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Verwerfliche Testpraxis?

Podiumsdiskussion über Pharmatests westlicher Firmen in der DDR

"Geschäfte mit der Diktatur". Unter diesem Titel diskutierten Experten am 6. Juni 2013 in Berlin über westliche Pharmatests in der DDR. Eingeladen hatte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Nach der Debatte ist klar: Vieles an den Pharmatests westlicher Firmen in der DDR ist fragwürdig. Aber schnelle Antworten gibt es nicht.

"Solche Geschäfte mit Diktaturen dürfen sich nicht wiederholen - deshalb unterstützen wir die Aufarbeitung, damit wir aus der Diktatur lernen". Roland Jahn (2.v.r) bei der Podiumsdebatte am Abend des 6. Juni."Solche Geschäfte mit Diktaturen dürfen sich nicht wiederholen - deshalb unterstützen wir die Aufarbeitung, damit wir ganz konkret etwas aus der Diktatur lernen". Roland Jahn (2.v.r) bei der Podiumsdebatte am 6. Juni 2013 im Hörsaal der Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin-Mitte. Quelle: BStU / Holger Kulick

Es war ein Geschäft für beide Seiten: westdeutsche Unternehmen ließen in den 70er und 80er Jahren Medikamente an Patienten in der DDR testen.

Häufig schlecht ausgerüstete DDR-Hospitäler erhielten dafür Geld, begehrte westliche Medikamente, Computer und Laborgeräte. Beteiligte Ärzte im Osten konnten darauf hoffen, zu westlichen Medizinkongressen und Fortbildungen eingeladen zu werden. Und der SED-Staat erhielt über seine von der Stasi gelenkten Import-Export-Firmen wertvolle Westdevisen. 

Die beteiligten westlichen Pharmafirmen erhielten als Gegenleistung schnell und gründlich erarbeitete Messergebnisse mit vergleichsweise kurzen Antragsprozeduren. Und sie waren nicht dem Risiko öffentlichen Gegen-Protestes ausgesetzt. Zu wenige wussten von diesen Tests, eine kritische Öffentlichkeit gab es nicht. Manch ein Patient wurde gar nicht erst informiert und auch nicht um schriftliche Einwilligung gebeten – ein klarer Verstoß gegen das Patientenrecht. Mitunter wurden in der DDR auch Tests genehmigt, die in der Bundesrepublik ausgeschlossen waren.

Gewiss führten solche Testreihen auch zu medizinischen Erfolgen und später allgemein nutzbaren Medikamenten. Aber sie führten auch zu Todesfällen oder eventuellen Folgeschäden, bei denen es für uneingeweihte Patienten keine Rechtsgarantie auf Entschädigung gab.

1991 erstmals Berichte über DDR-Pharmatests

Diese Medikamententests in der DDR gerieten erstmals 1991 in die Presse, eine umfassende Aufarbeitung kam aber nicht zustande. Jetzt haben Recherchen von Journalisten und Fachleuten das Thema wieder ins Licht gerückt. 

Einer der federführenden Rechercheure, der Erlanger Medizinhistoriker Dr. Rainer Erices, trug am Abend des 6. Juni 2013 auf einer Diskussionsveranstaltung des BStU in Berlin seine Erkenntnisse vor. Sie beruhen bislang vor allem auf dem Studium von Vertrags-Akten im Bundesarchiv.

Eindeutig nachweisbar seien bislang rund 230 honorierte Tests in der DDR in den Jahren nach 1983, aber auch vorher habe es schon viele Testreihen gegeben. Beteiligt seien "mit sicherlich weit über 5.000 Patienten dutzende Westfirmen - vor allem Boehringer Mannheim, Hoechst, Schering, Ciba Geigy", sagte Erices.

