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Ingolstadt

In Ingolstadt interessierte sich die Stasi für das Audi-Werk, eine Erdöl-Pipeline und eine Raffinerie. Zudem führte sie hier einen Bank-Angestellten als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM), der Finanzdaten seiner Kunden an das MfS lieferte. Später konnte das MfS auch seinen Sohn anwerben und ihn als IM verpflichten.

Bankmitarbeiter lieferte als IM Informationen

Unter dem Decknamen "Wolf" war ein Ingolstädter Bank-Mitarbeiter als Inoffizieller Mitarbeiter von 1980 bis zum Mauerfall 1989 für die Stasi tätig. Er war durch einen früheren Bekannten, der in der DDR lebte, geworben worden. IM "Wolf" leitete Informationen über Bankgeschäfte weiter, darunter Listen von Schuldnern, Konkursen und Vergleichen. Einige der Unterlagen waren von der Stasi zerrissen worden und sind später im Stasi-Unterlagen-Archiv wieder zusammengesetzt worden

Im Dokument vom 12.1.1979 wird ein in der DDR lebender Inoffizieller Mitarbeiter "Schleif" beschrieben. Er machte die Staatssicherheit 1977 auf einen Westdeutschen aufmerksam, den er seit zehn Jahren kannte und der regelmäßig seine Familie in der DDR besuchte. IM "Schleif" wohnte im Nachbarhaus der Familie. Die Stasi beabsichtigte nun, den Westdeutschen, der als Kontaktperson (KP) "Wolf" bezeichnet wurde, als IM anzuwerben. Sie nutzte dafür aus, dass dieser aus der DDR stammte und seine familiären Kontakte in die Heimat DDR pflegte.

In der "Kurzauskunft" der Abteilung XV der MfS-Bezirksverwaltung Gera vom 7. Juni 1982 wird der IM beschrieben. Fast drei Jahre lang bereitete die Stasi dessen Anwerbung vor; seit 1980 war er als Inoffizieller Mitarbeiter im Einsatz.

Ein sogenannter Informationsbegleitbogen aus dem Jahr 1989 dokumentiert, dass IM "Wolf" Listen von Schuldnern, Konkursen und Vergleichen aus seiner Bank an die Stasi gab. Die finanzielle Lage von Personen und Wirtschaftsunternehmen konnten für das MfS wichtig sein, denn so ließen sich eventuell weitere Zuträger anwerben.

Im "Bericht über die Werbung" vom 8. Oktober 1986 geht es um den Sohn des IM "Wolf". Er ist zunächst als sogenannte KP (Kontaktperson) verzeichnet. Gemeinsam reisten Vater und Sohn am 20. September 1986 zum Familienbesuch in die DDR. Dabei sollte der Sohn angeworben werden. Die Stasi schrieb, dass für das Gelingen der Anwerbung "sein gefestigtes, vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Vater" (IM "Wolf") entscheidend gewesen sei, der "den Werbeprozeß vorbereitete und tatkräftig unterstützte". Später tauchte der Sohn in den Unterlagen auch als IM auf.

1989, im Jahr des Mauerfalls, suchte die Stasi eine neue Verwendung für IM "Wolf", der mittlerweile in Rente war. Er habe zwar "keinen Zugriff mehr auf Schuldnerlisten", aber es ergäben sich "neue Einsatzmöglichkeiten". Darunter wurden eine "gezielte Verbindungsaufnahme zum OB (Oberbürgermeister) der Stadt" genannt, aber auch "Möglichkeiten der gezielten Aufklärung eines ausgewählten Grenzabschnitts" zwischen der damaligen Bundesrepublik und Österreich.

Raffinerie und Pipeline im Visier der Stasi

Die 1966 errichtete und 1997 für den Öltransport stillgelegte Pipeline Central European Line (CEL) endete in Ingolstadt. Die DDR-Staatssicherheit hatte in den 70er und 80er Jahren ein großes Interesse an dieser Leitung und an Raffinerien wie der ERIAG (Erdölraffinerie Ingolstadt AG). Mehrere Inoffizielle Mitarbeiter sollten sie auskundschaften und aus strategischen Gründen Informationen zur Infrastruktur liefern. Auch über die politischen Debatten im Westen Anfang der 80er Jahre wollte die Stasi etwas erfahren.

IM "Jupp" und dessen Frau, IM "Luise", waren für die Stasi wichtige Quellen in Ingolstadt. Im Auftrag vom 23. November 1973 wird für sie das Untersuchungsobjekt beschrieben, das sie auskundschaften sollen. Auch der Ort und das Datum für das nächste Treffen ein halbes Jahr später in Ost-Berlin wurden vermerkt.

Die "Treffkonzeption" für eine Zusammenkunft am 14. Juni 1983 in Ost-Berlin dokumentiert den genauen Ablauf des Treffens und die Informationen, die IM "Jupp" liefern sollte. Als neuen Aufgabe gab ihm den Stasi den Auftrag, die Grenze zwischen Deutschland und Österreich im Detail zu erkunden.

IM "Jupp" lieferte dem MfS Ingolstädter Stadtpläne, auf denen die Öl-Pipeline eingezeichnet worden war. Markierungen zeigten, an welchen Stellen sich Zugangsmöglichkeiten zur Leitung und technisch wichtige Einrichtungen befanden.

Das Audi-Werk unter Beobachtung

In den 80er-Jahren verkaufte der DDR-Betrieb Umformtechnik Erfurt Kurbelpressen an die Automobilhersteller Audi und VW in der alten Bundesrepublik. Für diesen Auftrag reisten über Jahre Mitarbeiter des Maschinen- und Großpressenbauers nach Ingolstadt sowie Audi-Angestellte nach Erfurt. Die Stasi überwachte die Verhandlungen und den Aufbau der Maschine. Von den Erfurter Entwicklern und Monteuren waren etliche als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) für die Stasi tätig. Sie kundschafteten das Audi-Werk aus, bespitzelten die Angestellten und ihre eigenen mitreisenden Kollegen.

Die Leitung der Abteilung XVIII (Sicherung der Volkswirtschaft) der Bezirksverwaltung (BV) Erfurt bestätige 1985 die Eignung des IMS "Robert" für einen Einsatz in Ingolstadt. Sie fassten in diesem Papier seine Aufgaben zusammen.

Auch die Vertreter von Audi überwachte die Stasi während ihrer Reisen nach Erfurt. Dafür gab sie 1986 in einem Auftrag Anweisungen und Hinweise.

MfS-Lexikon

Begriffe, Personen und Strukturen der Staatssicherheit der DDR

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