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Chronologie

Aufbau des Sozialismus und Terror gegen die Bevölkerung

9. bis 12. Juli 1952

Generalsekretär Walter Ulbricht verkündet auf der 2. Parteikonferenz der SED den "planmäßigen Aufbau des Sozialismus in der DDR". Beschlossen werden weitreichende Veränderungen: eine forcierte Militarisierung mit dem weiteren Ausbau der Staatssicherheit und der Kasernierten Volkspolizei. Weitere Festlegungen waren eine noch stärkere Politisierung der Justiz, die Schließung der Grenzen zur Bundesrepublik, die Abschaffung der vier Länder und Bildung von Bezirken sowie die beschleunigte Kollektivierung der Landwirtschaft.

Oktober bis Dezember 1952

Nach der 2. Parteikonferenz verschlechtert sich die Versorgungslage deutlich. Der Handel kann die Versorgung mit Butter, Margarine, Fleisch, Gemüse und Zucker nicht mehr sicherstellen. Der Abbau von Preissubventionen wirkt sich als Preissteigerung aus. Die SED-Propaganda macht für die Versorgungsprobleme den Großhandel und die Großbauern verantwortlich, nicht die verfehlte Politik der Regierung. Der Minister für Handel und Versorgung, Karl Hamann, wird am 11. Dezember wegen "bewusster Desorganisation" des Handelsministeriums von der Staatssicherheit verhaftet. In mehreren Betrieben kommt es zu Streiks oder Protestaktionen.

Frühjahr 1953

Zunehmende Repression gegen politisch Andersdenkende und den Mittelstand, verstärkter ideologischer Anpassungsdruck auch in Schulen und Universitäten. Der Kirchenkampf und die eskalierenden wirtschaftlichen Probleme führen zu einem dramatischen Anstieg der Flüchtlingszahlen, die im Frühjahr 1953 Höchstwerte erreichen. Im Spitzenmonat März sind es fast 60.000.

Die massive Behinderung der Kirchen steigert sich zur regelrechten Verfolgung, die sich insbesondere gegen die "Junge Gemeinde" und die evangelischen Studentengemeinden richtet. Rund 50 Geistliche, Diakone und Laienhelfer werden verhaftet.

An der Mecklenburgischen Ostseeküste beginnt die Aktion "Rose". Innerhalb von vier Wochen werden 440 Hotels und Pensionen sowie 181 Gaststätten, Wohnhäuser und Wirtschaftsbetriebe beschlagnahmt. Unter den fadenscheinigsten Beschuldigungen werden 447 Personen festgenommen und zumeist zu Haftstrafen und Vermögenseinzug verurteilt. 219 Personen fliehen rechtzeitig in den Westen.

Stalins Tod und der "Neue Kurs"

5. März 1953

In Moskau stirbt Diktator Josef Stalin. Die seit 1943 selbstständige sowjetische Staatssicherheit wird in das Innenministerium eingegliedert. Innenminister und Chef der Staatssicherheit wird Lawrenti Beria.

21. April 1953

Die gesamtdeutsche Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Landeskirchen protestiert gegen den Kirchenkampf der SED und das Vorgehen der Regierung gegen die "Junge Gemeinde" und die Evangelischen Studentengemeinden.

28. April 1953

Das Innenministerium bezeichnet die "Junge Gemeinde" in einer öffentlichen Erklärung als "illegale Organisation". Gleiches gilt auch für die Evangelische Studentengemeinde. Verweise von Schulen und Universitäten sind die unmittelbare Folge. Die Zahl der Pfarrer, die aufgrund "staatsfeindlicher Hetze" verhaftet werden, steigt an.

6. Mai 1953

Der sowjetische Innenminister Berija fertigt einen Bericht für das ZK-Präsidium der KPdSU an. In ihm wird die angespannte Lage in der DDR kritisch angesprochen: Für die steil ansteigenden Flüchtlingszahlen sei nicht allein die feindliche Propaganda verantwortlich, sondern auch der Zwang, den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften beizutreten. Weitere Ursachen waren die Furcht vor der Abschaffung des Privateigentums und nicht zuletzt die Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Konsumgütern.

14. Mai 1953

Überzeugt von der Richtigkeit seiner Politik und der Lehren Stalins spricht sich das Zentralkomitee der SED auf seinem 13. Plenum für eine generelle und bindende Erhöhung der Arbeitsnormen um mindestens zehn Prozent aus. Als Endtermin für die Umsetzung wird der 30. Juni festgelegt, Walter Ulbrichts 60. Geburtstag.

