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"Betrogene Betrüger"

Von "Zelleninformatoren" und Haftbedingungen in der Rostocker U-Haft der Stasi

Nur in Rostock hinterließ die Staatssicherheit eine vollständige Kartei ihrer "Zelleninformatoren", abgekürzt "ZI", in der Untersuchungshaftanstalt des Bezirks. Jenny Schekahn, ehemalige Auszubildende in der BStU-Außenstelle Rostock zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (FAMI) wertete diese Kartei sowie die Berichte der Spitzel ab 2010 erstmals intensiv aus. Eine Mitarbeiterin der Außenstelle Rostock hatte dies angeregt.

Jenny Schekahn und Dr. Tobias Wunschik tragen ihre Forschungsergebnisse vor.Jenny Schekahn und Dr. Tobias Wunschik tragen ihre Forschungsergebnisse vor. Quelle: BStU Rostock / Heinz

Dr. Tobias Wunschik, Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung des BStU und Experte für den DDR-Strafvollzug in der DDR, verfasste daraufhin gemeinsam mit Jenny Schekahn eine Studie über diese "Zelleninformatoren", ihre Haftbedingungen sowie die angeblichen Delikte aller Häftlinge in dieser Haftanstalt. So entstand eine erste wissenschaftliche Untersuchung über die Haftbedingungen im Stasi-Gefängnis der ehemaligen Bezirkshauptstadt an der Ostsee.

Die Broschüre wurde am Donnerstag den 6. Dezember 2012 erstmals der interessierten Öffentlichkeit in einer Abendveranstaltung am historischen Ort der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-U-Haft in Rostock vorgestellt, sie liegt auch zum Download vor. Jenny Schekahn und Tobias Wunschik berichteten anhand von Beispielen Inhaftierter über die Geschichte des 1960 in Betrieb genommenen Gefängnisses und die dort gängige Spitzelei. Ein "ZI" durfte als Belohnung für seine Spitzeltätigkeit mit seiner Frau und seinem Hund zwei Tage Urlaub in Baabe auf Rügen verbringen. Für die Bewachung des Inhaftierten in seinem Urlaubsort an der Ostsee stellte das MfS sechs seiner hauptamtlichen Mitarbeiter ab. Zudem verwanzte die Stasi seinen Bungalow und hörte ihn vom Nachgebäude aus ab.

292 nachweisbare Zelleninformatoren

Zahlreiche Besucher waren trotz Schnee und Eis in der Dokumentations- und Gedenkstätte erschienen und führten eine lebendige Diskussion. Insbesondere bewegte die Frage, warum so viele Menschen in der Untersuchungshaftanstalt zu mutmaßlichen Verrätern an den eigenen Schicksalsgenossen wurden. Tobias Wunschik bezeichnete die 292 in den Stasi-Akten nachweisbaren Zelleninformatoren (bei ca. 4.900 Inhaftierten in den Jahren 1960-1989) als "betrogene Betrüger". Denn erst verrieten sie ihre Leidensgefährten in der Hoffnung auf Strafrabatt, erhielten dann aber mit dem Urteilsspruch kaum geringere Strafmaße. Erst nachdem sie über Monate oder Jahre zuverlässig berichteten, kamen einige von ihnen vorzeitig auf freien Fuß – nicht selten mit neuen Spitzelaufträgen versehen.

Das Publikum in der ehemaligen Rostocker Stasi-U-HaftanstaltDas Publikum in der ehemaligen Rostocker Stasi-U-Haftanstalt Quelle: BStU Rostock / Heinz

Oftmals warben die Vernehmungsoffiziere die Gefangenen unter dem Druck der Haft als Zellenspitzel an. Die meisten von ihnen erhielten als Belohnung aber oft nur eine Tasse Kaffee, ein Schnitzel oder ein Stück Kuchen, wie Jenny Schekahn herausfand. Monetäre Interessen, politische Überzeugungen oder die Lust auf Abenteuer spielten dagegen als Motivation kaum eine Rolle - anders als bei gewöhnlichen IMs.

Auch nach den Foltermethoden der Stasi wurde in der Diskussion gefragt. Dr. Volker Höffer, Leiter der Außenstelle Rostock des BStU, betonte, dass körperliche Gewalt in der Rostocker Untersuchungshaftanstalt des MfS vor allem seit den 1970er Jahren im Zuge des KSZE-Prozesses und dem UNO-Beitritt der beiden deutschen Staaten eher abnahm. Trotzdem waren weiterhin Übergriffe zu verzeichnen, außerdem setzte die Stasi zunehmend auf psychologische Mittel, die sich oft als noch wirkungsvoller erwiesen. Der Bestand an Akten der Zelleninformatoren mit ihren unmittelbar erstellten Berichten stellt hierbei eine "alternativlose historische Quelle" dar, wie Tobias Wunschik erklärte.

Rege Nachfrage beim anschließenden BuchverkaufRege Nachfrage beim anschließenden Buchverkauf Quelle: BStU Rostock / Heinz

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