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Bühne der Dissidenz

Eine Fallstudie zum Kulturkonflikt zwischen SED und Stasi

"Bühne der Dissidenz und Dramaturgie der Repression" lautet der Titel einer neuen Studie, die der BStU-Forscher Dr. Roger Engelmann und der emeritierte Historiker Prof. Dr. Lutz Niethammer herausgegeben haben. Der Sammelband zeigt, wie eine alternative Kulturszene im thüringischen Gera in den 80er Jahren einerseits von der Kulturpolitik der SED profitierte, andererseits aber von der Stasi verfolgt wurde. Zeitzeugen und Wissenschaftler diskutierten am 24. Februar 2014 bei der Buchvorstellung in Berlin über diesen bemerkenswerten Kulturkonflikt.

Sie diskutierten über den den Kulturkonflikt in Gera: Künstler und Zeitzeuge Matthias Görnandt, die Historiker Lutz Niethammer und Roger Engelmann sowie der Liedermacher und Zeitzeuge Stephan Krawczyk (von links nach rechts).Sie diskutierten über den den Kulturkonflikt in Gera: Künstler und Zeitzeuge Matthias Görnandt, die Historiker Lutz Niethammer und Roger Engelmann sowie der Liedermacher und Zeitzeuge Stephan Krawczyk (von links nach rechts). Quelle: BStU / Griebe

Zu Beginn der 80er Jahre verfolgte die Stasi in Gera eine kleine Gruppe regionaler Künstler im Zentralen Operativen Vorgang (ZOV) "Bühne". Zwei Dutzend Hauptamtliche Mitarbeiter des MfS und mehrere Inoffizielle Mitarbeiter (IM) jagten sieben Kulturschaffende. "Alle Verfolgten dieser Gruppe profitierten vorher von der offiziellen kulturellen Öffnungspolitik der SED", erläuterte Prof. Dr. Lutz Niethammer in seinem Eröffnungsvortrag. Die Partei prämierte die Künstler, die - so die Begründung - eine neue Sprache der Jugend auszudrücken vermochten.

Der Musiker, Autor und Zeitzeuge Stephan Krawczyk umrahmte das Programm mit Musikstücken von damals und heute.Der Musiker, Autor und Zeitzeuge Stephan Krawczyk umrahmte das Programm mit Musikstücken von damals und heute. Quelle: BStU / Griebe

Zu diesen Künstlern zählten auch der Liedermacher Stephan Krawczyk des Trios "Liedehrlich" und der Musiker Matthias Görnandt, der mit "Circus Lila" Lieder in thüringischer Mundart sang. Beide Künstler beschrieben in der Diskussion, dass sie zu Beginn gar nicht gemerkt hatten, dass sie ins Visier der Stasi geraten sind. Zumal ihre musikalische Entwicklung davon unberührt blieb. "Ziel war es nicht, fundamentalen Widerstand zu leisten", erklärte Görnandt, "sondern schlau Freiräume zu suchen." Doch genau in diesen Freiräumen witterte die Stasi unterschwellig enthaltene politische Botschaften, die die Gesellschaft gefährdeten.

Der Moderator der Podiumsdiskussion Alfred Eichhorn (links) im Gespräch mit dem Zeitzeugen und Künstler Matthias Görnandt.Der Moderator der Podiumsdiskussion Alfred Eichhorn (links) im Gespräch mit dem Zeitzeugen und Künstler Matthias Görnandt. Quelle: BStU / Griebe

In den Beschreibungen der MfS-Mitarbeiter werden die Rituale der Stasi-Sprache deutlich, die sich vor allem der eigenen politisch-ideologischen Zuverlässigkeit versichern. Darüber hinaus fanden die Historiker in den Akten jedoch keine konkreten Hinweise, warum der Vorgang überhaupt angelaufen ist. "Es gibt keine begründete Eröffnung dieses Vorgangs", stellte Niethammer fest. Ebenso offen blieb auch, warum es ein ZOV - das größtmögliche Verfolgungsformat - sein musste. So entlarvt die Fallstudie "Bühne der Dissidenz" vor allem die Rechtlosigkeit der Stasi-Verfolgung.

Einen besonderen Einblick in die bürokratischen Formeln und Rituale des Stasi-Apparates gab Helmut Büscher, der aus einem IM-Bericht eines Professors für marxistisch-leninistische Ästhetik an der Universität Jena las. Darin unterstellte der IM dem Programm "Liederschoppen" vom September 1982 eine "planmäßig angelegte destruktiv-sozialismusfremde Tendenz". BStU-Forscher Dr. Roger Engelmann betonte in der anschließenden Diskussion, dass diese bürokratischen Rituale, ausgeblendet werden müssten, um so etwas wie einen Realitätsgehalt aus den Stasi-Akten gewinnen zu können.

Helmut Büscher las im Rahmen der Veranstaltung Textpassagen aus einem IM-Bericht eines Professors für marxistisch-leninistische Ästhetik an der Universität Jena.Helmut Büscher las im Rahmen der Veranstaltung Textpassagen aus einem IM-Bericht eines Professors für marxistisch-leninistische Ästhetik an der Universität Jena Quelle: BStU / Griebe

Der Abend machte deutlich, dass die Fallstudie nicht nur von regionalgeschichtlicher Bedeutung ist. Am Beispiel des Kulturkonflikts in Gera zeigte sich, wie die Hauptamtlichen Mitarbeiter der Stasi eine Parallelgesellschaft im Staatssozialismus bildeten. Sie fungierten damit nicht mehr nur als das oft zitierte "Schild und Schwert der Partei". Die Hauptamtlichen versuchten sich, im regionalen Stasi-Apparat zu profilieren. Die Verhinderung einer ähnliche Entwicklung wie im nahegelegenen Jena - wo sich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre eine aktive Opposition bildete - mag auch Motivation gewesen sein. Niethammer schlussfolgerte daraus, dass die in den 80er Jahren völlig überdimensionierte Stasi letztlich weniger Feinde entdeckt als selbst produziert hat und so "einer der wichtigsten Faktoren zur Delegitimierung des DDR-Regimes war".

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Staatssicherheit in der SED-Diktatur

Die Dauerausstellung im Berliner Stasi-Museum informiert über die DDR-Geheimpolizei.

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