15. Mai 1953

Das sowjetische Innenministerium übergibt an den Deutschlandexperten des sowjetischen Außenministeriums Wladimir Semjonow ein Memorandum, das einen Kurswechsel ankündigt: keine neuen Gründungen von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, Erweiterung der Kosumgüterproduktion und Lockerung der Repressionspolitik.

18. Mai 1953

Der Bericht des Vorsitzenden der Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) in Deutschland Armeegeneral Wassili Tschuikow an das Präsidium des ZK der KPdSU enthält eine deutliche Kritik an der Politik der SED seit der 2. Parteikonferenz. Die von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen bedeuten eine weitgehende Rücknahme der Politik des "planmäßigen Aufbaus des Sozialismus" in der DDR.

28. Mai 1953

Das "Neue Deutschland" veröffentlicht den am 14. Mai 1953 auf dem 13. Plenum des Zentralkomitees der SED gefassten Beschluss zur Erhöhung der Arbeitsnormen um mindestens zehn Prozent.

29. Mai 1953

Die Sowjetische Kontrollkommission wird aufgelöst. Dafür wird das Amt eines "Hohen Kommissars der UdSSR in Deutschland" eingerichtet. Zum Hohen Kommissar wird Semjonow berufen.

2. bis 4. Juni 1953

SED-Generalsekretär Walter Ulbricht, Ministerpräsident Otto Grotewohl und der Chefideologe der Partei, Fred Oelßner, werden zu Geheimberatungen nach Moskau bestellt. Hier wird ihnen das Memorandum "Über Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der Deutschen Demokratischen Republik" übergeben. Darin wird der 1952 von Stalin gebilligte politische Kurs von seinen Erben im Kreml zurückgenommen. Die Delegation kehrt mit der strikten Auflage nach Ost-Berlin zurück, die Krise in der DDR durch eine Revision des bisherigen politischen Kurses zu entschärfen.

9. Juni 1953

Das Politbüro der SED übt öffentlich Selbstkritik. Der "Neue Kurs" wird verkündet. Die Maßnahmen zum Aufbau des Sozialismus werden größtenteils zurückgenommen oder gelockert. Die erhöhten Arbeitsnormen bleiben jedoch bestehen.

10. Juni 1953

Ministerpräsident Otto Grotewohl trifft mit führenden Vertretern der evangelischen Kirche unter Leitung von Bischof Otto Dibelius zusammen. Hauptgesprächsthema ist die Wiederherstellung eines normalen Zustandes zwischen Staat und Kirche. Beide Seiten verständigen sich auf eine Beendigung des "Kirchenkampfes". Grotewohl erklärt im Namen der SED-Führung die Bereitschaft, das kirchliche Leben in der DDR zu respektieren. Von Seiten der Kirche wird wiederum zugesichert, sich nicht in die politischen Belange der SED einzumischen.

Der "Neue Kurs" wird als Mitteilung des Politbüros im "Neuen Deutschland" veröffentlicht. Die Parteibasis innerhalb der SED ist angesichts der Hundertachtzig-Grad-Drehung verwirrt. Die Bevölkerung empfindet dagegen den Kurswechsel überwiegend als Eingeständnis der Schwäche, teilweise auch als eine politische Bankrotterklärung.

12. Juni 1953

Auf der Berliner Großbaustelle Krankenhaus Friedrichshain ist erstmals von Streik die Rede. Am Montag, dem 15. Juni, wollen die Transportbrigade der Baustelle und mindestens eine Maurerbrigade wegen der zehnprozentigen Normenerhöhung in den Streik treten.

13. Juni 1953

Anlässlich eines Betriebsausfluges fahren die Bauarbeiter der Großbaustelle Krankenhaus Friedrichshain mit den Ausflugsschiffen "Seid bereit" und "Triumph" der "Dampf- und Schifffahrt-Union" zum Ausflugslokal "Rübezahl" am Müggelsee. Hier kündigt der Brigadier Metzdorf für den kommenden Montag einen Streik der Bauarbeiter an.

Der Volksaufstand vom 17. Juni

15. Juni 1953

Die Arbeiter der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain weigern sich die Arbeit aufzunehmen.

Auf der um 9.00 Uhr beginnenden Belegschaftsversammlung wird die Forderung der Bauarbeiter nach einer Rücknahme der Normenerhöhung zurückgewiesen. Betriebs- und Bauleitung bemühten sich vergeblich, die Arbeiter zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen.

