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Die Arbeit des MfS mit SIRA - Informationsauswertung

Die Informationsauswertung war ein zentraler Bestandteil in der Arbeit der HV A. Die vier genannten Diensteinheiten der HV A - also die Abteilungen V, VII, VI/B/3 und IX/C - hießen im Sprachgebrauch des MfS auch "informationsauswertende Diensteinheiten", kurz "IADE". Diese vier Abteilungen waren also mit der Auswertung von Informationen befasst, und nur sie arbeiteten unmittelbar mit dem SIRA-Datenbanksystem.

Das Gegenstück zu den informationsauswertenden Diensteinheiten waren die "operativen Diensteinheiten", also diejenigen Abteilungen, die inoffizielle Mitarbeiter (IM) führten, darunter insbesondere Spione in der Bundesrepublik und im westlichen Ausland. Die Informationen, die diese IM aus aller Welt beschafften, mussten von den operativen Diensteinheiten zum Zwecke der Informationsauswertung an die IADE weitergereicht werden. Zu einem geringeren Teil werteten die IADE auch Informationen aus, die sie von anderen Diensteinheiten des MfS und von befreundeten Geheimdiensten, vor allem dem KGB, erhielten.

Angenommen, ein IM der HV A brachte zu einem Treff ein kopiertes NATO-Dokument mit oder berichtete über eine Militärübung - zu den Pflichten des Führungsoffiziers gehörte es dann nicht nur, anschließend einen Treffberichts für die Akte des Agenten zu schreiben, sondern auch, das beschaffte NATO-Dokument bzw. den Bericht über die Militärübung an die zuständige Auswertungsabteilung (IADE) weiterzuleiten.
Wie diese Weiterleitung zu geschehen hatte und welche begleitenden Angaben zu jeder Informationsübergabe gemacht werden mussten, war durch Richtlinien und Dienstanweisungen der HV A festgelegt. Die letzte gültige Dienstanweisung (DA) hierfür war die DA 1/88 der HV A. Der grundsätzliche Ablauf wurde darin folgendermaßen festgelegt:

Informationsbegleitbogen A - zum Vergößern bitte das Bild anklickenInformationsbegleitbogen A - zum Vergößern bitte das Bild anklicken

Zu jeder übergebenen Information hatte die beschaffende Diensteinheit einen sogenannten Informationsbegleitbogen (IBB A) auszufüllen. Auf diesem Vordruck mussten unter anderem Angaben wie Eingangsdatum, Absender (Diensteinheit/Mitarbeiter, d. h. Führungsoffizier), Quelle (Zuverlässigkeit/ Registriernummer/Deckname), Form (Anzahl/Datenträger), Art der Information (Bericht des IM, beschafftes Dokument, Funktionsmuster o. a.), Verteiler und ein kurzer Titel der Information vermerkt werden.

Als Durchschlag fand ein weiterer Vordruck (IBB B) Verwendung, der noch zusätzliche Felder mit spezifischen Angaben der IADE enthielt, die erst im Zuge der Auswertung ausgefüllt wurden. Das Original (IBB A) verblieb als Beleg beim Absender, die Durchschrift (IBB B) wurde zusammen mit der Information (Bericht, Dokument, Muster) an die zuständige IADE geschickt. Es konnten auch mehrere Informationen auf einmal übergeben werden (dann mit mehreren IBB). Für jede Übergabe musste zusätzlich noch eine Informationsbegleitliste (IBL) ausgefüllt werden, auf der die laufenden Nummern der übergebenen Informationen vermerkt wurden.

Informationsbegleitliste (IBL) - zum Vergößern bitte das Bild anklickenInformationsbegleitliste (IBL) - zum Vergößern bitte das Bild anklicken

Die auf dem IBB (B) erhaltenen Angaben wurden von der Auswertungsdiensteinheit im Zuge der Informationsauswertung durch weitere Deskriptoren, Namen von Personen usw. ergänzt. Auch die Benotung11 der Information wurde eingetragen. Hierfür dienten die spezifischen Felder auf diesem Vordruck.
Auf Grundlage des nun vollständig ausgefüllten IBB (B) erfolgte die Dateneingabe in die entsprechende SIRA-Teildatenbank. Die vergebenen Noten wurden auf der Informationsbegleitliste für jede einzelne Position vermerkt und an die Absenderdiensteinheit zurückgeschickt.

Das eigentliche Dokument bzw. der Bericht wurde im Archiv der Auswertungsabteilung abgelegt. In der Abteilung V des Sektors Wissenschaft und Technik wurden die entgegengenommenen Dokumente und Materialien auch direkt an die Empfänger in der Industrie weitergereicht ohne archiviert zu werden. Hier handelte es sich schließlich zu einem erheblichen Teil um hochspezielle technische Dokumentationen, Geräte, Bauelemente u. ä., die in Forschung und Industrie benötigt wurden, und die im Rahmen der Wirtschaftsspionage, teilweise auf direkte Anforderung der Betriebe hin, gezielt im Westen beschafft worden waren. Insofern profitierten im Bereich des SWT hauptsächlich Industrie und Forschungseinrichtungen von der HV A-Spionage. Die Weitergabe der Dokumente wurde in SIRA vermerkt.

Zur Auswertung der beschafften Unterlagen gehörte es natürlich auch, die gewonnenen Erkenntnisse zusammenzufassen bzw. aufzubereiten und die so entstehenden Informationen an einen festgelegten Empfängerkreis weiterzuleiten.
Die Erkenntnisse zu politischen (außen-, wirtschafts- und militärpolitischen) und militärischen Fragen fasste die HV A - Abteilung VII fortlaufend und getrennt nach Themen und Inhalten zu Informationsberichten von durchschnittlich 3 bis 6 Seiten Umfang zusammen und reichte sie täglich an führende SED-Funktionäre Regierungsmitglieder weiter Für jeden Informationsbericht legte die Abteilung VII den Empfängerkreis neu fest, und die Empfänger waren gehalten, die Berichte nach Kenntnisnahme an die HV A zurückzugeben. In SIRA registrierte die Abteilung VII, welche dieser Informationsberichte ("Ausgangsinformationen") an wen weitergereicht wurden.

Anmerkung

11 Im Rahmen der Auswertung erhielten die Informationen eine Note zwischen 1 (sehr wertvoll) und 5 (ohne Wert).