Navigation und Service

"Wir sind nicht als Staatsfeinde geboren"

Zeitzeugengespräch mit Roland Jahn und Siegbert Schefke

Am 9. Oktober 2012, zum 23. Jahrestag der bedeutendsten Montagsdemonstration in Leipzig, fand in der Außenstelle des BStU in Leipzig ein Zeitzeugengespräch mit Roland Jahn und Siegbert Schefke statt. Die Veranstaltung trug den Titel "OV ‚Satan’ – Die Montags-Demos im West-Fernsehen" – nach dem Namen des operativen Vorgangs, den die Stasi einst gegen den als Staatsfeind abgestempelten Schefke angestoßen hatte.

Siegbert Schefke (links) Moderatorin Dagmar Hovestädt (mitte) und Roland Jahn (rechts) auf dem Podium in der BStU-Außenstelle Leipzig.Siegbert Schefke (links) Moderatorin Dagmar Hovestädt (mitte) und Roland Jahn (rechts). Quelle: BStU

Im Mittelpunkt des Gesprächs stand der große Coup: Mit einer über Kontakte Roland Jahns in die DDR geschmuggelten Kamera filmte Siegbert Schefke die Montagsdemonstration am 9. Oktober. Einen Abend später waren seine Aufnahmen, wieder zurück in den Westen geschleust, in der Tagesschau zu sehen. Mehr als 70.000 DDR-Bürger, die auf der Straße gegen den Staat protestierten, Bilder, deren Macht den beiden Männern schon damals bewusst war. Denn die Aufnahmen waren nicht nur für die Bürger der BRD bestimmt. "Wir wollten in die Wohnzimmer der DDR kommen", sagt Schefke heute.

Tatsächlich brachten die Aufnahmen der 70.000 Leipziger auf dem Stadtring eine unwahrscheinliche Dynamik in die Friedliche Revolution. Viele DDR-Bürger verfolgten damals genau die Berichterstattung des Westfernsehens. Nach den Aufnahmen aus Leipzig konnte die SED-Führung die Protestbewegung nicht mehr klein reden. Die Leipziger hingegen schöpften beim Anblick der Bilder weiteren Mut für ihr friedliches Aufbegehren. Am darauf folgenden Montag fanden sich dann schon über 200.000 Menschen auf dem Leipziger Stadtring zusammen und zeigten dem SED-Staat eindrucksvoll, dass sie sich nicht weiter unterdrücken lassen würden. "Der Mut der Leipziger hat das Ende der DDR besiegelt", so Jahn.

Dabei begann der Widerstand der beiden Freunde ganz klein. "Wir sind nicht als Staatsfeinde geboren", sagt Roland Jahn. Auch er habe in jungen Jahren eher Freude an Parties, lauter Musik und langen Haaren gehabt, als an Protestaktionen oder gar Revolutionen zu denken. Der Stein des Anstoßes war für Jahn aber dass die DDR nicht zuließ, "dass Menschen selbstbestimmt leben." Der gebürtige Jenenser wurde 1983 zwangsausgebürgert, nachdem er eine oppositionelle Friedensbewegung mitbegründet hatte. In der Bundesrepublik arbeitete Jahn als freier Journalist unter anderem für das ARD-Fernsehmagazin "Kontraste". Dort berichtete über Missstände in der DDR, zum Beispiel über die Umweltverschmutzungen in Bitterfeld. Die Bilder dazu stammten oft von Siegbert Schefke, der damals gerade die Berliner Umweltbibliothek mitbegründet hatte. Über Mittelsmänner gelangten die Aufnahmen in die Bundesrepublik.

Das Publikum sieht filmische Beispiele der Zusammenarbeit zwischen Roland Jahn und Siegbert Schefke.Das Publikum sieht filmische Beispiele der Zusammenarbeit zwischen Roland Jahn und Siegbert Schefke. Quelle: BStU

Viele dieser originalen Filmaufnahmen waren im Rahmen des Zeitzeugengesprächs noch einmal zu sehen. Abgesehen von den berühmten Bildern aus Leipzig zeigen sie den ungeschönten DDR-Alltag, fern jeder Parteipropaganda. Zu sehen sind zerfallende Altstädte, heruntergekommene Industrieanlagen, verpestete Flüsse und brennende Sondermülldeponien. Ihnen gegenüber stehen Aufnahmen aus der Zeit nach dem Fall der Mauer, die ebenfalls während des Gesprächs gezeigt wurden. Ein Film zeigt das Treffen zwischen Schefke und seinem einstigen Stasi-Überwacher Oberleutnant Schwanitz. Die Bilder belegen wie Vergangenheitsbewältigung funktionieren kann.

Auch heute könne man noch einen Gewinn erzielen, wenn man sich mit der eigenen Vergangenheit oder jener der Eltern in einer Diktatur befasse, findet auch Roland Jahn. Durch den Blick in die Stasi-Unterlagen könnten auch zerbrochene Freundschaften oder Familienbande eine zweite Chance erhalten, weil so eine Gesprächsbasis entstehe. Auf dieser Grundlage könnten neue Beziehungen aufgebaut werden. Knapp sieben Millionen Anträge auf Einsichtnahme wurden bisher gestellt. "Wichtig ist, dass Versöhnung möglich wird", sagte Jahn. Dabei solle aber nicht vergessen werden, dass die Opfer nicht auf Anordnung verzeihen können. Wunden müssen heilen und ein respektvoller Umgang gepflegt werden. Auch wenn es damals eine schweigende Mehrheit gab, konnte man durchaus "Nein" sagen zur Stasi, glaubt Schefke.

Am Abend des 9. Oktober fand in der Außenstelle Leipzig außerdem eine "Nacht der offenen Tür" im Rahmen des Lichtfestes der Stadt Leipzig statt. Die Besucher konnten die Räumlichkeiten der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicherheit ausführlich erkunden. An den einzelnen Archivstationen konnten sie sowohl die Arbeitsweise der Stasi als auch die Aufarbeitung durch die Behörde näher kennenlernen. Darüber hinaus wurde der Film "Westwind" gezeigt und Silvia Voigt sowie Alexander Unger führten szenische Lesungen aus Stasi-Akten auf.

Mit Geocaching der Geschichte auf der Spur

In Sachsen werden Geocaches in verschiedenen Workshops erstellt. Das Projekt soll Geschichten aus den Stasi-Akten vermitteln. Ausführliche Informationen finden sie auf www.untoldstories.de.

Antragsformular

Hier können Sie sich den Antrag auf persönliche Akteneinsicht herunterladen.

weiterlesen: Antragsformular …