Der BGL-Vorsitzende Max Fettling und ein Mitglied der SED-Kreisleitung Berlin-Friedrichshain verfassen eine Resolution an die Regierung gegen die Normenerhöhung. Max Fettling unterzeichnet sie für die Bauarbeiter.

Von der Resolution werden mehrere Durchschriften gefertigt. Eine Bauarbeiterdelegation bringt ein Exemplar zum Büro des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Die anderen Exemplare kursieren auf verschiedenen Baustellen, insbesondere auf den Baustellen der Stalinallee, und in Ost-Berliner Betrieben.

16. Juni 1953

Die Tageszeitung der DDR-Gewerkschaft "Tribüne" bezeichnet die Normenerhöhung als falsch, sie "könne aber nicht mehr zurückgenommen werden". Die Bauarbeiter auf der Baustelle des Krankenhauses Friedrichshain haben wie am Vortag die Arbeit nicht aufgenommen. Betriebs- und Gewerkschaftsleitung versuchen die Arbeiter zu beruhigen. Nachdem der Direktor des Krankenhauses die großen Zufahrtstore zur Baustelle zusperren lässt, verbreitet sich das Gerücht, die Volkspolizei habe die Baustelle umstellt.

Gegen 8.30 Uhr bildet sich auf der Baustelle Block 40 an der Stalinallee ein Demonstrationszug von mehreren Hundert Arbeitern. Sie ziehen zum Krankenhaus, um ihre Kollegen zu befreien. Sie brechen das Tor auf und besetzen den Bauplatz. Als der Demonstrationszug wieder abzieht, hat sich ihm etwa die Hälfte der Arbeiter des Krankenhausneubaus angeschlossen. Die Demonstranten ziehen weiter zu verschiedenen anderen Baustellen des Innenstadtbereichs.

Am frühen Nachmittag kommen sie vor dem Haus der Ministerien in der Leipziger Straße an. Hier haben sich inzwischen über 10.000 Menschen versammelt.

Um 10.00 Uhr beginnt die routinemäßig einberufene Sitzung des Politbüros, an der auch der Minister für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser teilnimmt. Die Sitzung wird kurzzeitig unterbrochen als die Demonstranten in der Leipziger Straße ankommen. Es wird eine telefonische Verbindung zum Haus der Ministerien eingerichtet. Den Ernst der Lage erkennen die Politbürokraten jedoch nicht. Sie beschließen lediglich die Rücknahme der Normenerhöhung.

Vor dem Haus der Ministerien versucht Industrieminister Fritz Selbmann zu den Arbeitern zu sprechen. Inzwischen haben sich jedoch Stimmung und Parolen radikalisiert. Die Demonstranten fordern den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Es wird auch zum Generalstreik aufgerufen. Als Selbmann um etwa 15.00 Uhr die Rücknahme der Normenerhöhung bekannt gibt, kann das die demonstrierenden Arbeiter schon nicht mehr zufrieden stellen. Sie ziehen sich mit Unmut und gestärktem Selbstvertrauen wieder in den Osten der Stadt zurück.

Ein erster Lautsprecherwagen wird demoliert und ein anderer gekapert. Über ihn verbreiten Demonstranten ihre Forderung nach dem Rücktritt der Regierung. Sie rufen außerdem zum Generalstreik und zu einer weiteren Demonstration am kommenden Morgen auf. Treffpunkt soll der Strausberger Platz sein.

Gegen 14.30 Uhr treffen Abgesandte der Streikenden im West-Berliner DGB-Haus und im RIAS-Funkhaus ein. Sie wollen ihre Forderungen und den Aufruf zum Generalstreik selbst über die Mikrofone des Senders verbreiten. Das wird ihnen jedoch verwehrt.

Der RIAS berichtet um 16.30 Uhr das erste Mal ausführlich über die Ost-Berliner Tagesereignisse.

Die "Hauptforderungen" der Streikenden sendet der RIAS um 19.30 Uhr.

Im Ost-Berliner Friedrichstadtpalast erläutern Grotewohl und Ulbricht den Delegierten des Berliner SED-Parteiaktivs den "Neuen Kurs". Die Ereignisse des Tages werden nur am Rande erwähnt.

17. Juni 1953

Die Entscheidung über das Eingreifen sowjetischer Truppen war bereits am Abend des 16. Juni in Moskau getroffen worden. Daraufhin werden die sowjetischen Verbände in Richtung Berlin in Marsch gesetzt.

