniken aus dem Westen beschafft werden, was wiederum bei der Stasi für Unruhe sorgte.