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Borkum

Auf Borkum war die Stasi unter anderem bei der Observierung der Flüchtlingslager und an der Küste aktiv. Der Untergang eines DDR-Schiffes unweit der Insel sowie das Abhören von Funkstrecken auf der Nordsee und das Auskundschaften einer Forschungsplattform auf dem Meer gehörten ebenfalls zu ihren Aktivitäten in der Region.

Flüchtlingslager Borkum, Emden und Aurich

In den 50er Jahren nahm Niedersachsen einen besonders großen Anteil an DDR-Flüchtlingen auf. So gab es dort auch eine größere Anzahl an Flüchtlingslagern, unter anderem auf Borkum, in Emden und Aurich. Auf Borkum war das Lager in einer früheren Kaserne, heute ist dieser Komplex eine Jugendherberge. Nachdem die Stasi eine zeitlang Informationen von einzelnen Personen, die sie oft auch als Inoffizielle Mitarbeiter verpflichten konnte, über die Lager sammelte, eröffnete sie 1959 einen "Objektvorgang". So hieß eine Vorgangsart, mit der die Stasi von 1953 bis 1976 bzw. 1981 die Überwachung von Organisationen, Institutionen und Betrieben beschrieb. Das konnten in der DDR zu "sichernde" Einrichtungen sein bzw. westliche Organisationen, die ausgespäht und bekämpft wurden.

Am 21. Februar 1955 warb die Stasi in Halle einen Bürger als "Geheimen Informator" (GI) an. Der Mann aus Emden war 1954 nach Halle übergesiedelt, wo die dortige Bezirksverwaltung der Stasi ihn routinemäßig als "Neubürger" befragte. Von besonderem Interesse war dabei die Tatsache, dass der Mann in Emden für einen Wach- und Sicherheitsdienst gearbeitet hatte. Das veranlasste die Stasi den Mann zu überreden, wieder in den Westen zu reisen und dort für sie zu spionieren. Von 1955 bis 1957 wurde er als GI "Günther" auf das Lager Emden und Umgebung angesetzt. Im "Auftrag Nr. 1" erhält er Instruktionen, wie er Kontakt zu einem Mitarbeiter des Bundesamts für Verfassungsschutz aufnehmen soll. In den Stasi-Unterlagen ist das Amt als Bundesverfassungsschutzamt (BVSA) bezeichnet. 1958 beendete das MfS die Zusammenarbeit mit "Günther", weil dieser sich "dekonspiriert", d.h. also selbst enttarnt habe und sich "persönliche Vorteile habe verschaffen wollen".

Diese sehr detailgenaue Zeichnung des Lagers Borkum wurde von einem DDR-Aussiedler erstellt, der 1957 wieder in die DDR zurückkehrte. Er verpflichtete sich dort dann als Inoffizieller Mitarbeiter unter dem Decknamen "Paul Berger" und war von 1963 bis 1965 im Bezirk Halle im Einsatz.

Der Beschluss vom 4. August 1959 eröffnete den Objektvorgang zu den Flüchtlingslagern im Raum Niedersachsen, u.a. auch Borkum. Als Grund wurde angegeben, dass die Flüchtlingslager von "imperialistischen Geheimdiensten" für Agententätigkeit ausgenutzt würden, also die Flüchtlinge von Mitarbeitern "gegnerischer" Geheimdienste befragt, instruiert und bisweilen als Agenten in die DDR zurückgeschickt würden. Diese Praxis war der Stasi selber auch geläufig.

Der Untergang der MS Capella

Am 3. Januar 1976 geriet das DDR-Frachtschiff MS Capella durch einen Orkan in Seenot. Das Küstenschiff der Deutfracht Seereederei Rostock (DSR) war mit Salz und Futtermitteln beladen. Der Versuch, die Reede von Borkum zum Schutz vor dem Sturm zu erreichen, misslang. Das Schiff sank zwischen Borkum und Schiermonnikoog und alle elf Besatzungsmitglieder ertranken Zwei weitere DDR-Schiffe in Unglücksnähe, die Frachter Nienburg und Laidaue, hatten zusammen mit Seenotrettungsdiensten aus Deutschland und den Niederlanden versucht zu helfen. Nach dem Unglück wurde die Stasi aktiv und untersuchte und dokumentierte die damaligen Vorgänge genau. Wenn DDR-Schiffe in westlichen Gewässern kreuzten, wurden sie im Vorfeld ohnehin routinemäßig von der Stasi überprüft, weil einer möglichen Flucht der Seeleute sowie westlicher Spionage vorgebeugt werden sollte.

In einer ersten Meldung am 4. Januar 1976 wurden die dramatischen Rettungsmaßnahmen festgehalten.

In einem elfseitigen Bericht mit der Datumszeile "Antwerpen, 18.1.76" wurden alle Details rund um das Unglück und die Bergungsversuche ausführlich beschrieben. Der Berichtsschreiber, ein aus Rostock entsandter Mitarbeiter, berichtete über die Untersuchungen am Wrack, den Streit der niederländischen und deutschen Behörden um die Zuständigkeit und die Vermutung der westlichen Behörden, das DDR-Schiff hätte Schmuggelgut an Bord gehabt. In welchem Verhältnis der Mitarbeiter zur Stasi stand, lässt sich an Hand der vorhandenen Dokumente nicht bestimmen.

Der Inoffizielle Mitarbeiter "Klaus" (ein IME – Inoffizieller Mitarbeiter im besonderen Einsatz) informierte die Stasi am 15. März 1976 über die Position des Wracks und berichtete von einer Wilhelmshavener Firma, deren Taucher mit der Untersuchung betraut waren. Ziel war es dabei auch, möglicherweise noch vorhandene "Schiffsunterlagen für den V-Fall" (Verteidigungsfall) sicherzustellen.

Forschungsplattform "Nordsee" und NATO-Telefonate

Die MfS-Hauptabteilung III, Funkaufklärung und Funkabwehr, war aktiv im bundesdeutschen Funknetz unterwegs. Sie hörte Telefonate und Funksprüche ab und fing Faxe und Telexe ab. Im Jahr 1987 interessierte sie sich u.a. für eine westdeutsche Forschungsplattform nordwestlich von Helgoland.

In dem Berichtsdokument zum Ausspionieren der Plattform heißt es, sie stelle "… durch ihre geografische Lage einen idealen Vorposten für Seeraumaufklärung dar". Im Rahmen einer "maritimen politisch-operativen Aktion" wurden auch durch das Abhören des NATO-Funknetzes "ACE High" – auf der Strecke Aurich – Thorphej geheime Informationen gewonnen. 400 Gespräche mit 200 Personen und 50 Dienststellen waren die Ausbeute, ein vor allem mit Blick auf NATO-Manöver für die Stasi geheimdienstlich sehr kostbares Material. Der Stasi gelang es sogar, sich von einem Schiff aus direkt in weitere Funkverbindungen einzuwählen und sämtliche Schiffs- und Flugverbindungen wie etwa nach Westerland und Helgoland auszuspähen. Bis hin zum Skagerrak war die Nordsee im Visier der Stasi.

Für grundlegende Informationen zur Funkaufklärung der Stasi:
Anatomie der Staatssicherheit, Hauptabteilung III Funkaufklärung und Funkabwehr

MfS-Lexikon

Begriffe, Personen und Strukturen der Staatssicherheit der DDR

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