In der Nacht vom 16. zum 17. treffen Ulbricht, Grotewohl und Staatsicherheitsminister Zaisser kurzzeitig am Sitz des Sowjetischen Oberkommandos in Berlin-Karlshorst ein. Hier soll mit Hochkommissar Semjonow und dem neuen Oberbefehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen in der DDR Andrej Gretschko das Eingreifen der Polizei-, Militär- und Sicherheitsapparate vorbereitet werden.

In den frühen Morgenstunden ist der gesamte ostdeutsche Polizei- und Sicherheitsapparat in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden.

Im MfS in der Normannenstraße nimmt der zentrale Leitungsstab für Berlin unter der Leitung von Minister Zaisser die Arbeit auf. Für die Polizeikräfte formieren sich Einsatzleitungen im Polizeipräsidium und im Innenministerium. Die Einsatzstäbe handeln unkoordiniert, teilweise sogar gegeneinander. Alle gehen davon aus, dass die Streiks auf Berlin beschränkt bleiben.

Um 5.36 Uhr sendet der RIAS erstmals den Aufruf des DGB-Vorsitzenden Ernst Scharnowski an die Ostdeutschen: Sie sollen ihre "Strausberger Plätze überall" aufsuchen.

Ab 6.00 Uhr weitet sich die Streikbewegung in Ost-Berlin auf Stadtbezirke aus. Fast alle Baustellen und Betriebe werden bestreikt. Demonstrationszüge formieren sich und marschieren in Richtung Strausberger Platz.

Bereits vor 7.00 Uhr sind am Strausberger Platz 10.000 Menschen versammelt. Aus Hennigsdorf bewegt sich ein riesiger Demonstrationszug durch West-Berlin auf die Ost-Berliner Innenstadt zu.

In den meisten Städten, vor allem im Süden der DDR, beginnen ebenfalls Streiks und Demonstrationen. Die Erhebung hat das ganze Land erfasst.

Im "Neuen Deutschland" wird der Beschluss des Politbüros zur Rücknahme der Normen veröffentlicht.

Gegen 10.00 Uhr wird die SED-Führung, darunter auch Staatssicherheitschef Zaisser, auf Weisung von Semjonow nach Karlshorst in Sicherheit gebracht.

Die ersten Einheiten der sowjetischen Besatzungsarmee erreichen den Alexanderplatz und die Hauptstraßen der Innenstadt. Sie postieren sich an Knotenpunkten, öffentlichen Gebäuden und an der Sektorengrenze.

Gegen 11.00 Uhr protestieren in Ost-Berlin etwa 150.000 Menschen. Immer wieder kommt es zu größeren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten. Der öffentliche Verkehr wird eingestellt, Bahnen und Busse fahren nicht mehr.

Zusammenstöße mit der Polizei und Angriffe auf öffentliche Gebäude werden aus vielen Teilen der DDR gemeldet. Neben Ost-Berlin kommt es in über 700 Städten und Gemeinden der DDR zu Demonstrationen und Streiks.

Die Zentren des Aufstands liegen in den Südbezirken der DDR. Hier befreien die Aufständischen Häftlinge und erstürmen öffentliche Gebäude. Unter den besetzten Gebäuden befinden sich Kreisdienststellen der Staatssicherheit, SED-Bezirksleitungen, weitere SED- und FDGB-Gebäude, Volkspolizei-Reviere, Kreisratsämter, Rathäuser und Gemeinderäte.

Gegen 12.00 Uhr räumen Panzer in Schrittgeschwindigkeit Straßen und Plätze in Berlin. Es fallen die ersten Schüsse.

Ab 13.00 Uhr verhängt die Sowjetische Besatzungsmacht den Ausnahmezustand über Ost-Berlin. "Rädelsführer" werden verhaftet. Insgesamt wird über 167 Stadt- und Landkreise in der DDR der Ausnahmezustand verhängt.

Nach dem Eingreifen der sowjetischen Armee werden die Auseinandersetzungen in Berlin immer aggressiver: Kioske, Wachhäuser und Autos werden angezündet sowie ganze Ladenzeilen geplündert. Mehrmals räumen die sowjetischen Kampfverbände die Innenstadt. Die Protestbewegung bröckelt und erlahmt allmählich. Gegen 19.00 fallen im Ost-Berliner Zentrum die letzten Schüsse.