Aufklärung angemahnt - der Erlanger Medizinhistoriker Dr. Rainer Erices bei seinem Vortrag am 6. Juni Aufklärung angemahnt - der Erlanger Medizinhistoriker Dr. Rainer Erices bei seinem Vortrag Quelle: BStU / Kulick

Tests hätten aber auch Unternehmen aus der Schweiz, Österreich, Finnland, Holland, Großbritannien, Frankreich und den USA in Auftrag gegeben. Alle abgeschlossenen Verträge diesbezüglich lägen mittlerweile vor, viel Begleitmaterial lagere aber noch unausgewertet in den Archiven der beteiligten Firmen, Behörden und auch im Stasi-Archiv.

Vieles sei getestet worden: Infusionslösungen, Insulin, Chemotherapeutika, Angsthemmer und besonders Herz- und Kreislaufmittel. Dabei seien mehrfach Todesfälle aufgetreten – unklar jedoch, ob durch die getesteten Medikamente oder andere Faktoren.

Stasi-Vermittlerfirma kassierte die Hälfte des Geldes

Die Patientensicherheit sei laut vielen Arbeitsprotokollen aus DDR-Krankenhäusern zwar oberstes Gebot gewesen, trotzdem "müssen wir beunruhigt sein", betonte Rainer Erices.

So seien die Verträge federführend über Firmen des DDR-Außenhandels abgeschlossen worden, "vorrangig durch die Berliner Import-Export GmbH – einer Ostberliner Firma, die der sogenannten Koko zuzurechnen ist" – also dem Umfeld der Stasi und ihres Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski. Erstaunlich dabei sei, "dass diese Mittlerfirma ein Großteil der Valuta-Einnahmen durch die Tests selbst einkassierte" – nämlich rund die Hälfte. Um den Rest hätten sich dann die beteiligten Ministerien – für Gesundheit, für Hochschule und Forschung und die Akademie der Wissenschaften gestritten. In den Akten seien auch Hinweise zu finden, "dass sich Ärztegremien beschwerten, dass die Koko-Vertreter zu forsch Tests anbahnten, ohne medizinische Sachkenntnisse vorgingen – das macht durchaus argwöhnisch".

Überbeanspruchte DDR-Ärzteschaft

Seine Recherchen hätten auch "etliche Indizien" zu Tage gefördert, die daran zweifeln ließen, dass die notwenige Patientenaufklärung "immer im Sinne der gesetzlichen Vorgaben ablief". So zeigten Dokumente aus der Anfangszeit der Tests, dass es in der DDR an kundigen Pharmakologen und Prüfkapazität mangelte. Und es fänden sich Einträge, die eine Überforderung der beteiligten Kliniken belegen. Vorschrift sei es gewesen, dass die ohnehin überlastete DDR-eigene klinische Grundlagenforschung niemals unter den Tests westlicher Produkte leiden dürfe. "Trotzdem gab es immer mehr Tests. Als Beispiel 1987 liefen DDR-weit 115 Tests parallel", sagte Dr. Erices.

Die Westberliner Pharmafirma Schering in einer Aufnahme der Stasi aus den 70er JahrenDie West-Berliner Pharmafirma Schering in einem Spitzel-Video der Stasi aus den 70er Jahren Quelle: BStU, MfS, BV Berlin, Fi 1

In Listen zu Testreihen fehle auch das Kreuz über ein Einverständnis des Patienten oder es sei "auch rausradiert" worden. Staatliche Kontrollstellen hätten diesbezüglich "nicht nachgehakt". Laut Stasi-Akten hätten misstrauische Mediziner die Tests sogar offen angezweifelt: "Ist die DDR ein Billigland, ein Versuchsfeld geworden? Es müsse doch einen Grund haben, warum die Tests nicht mehr in der dritten Welt oder in einem anderen diktatorischen Staat abliefen", hätten IMs aus der Ärzteschaft notiert.

Alle Merkwürdigkeiten seien "selbstverständlich noch kein Beweis, dass die Tests alle unter zumindest ethischen Gesichtspunkten fragwürdig abliefen". Bei so vielen Fragen aber "schreit es nach Aufarbeitung", bilanzierte Dr. Erices. Ihn würden auch solche Dokumente verstören, "die besagen, dass die Kontrolleure der Westfirmen, sogenannte Monitore, nicht in die Prüfeinrichtungen gelassen wurden, oder dass Ethikkommissionen an den Unis kein Mitspracherecht hatten".

