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Auf der Spur von IM "Thomas" in Schweden

TV-Dokumentation über den beispiellosen Freundesverrat eines erfolgreichen Theologen

Ein Aktenfund vor zwei Jahren in Schnipselsäcken in der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder) hat Folgen. Der MDR strahlte am 23. November 2014 eine Fernsehdokumentation über den Fall aus, der sich aus den rekonstruierten Akten ergibt. Es geht um den Freundesverrat eines Theologen aus Österreich. Der hatte sich als Student mit der DDR-Geheimpolizei eingelassen und Freunden durch seine Spitzeleien den Lebensweg verbaut. Er zog später offenbar auf Stasi-Kosten nach Schweden.

Filmtitel des MDR "Ein Stasimann in Schweden". Premiere war am 23.11.2014.Filmtitel des MDR "Ein Stasimann in Schweden". Premiere war am 23. November 2014. Quelle: MDR

"Der Vortragssaal der "Gedenkstätte Opfer politischer Gewaltherrschaft" in Frankfurt (Oder) ist gut besetzt als am Abend des 20. August 2013 Gesine Overkamp, Manfred Winter und Dr. Henning Frunder den Raum betreten. Die drei kennen sich seit Mitte der 1960er Jahre und sie verbindet ein gemeinsames Schicksal: Mit anderen wurden sie 1968 verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie die DDR verlassen wollten. Sie alle wissen, wer sie damals an die Stasi verraten hat: ein IM namens "Thomas". Und sie kennen auch seine Identität. Es ist ein renommierter Theologe...".

So begann ein Bericht, der im August 2013 auf der Website des BStU unter dem Titel "Stasi-IM mit Professur belohnt" veröffentlicht wurde. Grundlage waren seinerzeit über 1.000 ausgewertete, per Hand rekonstruierte Aktenseiten aus Schnipselsäcken zerrissener Stasi-Akten. Das MfS wollte sie vor 25 Jahren eigentlich vernichten. Aber durch die Besetzungen der Stasi-Dienststellen im Zuge der Friedlichen Revolution wurde diese Spurenbeseitigung gestoppt.

Aus der Stasi-Akte des IM "Thomas". Aufgeführt sind die Namen von sechs Studenten, die aufgrund von Aussagen des österreichischen  Stasi-Informanten verhaftet wurden.Aus der Stasi-Akte des MfS-Informanten "Thomas". Aufgeführt sind die Namen von sechs Studenten, die aufgrund seiner Aussagen verhaftet wurden. Das Stasi-Kürzel IMF bedeutet "Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindverbindungen". Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1552

In dem in der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder) aufgedeckten Fall dokumentieren die rekonstruierten Akten die Spitzel-Tätigkeit eines IM unter Ost-Berliner Theologiestudenten: Aleksander Radler, manchmal auch Wolfgang mit Vornamen genannt. Für die Stasi ist es IM "Thomas". Er hat die österreichische Staatsbürgerschaft, kann also reisen, und hat offenbar ohne Skrupel nicht nur die eingangs genannten Mitstudenten durch seine Informationen an das MfS ins Gefängnis gebracht. Zwei weitere Opfer seines Verrats begingen später Selbstmord.

Lehrreiche MDR-Dokumentation

Die Recherchen in der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder) nahm ein ehemaliger Freund und Weggefährte des IM "Thomas", der schwedische Professor Anders Törnvall gemeinsam mit dem Journalisten Ryszard Solarz zum Anlass, sich in die Akten zu vertiefen und mit Zeugen zu sprechen. Entstanden ist ein Film, der die Spurensuche sorgsam dokumentiert und reflektiert.

Um mit Aleksander Radler zu reden, reisten die Filmemacher auch in dessen heutige Heimat - nach Burträsk, einen 1.500-Seelen-Ort im Norden Schwedens. Am Ende steht ein ernüchterndes Telefonat. Die 60-minütige Fernsehdokumentation beschreibt eine lehrreiche Recherche - nicht nur über das Verdrängen und Verharmlosen von Freundesverrat, sondern auch darüber, wie sehr es sich lohnen kann, vorvernichtete Stasi-Unterlagen zu rekonstruieren.

Als IM nicht schlecht bezahlt: Von IM "Thomas" unterschriebene Quittung über 700 Westmark - ein Vermögen in der DDRAls IM nicht schlecht bezahlt: Von IM "Thomas" unterschriebene Quittung über 700 Westmark - ein Vermögen in der DDR Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1547

Zu den Stasi-Unterlagen des IM "Thomas" gehören auch zahlreiche Originalbriefe von DDR-Bürgern, die ihn baten, diese Post in Westberlin einzuwerfen, um der DDR-Postkontrolle zu entgehen. Doch was keiner von ihnen ahnen konnte - nun landete sie erst recht bei der DDR-Geheimpolizei. Auch solche Briefe wurden 2012 in der Außenstelle Frankfurt (Oder) gefunden.

Mittlerweile 2.800 Seiten zum Fall "Thomas" rekonstruiert

Inzwischen wurden ca. 2.800 Seiten aus den MfS-Akten des IM "Thomas" wieder zusammen gesetzt. Enthalten sind viele hundert Informationen zu Sachverhalten und Personen - aus Kirchenkreisen, über Fluchtwillige und Fluchthelfer, zu Menschen aus Schweden, der DDR, der alten Bundesrepublik. Dokumentiert ist auch der Versuch der Einflussnahme des MfS auf die Besetzung von Stellen kirchlicher Einrichtungen. Außerdem sind Geldquittungen erhalten.

Die Unterlagen zeichnen das Bild eines IM, der sich heimtückisch in den Dienst der Diktatur stellte. Sein Handlungsspektrum reichte von Verrat bis zur Zersetzung und beeinflusste oder zerstörte die Lebenswege anderer Menschen nachhaltig.

Stasi Mediathek

Stasi-Akten online lesen: www.stasi-mediathek.de

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