Bereits seit dem Morgen nehmen so genannte Operativgruppen der Staatssicherheit Streikende und Demonstranten fest. Auch sowjetische Militärstreifen und Polizeieinheiten verhaften Aufständische. Damit beginnt die größte Festnahmewelle in der 40-jährigen Geschichte der DDR.

18. Juni 1953

Der stellvertretende Minister der Staatssicherheit, Erich Mielke, weist per Blitzfernschreiben alle Diensteinheiten an, energisch zu handeln und "Hetzer, Provokateure, Saboteure, Rädelsführer und andere Elemente" festzunehmen.

In vielen DDR Betrieben streiken die Beschäftigten noch immer. Die Polizei muss erneut gegen "Zusammenrottungen" vorgehen. Auch dabei fallen wieder Schüsse.

Willy Göttling, Alfred Dartsch und Herbert Stauch werden von der sowjetischen Besatzungsmacht standrechtlich erschossen.

Der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain, Max Fettling, wird als "Drahtzieher" des Streiks verhaftet.

Nachwehen des Volksaufstandes

20. Juni 1953

Bei der Generalstaatsanwaltschaft der DDR wird ein Operativstab gebildet. Er soll die Strafverfahren gegen die Teilnehmer des 17. Juni koordinieren und anleiten. Den Vorsitz des Operativstabes übernimmt Hilde Benjamin, Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR.

21. Juni 1953

In einer offiziellen Entschließung des 14. Plenums des Zentralkomitees der SED wird das dramatische Geschehen am 17. Juni als "von langer Hand vorbereiteter Tag X" interpretiert. Der Volksaufstand wird zu einem vom Westen gelenkten "faschistischen Putsch" erklärt.

22. Juni 1953

Der 1. Strafsenat des Bezirksgerichts in Halle an der Saale verurteilt Erna Dorn wegen angeblicher aktiver Beteiligung an den "Ausschreitungen des 17. Juni" zum Tode.

25. Juni 1953

Die sowjetische Besatzungsmacht hebt den Ausnahmezustand für die DDR auf. Davon ausgenommen sind die Städte Berlin, Magdeburg, Halle, Potsdam, Görlitz, Dessau, Merseburg, Bitterfeld, Cottbus, Dresden, Leipzig, Gera und Jena.

26. Juni 1953

Der Leiter des sowjetischen Geheimdienstes und Minister des Innern, Lawrenti Beria, wird in Moskau verhaftet und sämtlicher Posten enthoben.

29. Juni 1953

Der Ausnahmezustand für die Städte Dresden, Cottbus und Potsdam wird aufgehoben.

Juli 1953

Beginn der 2. Streikwelle, die in mehreren großen Betrieben der DDR ausbricht. In den Buna-Werken in Schkopau überstieg die Streikbewegung vom 15. bis 17. Juli 1953 sogar die Streiks vom 17. Juni.

Säuberungswelle in der SED und "Innere Staatsgründung"

15. Juli 1953

DDR-Justizminister Max Fechner wird wegen "partei- und staatsfeindlichen" Verhaltens aus der Partei ausgeschlossen. Er wird außerdem seiner Funktion als Justizminister enthoben und verhaftet.

18. Juli 1953

Das Politbüro der SED beschließt, Wilhelm Zaisser als Minister für Staatssicherheit zu entlassen. Neuer Chef der Staatssicherheit wird Ernst Wollweber, bisher Staatssekretär für Schifffahrt im Verkehrsministerium.

23. Juli 1953

Das Ministerium für Staatssicherheit wird nach sowjetischem Vorbild als Staatssekretariat in das Ministerium des Innern eingegliedert.

24. bis 26. Juli 1953

Auf dem 15. Plenum des ZK der SED wird auf Betreiben Walter Ulbrichts ausführlich das Versagen der Staatssicherheit thematisiert. Wilhelm Zaisser und der Chefredakteur des Neuen Deutschlands Rudolf Herrnstadt werden aus dem Politbüro ausgeschlossen und von sämtlichen Parteifunktionen entbunden.

7. August 1953

Auf Anweisung von Staatsekretär Wollweber werden im Staatssekretariat für Staatssicherheit und in den Bezirksverwaltungen so genannte Informationsgruppen gebildet. Sie sollen die täglich anfallenden Informationen filtern, verdichten und zusammenfassen.

3. September 1953

Dienstanweisung der Staatssicherheit zum qualitativ und quantitativen Ausbau des Spitzelnetzes.

23. September 1953

In einem Politbürobeschluss der SED werden die Aufgaben der Staatssicherheit genau definiert und im geheimen Statut des SfS schriftlich festgehalten.