Patienten gar nicht erst aufgeklärt

In der anschließen Podiumsdiskussion ergänzten die beiden Fach-Redakteure der Zeitschrift Spiegel, Peter Wensierski und  Nicola Kuhrt, den Einleitungs-Vortrag Dr. Erices mit Zitaten aus eigenen Aktenfunden.

Der Skandal sei für ihn, so Peter Wensierski, "dass westliche Firmen die Bedingungen in der DDR genutzt haben, die ihnen in der BRD so nicht möglich waren". Firmen wie die Höchst AG in Frankfurt am Main hätten die DDR sogar als ein "Kernland" ihrer Arzneimittelforschung definiert, gleichberechtigt mit Frankreich und Großbritannien, zitierte Wensierski aus einem internen Gesprächs-Protokoll.

Die Spiegel-Redakteure Peter Wensierski (l.) und Nicola Kurth neben dem Medizinhistoriker Rainer Erices (r.)Die Spiegel-Redakteure Peter Wensierski (l.) und Nicola Kurth neben dem Medizinhistoriker Rainer Erices (r.) Quelle: BStU / Kulick

In einem Fall sei mit den Unterhändlern des Pharmakonzerns nachweisbar vereinbart worden, den Aufklärungstext über das zu testende Medikament gar nicht erst dem Patienten zur Kenntnis zu geben. Die Einwilligungserklärung für den Medikamententest sollte allein der behandelnde Arzt unterschreiben.

Warnung vor voreiligen Schuldzuweisungen

Dennoch warnte auf dem Podium Prof. Dr. Volker Hess von der Charité Berlin vor voreiligen Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Er sei sich "nicht sicher, ob dies alles DDR-spezifisch ist". Auch von Patienten in der Bundesrepublik gebe es im Vergleichszeitraum Hinweise auf Tests, in denen sie nicht aufgeklärt worden seien. Einseitige Aufklärung könne aber leicht dazu führen, den Vorwurf zu ernten, "den Kalten Krieg fortsetzen zu wollen."

Auch Dr. Jörg Bentmann, zuständiger Abteilungsleiter im Bundesinnenministerium, mahnte: "Im Augenblick formulieren wir viele Fragen, aber geben einige Antworten zu schnell". Die wichtige "Initialzündung" für den Aufarbeitungsprozess sei jetzt allerdings da. Daher übernehme das Bundesinnenministerium rund 70 Prozent der Kosten für ein Forschungsprojekt an der Berliner Charité, das am 15. Juni 2013 starten soll. Das auf zweieinhalb Jahre angelegte Projekt soll die Tests in der DDR wissenschaftlich untersuchen. Es steht unter Leitung des Charité-Medizinhistorikers Hess, der voreilige Erwartungen auf ein schnelles Ergebnis dämpfte: "Das metert richtig Akten", betonte der Pharma-Spezialist.

"Aus der Diktatur lernen"

Das zögerliche Herangehen kritisierte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Schließlich sei es seit 1991 bekannt gewesen, dass westliche Firmen gegen Devisen in der DDR großangelegte Arzneimittel-Studien in Auftrag gaben. Aber erst jetzt beginne das Forschungsprojekt, das auch das Arzt-Patienten-Verhältnis in der DDR untersuchen müsse. Die Bedingungen in der DDR-Diktatur mit ihren sehr eingeschränkten Patientenrechten hätten "diese Geschäfte erst möglich gemacht".

