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Nutzen von SIRA

Die in den SIRA-Teildatenbanken enthaltenen Daten und Recherchemöglichkeiten lassen recht genau Aussagen über die Leistungsfähigkeit des Spionageapparats der HV A zu. Mit Hilfe der HV A-Datenbanken können aber nicht nur allgemeine Aussagen über Art und Umfang der Spionagetätigkeit der HV A getroffen werden, sondern es lassen sich zahlreiche Mutmaßungen zur Tätigkeit der HV A überprüfen. Durch den Umstand, dass sämtliche Informationen in einer elektronischen Datenbank verfügbar sind, ergeben sich Möglichkeiten für die Recherche, die sonst kaum zu realisieren wären. Die Daten der HV A bilden ein Beziehungsgeflecht von mehreren Hunderttausend Datensätzen, aus dem sich eine Fülle von Erkenntnissen zur Arbeit der HV A-Spionage ableiten lassen, wie es wohl kaum eine andere archivische Quelle in diesem Bereich leisten kann. Das gilt um so mehr durch den Umstand, dass nur relativ wenige Unterlagen der HV A erhalten geblieben sind.

Insbesondere die zentrale Informationserhebung über einen langen Zeitraum, an zentraler Stelle im Auswertungssystem der Spionageabteilung, die sich in den SIRA-Datenbanken niederschlägt, macht dieses System als ergänzendes Instrument für die Zeitgeschichtsforschung wertvoll.

In der Praxis wird die Arbeit mit SIRA durch die Verwendung wechselnder Deskriptoren, verschiedene Schreibweisen von Registriernummern u. ä. erschwert, so dass für den Nutzer der Umgang mit den Dateiausdrucken kompliziert sein kann. In Einzelfällen konnte die Datenerfassung in SIRA auch von den vorgegebenen Regeln abweichen. Ein grundsätzliches Problem ergibt sich hieraus allerdings nicht, eine sorgfältige Auseinandersetzung mit der speziellen Materie dieser komplexen Datenbank(en) ist allerdings geboten. Auch gelegentlich auftretende Eingabe- bzw. Schreibfehler stellen die grundsätzliche Korrektheit der Dateneinträge nicht in Frage - gibt es derlei schließlich auch auf herkömmlichen Dokumenten.

Ein gravierender Mangel des SIRA-Systems besteht aus heutiger Sicht darin, dass alle Quellen hier nur mit ihrer Legende, also Registriernummer und Deckname genannt sind, nicht aber mit ihren Klarnamen. Diese Lücke kann nun aber zum Teil durch die Personkartei (F 16) der HV A, die durch die US-Regierung an die BStU zurückgegeben wurde, geschlossen werden (so genannte Rosenholz-Karteien).

Viele Details bleiben aber auch weiterhin verborgen, dazu gehören zum Beispiel die Hintergründe bei der Beschaffung der in SIRA eingetragenen Informationen oder Angaben bezüglich der Anwerbung von Personen. Bis ein Bericht oder ein Dokument in die Ost-Berliner HV A-Zentrale gelangte, wurde teilweise ein immenser Aufwand betrieben, Kuriere und Instrukteure bereisten das "Operationsgebiet", tote Briefkästen wurden angelegt und geleert, Funksprüche abgesetzt und empfangen, Treffs aufwändig vorbereitet und gesichert, Agentenlöhne gezahlt, Personen "getippt" und observiert. Von alldem schlägt sich in den SIRA-Datenbanken kaum etwas nieder, und durch den weitgehenden Verlust der Vorgangsakten der HV A sind die Informationen über diese Seite HV A-Tätigkeit zum allergrößten Teil verloren.

Die wenigen erhaltenen Akten dieser Art, besonders der Abteilung XV13 der Bezirksverwaltung Leipzig, geben aber einen guten, wenn auch nicht vollständigen, Einblick in diese Details des Spionagealltags.

Bestenfalls Anhaltspunkte liefern kann SIRA auch bei der Klärung der Frage, wo bzw. wann hat die HV A in die politischen Geschehnisse im Westen aktiv (und unbemerkt) eingegriffen? Über solche "aktive Maßnahmen" finden sich in SIRA lediglich in Ausnahmefällen gewisse Indizien.
SIRA enthält auch kaum Angaben über die Inlandsarbeit der HV A. Dabei waren insbesondere die Abteilungen XV gleichermaßen in Auslandsspionage und Inlandsrepression eingebunden. Das Informationsaufkommen der Abteilung XV in Leipzig teilte sich ziemlich genau zur Hälfte in die beiden Zielrichtungen. Das kann man anhand der überlieferten Akten feststellen, aber es spiegelt sich nicht in SIRA wider, weil die Informationen mit Inlandsbezug dort fehlen.

SIRA kürzt die Westspionage der HV A auf einen wesentlichen Aspekt zusammen - den Nachweis der durch die Spionage beschafften Informationen. Der letzte Leiter der HV A, Werner Großmann, äußerte sich in einem Interview folgendermaßen zu SIRA:

"Was tatsächlich gefunden wurde, weiß ich nicht. Wenn es die sogenannten SIRA-Dateien sind, dann handelt es sich hier um die elektronisch erfassten Arbeitsergebnisse unserer Kundschafter und Quellen im Ausland."

Sind aus anderen Quellen weitere Informationen vorhanden, so lassen sie sich oft mit Hilfe von SIRA verifizieren. Der des öfteren als Mangel unterstellte Fakt, dass die SIRA-Datenbanken nur kurze Titelangaben zu den durch die Spionage beschafften Dokumenten und Berichten enthalten, nicht aber die Dokumente selbst, stellt sich in der Praxis als nur bedingt bedeutsam heraus. Handelt es sich bei diesen Unterlagen um beschaffte Dokumente aus dem damaligen "Operationsgebiet" der DDR-Spionage, so würden deren Inhalte zumindest für die Erhellung der HV A-Spionage kaum taugen. Damit soll natürlich nicht unterstellt werden, diese Unterlagen seien für die zeithistorische Forschung nicht relevant - doch für die Forschung zur DDR-Spionage reicht es in den allermeisten Fällen zu wissen, dass die HV A über dieses und jenes Protokoll einer Innenausschusssitzung, über ein bestimmtes NATO-Dokument oder die Koalitionsvorstellungen einer bestimmten bundesrepublikanischen Partei verfügte. Die konkreten Inhalte sind an dieser Stelle nur von sekundärem Interesse, zumal die Originale nach wie vor an den Stellen liegen dürften, an denen sich die HV A-Agenten diese Kopien beschafften. Anders stellt sich die Situation bei den Berichten der Spione dar. Denn im Gegensatz zu den beschafften Dokumenten lässt sich hier kaum mehr nachvollziehen, in welcher Art, welchem Umfang und welcher "Qualität" von den inoffiziellen Mitarbeitern der HV A berichtet wurde.