Harte Strafen gegen Aufständische

1. Oktober 1953

Die von der SED-Propaganda als KZ-Kommandeuse verunglimpfte Erna Dorn aus Halle wird im Zuchthaus Dresden hingerichtet.

6. Oktober 1953

Obwohl ihn das Bezirksgericht Magdeburg am 25. August bereits zu lebenslänglicher Haft verurteilt hatte, wird Ernst Jennrich, trotz unveränderter Beweislage, auf Weisung des Obersten Gerichts der DDR in einem zweiten Verfahren zum Tode verurteilt.

Ende Oktober 1953

Von der Staatssicherheit werden im Zuge der Aktion "Feuerwerk" ca. 100 Personen wegen Agententätigkeit festgenommen.

11. und 12. November 1953

Ernst Wollweber verkündet auf der Dienstkonferenz der Staatssicherheit die Intensivierung der grenzüberschreitenden Aktivitäten. In der Folge unternimmt das SfS in der Bundesrepublik und in West-Berlin zahlreiche Entführungen von tatsächlichen oder vermeintlichen Kontaktleuten westlicher Nachrichtendienste und von Regimegegnern.

9. Dezember 1953

Beschluss zur Bildung der Kampfgruppen in allen Großbetrieben als eine unmittelbare Folge des Juni-Aufstandes.

23. Dezember 1953

In der Sowjetunion wird der ehemalige Staatssicherheitschef und Innenminister Lawrenti Beria hingerichtet.

22. und 23. Januar 1954

Auf dem 17. Plenum des ZK werden Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt aus der Partei ausgeschlossen.

20. März 1954

Ernst Jennrich wird in Dresden hingerichtet.

26. Mai 1954

Im Stadtgericht Berlin findet die Hauptverhandlung gegen den am 18. Juni 1953 verhafteten Gewerkschaftler Max Fettling statt. An ihr nimmt eine Abordnung von 60 Bauarbeitern der Stalinallee teil. Das Urteil lautet für Fettling zehn Jahre Zuchthaus, acht Jahre für die Mitangeklagten Karl Foth und Otto Lemke und vier Jahre für den Maurer Berthold Stanike.

10. bis 14. Juni 1954

In Anwesenheit von Presse, Film und Funk sowie ausgewählter Betriebsdelegationen werden vom Obersten Gericht der DDR vier "Hintermännern des Tages X" zu unverhältnismäßig harten Strafen verurteilt. Die Verurteilten waren führende Mitglieder des West-Berliner Komitees 17. Juni. Sie waren im Rahmen der Aktion "Ungeziefer" von der Staatssicherheit nach Ost-Berlin entführt wurden.

Angst der Führung vor einem neuen Volksaufstand

14. bis 17. Juni 1954

Die Staatssicherheit trifft vorbeugende "Sicherungsmaßnahmen", um auf den ersten Jahrestag des Juni-Aufstandes vorbereitet zu sein. Auch in den Folgejahren werden entsprechende Vorkehrungen getroffen.

August 1954

Beginn der Stasi-Aktion "Pfeil", bei der über 500 Personen verhaftet werden. Auch hierbei handelte es sich überwiegend um mutmaßliche Agenten westlicher Nachrichtendienste.

November 1954

Beginn der Stasi-Aktion "Blitz", die sich vor allem gegen Oppositionelle richtet. Im Mittelpunkt der Aktion "Blitz" stehen wieder Entführungen von exponierten Regimegegnern aus West-Berlin.

Juni 1955

In kurzen Abständen werden drei Schauprozesse gegen Verhaftete der Aktion "Blitz" vor dem Obersten Gericht der DDR durchgeführt. Dabei werden innerhalb von zwei Wochen fünf Todesurteile ausgesprochen, die wenig später alle vollstreckt werden.

24. November 1955

Das Staatssekretariat für Staatssicherheit erhält wieder den Status eines Ministeriums. Ernst Wollweber wird Minister, Erich Mielke sein Erster Stellvertreter.

Quellen

Der Volksaufstand von 1953 im Blick der Stasi

Der Band zum Jahr 1953 aus der Reihe "Die DDR im Blick der Stasi" enthält die ersten geheimen Berichte der Stasi über die Stimmung im Volk an die SED-Führung. Denn nach dem Aufstand wollte die Staatsspitze ganz genau wissen, wie es zur Revolte kommen konnte – und ob ein weiterer Aufstand droht: Informationen zu dieser Publikation.