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"Nie wieder Stasi"

Die Besetzung der Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990

"Nie wieder Stasi" hieß der Aufruf zur Demo am 15. Januar 1990 vor der Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Tatsächlich öffneten sich an jenem Abend die Tore und die Menschen strömten auf das Gelände des Ministeriums für Staatssicherheit. Damit setzte sich ein Prozess fort, der in den Bezirken der DDR begann und die weltweit erstmalige umfassende Öffnung von Akten einer Geheimpolizei bewirkte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Ministerium für Staatssicherheit formell bereits aufgehört, zu existieren. Es war als Folge der Friedlichen Revolution in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt worden, und Erich Mielke, langjähriger Minister für Staatssicherheit, hatte seine Ämter verloren. Auch das AfNS sah schon seinem Ende entgegen. Es wurde unter der Regierung des Ministerpräsidenten Hans Modrow bereits aufgelöst.

Alte Strukturen der Stasi weiter am Werk

Im Amt bestanden jedoch die alten Strukturen des MfS weiter. Der Mielke-Stellvertreter Wolfgang Schwanitz war Leiter des AfNS, und die Struktur des Ministeriums war weitestgehend erhalten geblieben. Die Stasi-Offiziere hofften, ihren Apparat in die Zeit nach der Friedlichen Revolution retten zu können, in Anlehnung an die Struktur der Nachrichtendienste in der Bundesrepublik Deutschland als Verfassungsschutz der DDR.

Dieser Plan scheiterte jedoch am Widerstand der Bevölkerung. Der zentrale Runde Tisch, das Gremium, in dem Regierungsvertreter mit Vertretern der Kirchen und der neuen demokratischen Bewegung über die Zukunft der DDR verhandelten, beschloss die vollständige Auflösung der Staatssicherheit. Am 15. Januar 1990 berichtete der stellvertretende Leiter des Sekretariats des Ministerpräsidenten, Manfred Sauer, über den Stand der Auflösung des AfNS. Der Vortrag war die erste öffentliche Bericht über das Ausmaß der Arbeit der Stasi, die Zahl ihrer Mitarbeiter und den Umfang ihrer Bewaffnung.

Das Haupttor der Stasi-Zentrale in der Ruschestraße in Berlin Lichtenberg in den 80er Jahren.Das Haupttor der Stasi-Zentrale in der Berliner Ruschestraße in den 80er Jahren. Quelle: BStU, MfS, BdL, Fo, Nr. 291, Bild 28

Besetzungen gegen die Vernichtung von Unterlagen

Die Stasi-Mitarbeiter waren derweil dabei, die Spuren des jahrzehntelangen Tuns der Staatssicherheit zu verschleiern. In den Bezirksverwaltungen für Staatssicherheit genauso wie in der Zentrale vernichtete das Personal in großem Stil Unterlagen. Sie wurden zerkleinert oder mit Wasser zu einem Brei vermengt und so unlesbar gemacht und zum Teil sogar aufgrund der schieren Menge von Hand zerrissen. Ein Verbrennen der Unterlagen war nicht möglich, weil die Stasi-Leute befürchteten, der entstehende Rauch könnte Bürgerrechtler auf den Plan rufen.

Trotz aller Heimlichkeit war die Aktenvernichtung nicht verborgen geblieben, und so hatten ab Anfang Dezember 1989 Bürgerkomitees damit begonnen, die Liegenschaften der Stasi zu besetzen. Bis Januar 1990 waren alle Bezirksverwaltungen unter Kontrolle von Bürgerinnen und Bürgern der DDR. Allein die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg blieb unbesetzt. Dorthin rief die Bürgerbewegung "Neues Forum" für den Nachmittag des 15. Januar zu einer Kundgebung. Das Haupttor der Stasi-Zentrale in der Ruschestraße sollte gegen 17.00 Uhr symbolisch vermauert werden als Symbol für das Ende der DDR-Geheimpolizei.

"Mit Fantasie gegen Stasi und Nasi"

Tausende Demonstranten folgten dem Aufruf "mit Fantasie gegen Stasi und Nasi" zu protestieren. Bald forderten die Menschen unter Rufen wie "Stasi raus" Einlass in die Stasi-Zentrale. Tatsächlich öffnete sich nach einiger Zeit das Tor, und einige tausende Demonstranten gelangten auf das Gelände. Wer das Tor öffnete, ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist, dass der Großteil der Menge nicht auf eines der Dienstgebäude zusteuerte, sondern auf den Dienstleistungs- und Versorgungstrakt der Stasi-Zentrale in "Haus 18". Dort kam es zu Sachbeschädigungen: Fenster wurden eingeschlagen, Stühle und Tische wurden hinausgeworfen. Ein Grund dafür mochte die hier sichtbare, für DDR-Verhältnisse luxuriöse Versorgung der Stasi-Mitarbeiter gewesen sein. In "Haus 18" gab es gut gefüllte Warenlager mit Konsumgütern, die im Rest des Landes schwer zu bekommen waren.

Zu größeren Ausschreitungen kam es jedoch nicht. Am frühen Abend erhielt der noch tagende Runde Tisch Kenntnis von den Ereignissen. Die Teilnehmer brachen ihre Gespräche ab und fuhren nach Lichtenberg. Dort riefen sie gemeinsam mit Ministerpräsident Modrow die Menschen zur Besonnenheit auf. Tatsächlich verlief sich die Menge anschließend. Eine wichtige Folge der Ereignisse war, dass die Stasi in ihrer Zentrale nicht weiter arbeiten konnte. Auch ihr Traum von einem DDR-Verfassungsschutz erfüllte sich nicht. Bürgerrechtler übernahmen auch in der Stasi-Zentrale die Kontrolle über die Akten, die so für die Nachwelt bewahrt werden konnten.

Bürgerberatung

In der Zentralstelle des BStU in der Karl-Liebknecht-Straße in Berlin beraten Sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bürgerberatung telefonisch oder persönlich zu Fragen der Akteneinsicht.

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Stasi Mediathek

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