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"Das schweigende Klassenzimmer" in den Stasi-Akten

Ein Vorfall Ende Oktober 1956 an einer Oberschule in Storkow ist nun ein Kinofilm. Was die Stasi zum tatsächlichen "schweigenden Klassenzimmer" aufgeschrieben hat, zeigt ein Blick ins Stasi-Unterlagen-Archiv.

12 der Schüler nach ihrer Ankunft im Westen nebeneinander Arm in Arm laufend12 der Schüler nach ihrer Ankunft im Westen Quelle: BStU, MfS, AP, Nr. 8801/57, Bl. 35 (Bildrechte: dpa)

Am 29. und 30. Oktober 1956 kam es an der Kurt-Steffelbauer-Oberschule in Storkow zu einem Zwischenfall. In der 12. Klasse erhoben sich Schülerinnen und Schüler während des Geschichtsunterrichts und des ausgefallenen Mathematikunterrichts für ein paar Minuten, um schweigend an die ungarischen Freiheitskämpfer zu erinnern.

Am 23. Oktober hatten Tausende von Studenten in Budapest für demokratische Reformen demonstriert. Am Abend versammelten sich Hunderttausende Menschen vor dem Regierungsgebäude. Entgegen anderslautenden Ankündigungen veranlasste die kommunistische Regierung, die Menge mit Waffengewalt zurückzudrängen. Es gab Tote. Dieser Toten wollten die Schüler in Storkow gedenken, während in Ungarn ein bewaffneter Kampf der Bevölkerung gegen die einmarschierenden sowjetischen Truppen tobte. Erst Mitte November kam dieser langsam zum Erliegen. Der Kampf für mehr Demokratie war verloren.

Für die Schüler in Storkow hatte ihr Schweigen dramatische Folgen. Ihr Lehrer tolerierte das Bedürfnis, der Toten zu gedenken – eine mutige Entscheidung, galten doch die Freiheitskämpfer im offiziellen Sprachgebrauch als "Konterrevolutionäre". Doch der Vater eines Sohnes, der zu Hause von der Schweigeminute erzählt hatte, meldete ihn der SED. Daraufhin kam eine Aktion ins Rollen, die die 15 Schüler und eine Schülerin, zwischen 17 und 18 Jahre alt, zum Ende des Jahres veranlasste, in den Westen zu flüchten.
Stasi-Unterlagen dokumentieren den Protest der Schüler aus Sicht der Geheimpolizei und der SED. Minutiös wurden die "Vorkommnisse", ihr Ablauf, ihre Protagonisten und die Disziplinierungsversuche festgehalten.

Dokument:
Bericht der Bezirksverwaltung Frankfurt/Oder zu den "Vorkommnissen an der Oberschule Storkow"

Weil sie dem Druck, die "Anstifter" zu benennen, nicht nachgaben, wurden sie von der Schule geworfen. Anfang Januar 1957 siedelten die Schüler und eine Schülerin in den Westen über. Dieser Fortgang der Dinge wurde in einer "Sicherheitsbesprechung" in seinen kurz- und langfristigen Folgen durch Vertreter der SED und des MfS erörtert.

Dokument:
Bericht der Bezirksverwaltung Frankfurt/Oder über die Situation in Storkow nach der Republikflucht von 15 Schülern

Die Aktion der Storkower Schülerinnen und Schüler war kein Einzelfall. Im Jahresband 1956 der ZAIG-Edition sind in der Information Nr. 326/56 vom 10.11.1956 etliche weitere Aktionen und Schweigeminuten in Solidarität mit dem ungarischen Volksaufstand zusammen getragen. Die Berichterstatter des MfS begleiteten diese Information mit den Worten:

"Obwohl festzustellen war, dass mit dem Bekanntwerden der Ereignisse in Polen und Ungarn von der Bevölkerung der DDR im starken Maße Westsender gehört und diesen Meldungen Glauben geschenkt wurde, fanden die Aufrufe "Schweigeminuten" durchzuführen, nur wenig Anklang."

Dokument:
Datei ist nicht barrierefrei  Information Nr. 326/56 - Betrifft Durchgeführte "Schweigeminuten" aus Anlass der Konterrevolution in Ungarn (PDF, 562KB, Datei ist nicht barrierefrei)

 Im Klassenzimmer im Westen (Ausschnitt). Zu sehen sind drei Schüler und ein Lehrer vor einer Schultafel.Im Klassenzimmer im Westen (Ausschnitt) Quelle: BStU, MfS, AP, Nr. 8801/57, Bl. 36 (Bildrechte: dpa)

Mit dem solidarischen Akt eines gemeinsamen Verlassens der DDR war die Gruppe allerdings nicht aus dem Blickfeld der Stasi verschwunden. Das MfS sammelte Informationen über die Schüler im Westen, aus offiziellen Quellen wie westlichen Zeitungen, aber auch über Informanten. Ebenfalls wurde die Post der Ausgereisten abgefangen und protokolliert.

Dokument:
Informationen einer Quelle über den weiteren Verbleib der geflüchteten Schüler

Dokument:
Abschrift eines Briefes eines ehemaligen Oberschülers aus Storkow

Bis zum Ende der DDR waren die fünfzehn Männer und eine Frau in den Speichern des MfS verzeichnet. Ihre Besuche bei den Verwandten in der DDR sowie umgekehrt Verwandtenbesuche von DDR-Bürgern bei den Geflüchteten im Westen wurden kontrolliert und überwacht. Beispielhaft zeigt eine Kerbloch-Karteikarte eine typische Form der Informationssammlung in den 1970er und 1980er Jahren.

Dokument:
Kerblochkarteikarte zu einem "republikflüchtigen" Schüler

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