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, zwischen dem Leiter des Aufarbeitungsprojekts an der Charité, Prof. Dr. Volker Hess (l.) und dem Mitfinanzier aus dem Innenministerium, Dr. Jörg Bentmann (r.)Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, zwischen dem Leiter des Aufarbeitungsprojekts an der Charité, Prof. Dr. Volker Hess (l.) und dem Mitfinanzier der Studie, Dr. Jörg Bentmann aus dem Bundesinnenministerium (r.). Quelle: BStU / Kulick

Umso wichtiger sei, aus den Versäumnissen von gestern Lehren für die Gegenwart zu ziehen und genau hinzusehen, wo heute noch Medikamententests in Auftrag gegeben werden. "Solche Geschäfte dürfen sich nicht wiederholen - deshalb unterstützen wir die Aufarbeitung, damit wir hier ganz konkret etwas aus der Diktatur lernen", sagte Jahn.

Er forderte sowohl Firmen als auch DDR-Mediziner zur Mitarbeit auf. Es gehe nicht darum, Ärzte zu verdammen, die in den Zwängen des DDR-Gesundheitssystems gesteckt hätten. Doch auch die Frage nach deren persönlichen Verantwortung stehe im Raum. Anfragen an Vertreter der Pharmaindustrie, sich an dieser Podiumsdebatte  zu beteiligen, waren zuvor ins Leere gelaufen.

Im Publikum ein Zeitzeuge von Schering

Ein ehemaliger Wissenschaftler der West-Berliner Firma Schering meldete sich überraschend aus dem Publikum zu Wort. Er habe Anfang der 80er Jahre Antidepressiva an der Charité testen lassen und viele weitere Verhandlungen über Tests mitbetreut. Deren Dimension werde aber überschätzt. Vergleichstest habe es in mehreren Ländern gegeben. So habe er elf Testpersonen an der Charité gehabt, "aber zeitgleich 300 in den USA". In der DDR wäre auch nicht mehr Geld gezahlt worden, als in anderen Ländern, allerdings habe auch er die Streitigkeiten der Ärzteschaft und Koko-Mitarbeitern über die Mittelverwendung miterlebt. Die Stasi-Leute hätten ihn stets als "feindlich-negativ" betrachtet.

Die Aufgeschlossenheit der Ärzte gegenüber solchen Tests bezeichnete Dr. Reinhard Horowski als groß. Letztlich seien westliche Medikamente für Mediziner in der DDR "Bückware vom Feinsten" gewesen. Untersuchungen seien stets sachgerecht verlaufen und "hochqualifizierte Ärzte" hätten die Patienten betreut. Parteiobere hätten aber den Kontakt mit den Westmedizinern gemieden, so auch ein hochrangiges ZK-Mitglied der SED, das zu dieser Zeit die zuständige Charité-Abteilung leitete. Erst nach der Wiedervereinigung hätte er den Kontakt gesucht.

Der ehemalige Leiter einer Medikamnetentestreihe der Firma Schering an der Charité, Dr. Reinhard HorowskiDer ehemalige Leiter einer Medikamnetentestreihe der Firma Schering an der Charité, Dr. Reinhard Horowski Quelle: BStU / Kulick

Für ihn seien solche Medikamententests ein "patriotische Tat" gewesen, hob Horowski im Anschluss an die Runde hervor, er habe zugleich auch Manuskripte für Freunde wie den Schriftsteller Jürgen Fuchs geschmuggelt und kritisch denkenden Ärzten geholfen. Auch einen Computer habe er der Charité verschafft, der dort auch verblieben sei – trotz Begehrlichkeiten der Stasi.

Ob denn seine elf Patienten an der Charité auch eine Einwilligungserklärung unterzeichnet hätten, wurde Dr. Horowski im Nachgespräch gefragt. Daran könne er sich heute nicht mehr erinnern, aber er habe sich vorgenommen, in den Akten nachzuforschen, "die es hoffentlich beim neuen Schering-Besitzer Bayer in Leverkusen noch gibt".

Stasi Mediathek

Stasi-Akten online lesen: www.stasi-mediathek.de

Staatssicherheit in der SED-Diktatur

Die Dauerausstellung im Berliner Stasi-Museum informiert über die DDR-Geheimpolizei.

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