Navigation und Service

August 1989

Fluchtwelle / Mielkes Dienstbesprechung am 31.8.1989

Im ersten Halbjahr 1989 hatten über einhunderttausend Bürger Anträge darauf gestellt, aus der DDR in die Bundesrepublik überzusiedeln. Nach bisherigen Erfahrungen würden sie Monate, wenn nicht Jahre auf eine Genehmigung warten müssen. Doch plötzlich eröffnete sich eine neue Möglichkeit: Ungarn begann im Mai 1989 die Grenzanlagen nach Österreich abzubauen und damit durchlässiger zu machen. Zugleich wurden DDR-Bürger, die bei einem Fluchtversuch in den Westen festgenommen worden waren, nur noch in seltenen Fällen in ihr Herkunftsland abgeschoben. Die ersten Wagemutigen riskierten im Juni und Juli 1989 den immer noch gefährlichen Weg über die "grüne Grenze" (Noch im August wurde ein DDR-Bürger an dieser Grenze erschossen.). Andere suchten die bundesdeutschen Botschaften in Budapest und in Prag in der Hoffnung auf, von dort in die Bundesrepublik abgeschoben zu werden. Aus Dutzenden wurden bald Hunderte, aus Hunderten Tausende und Zehntausende.

Wie die Staatssicherheit darauf reagiert hat, wird im folgenden unter mehreren Aspekten dokumentiert.

Erstens hatte sie die SED-Führung über die Fluchtwelle zu informieren. Ein frühes Beispiel sind die

Unmittelbar nach der endgültigen Öffnung der ungarischen Grenze in der Nacht vom 10. zum 11. September erarbeitete die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe eine

Einen zusammenfassenden Überblick zu Ausreise und Flucht zwischen Januar und September 1989 bietet die

Zweitens sollte die Staatssicherheit selbstverständlich nicht nur die SED informieren, sondern auch einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Fluchtwelle einzudämmen. Sie hat dabei lange gezögert, weil sie von der SED-Spitze angewiesen worden war, alles zu unterlassen, was den wachsenden Unmut in der Bevölkerung noch weiter anheizen würde. Nach der ungarischen Grenzöffnung aber konnte nicht mehr länger gewartet werden. Der Staatssicherheitsminister gab nun den Befehl, eine ganze Reihe von Maßnahmen zu ergreifen:

Zu unterbinden vermochte die Staatssicherheit die Fluchtwelle nicht, doch wirkungslos blieben ihre Maßnahmen auch nicht (zugleich haben sie den Unmut im Land weiter angefacht):

Drittens haben die Analytiker des MfS in der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe versucht, die Motive hinter der Fluchtwelle herauszuarbeiten. Ihr Bericht ist auch deshalb interessant, weil er die offizielle SED-Propaganda jener Monate Lügen straft: dass nämlich die Flüchtlinge auf westliche Propaganda und Versprechungen hereingefallen seien:

Die Stimmungslage der Ausreisenden unterschied sich nicht wesentlich von der ihrer Mitbürger, das zeigt ein weiterer Bericht aus den gleichen Tagen:

Für die Machthaber noch besorgniserregender musste sein, dass selbst bei den SED-Mitgliedern die Stimmung immer schlechter wurde:

Diese drei Berichte zeigten in aller Deutlichkeit, dass sich etwas zusammen braute. Zugleich enthielten sie implizit noch eine andere Botschaft: Den angestauten Problemen (von zahlreichen Versorgungsengpässen bis hin zu einer stupiden Medienpolitik) und der wachsenden Unzufriedenheit war mit den Mitteln der Staatssicherheit nicht beizukommen. Die Partei war gefordert.

Die Chefs der Bezirksverwaltungen für Staatssicherheit wurden regelmäßig im Ostberliner Ministerium zusammengerufen, um über die Lage vor Ort zu berichten und von Mielke in neue Aufgaben eingewiesen zu werden. So auch Ende August 1989. Diese Dienstbesprechung hat es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht, weil Mielke einem seiner Generäle die Frage stellte, ob etwa "morgen der 17. Juni ausbricht". Der Kontext dieser Frage und die Antwort des BV-Chefs ist nachzulesen in:

W.S.