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Gefängnis statt Rolling Stones

Ein Gerücht, die Stasi und die Folgen

Im Herbst 1969 geisterte ein Gerücht durch die DDR: Die Rolling Stones sollen am 7. Oktober ein Konzert auf dem Dach des Axel-Springer-Hochhauses spielen - in unmittelbarer Nähe zur Staatsgrenze der DDR. Das Ganze war tatsächlich nur ein Gerücht, doch Partei und Stasi wollten nicht tatenlos zusehen, wie sich die DDR-Jugend ausgerechnet zum 20. Jahrestag der Staatsgründung westlicher Rockmusik zuwendete. Eine neue Broschüre dokumentiert anhand ausgewählter Beispiele die Verfolgung der Stones-Fans durch die Sicherheitsorgane im SED-Staat.

Mick Jagger beim Konzert in der Berliner WaldbühneMick Jagger beim Konzert in der Berliner Waldbühne Quelle: Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, No: 50014733, Bayerische Staatsbibliothek, Foto: Felicitas Timpe

Im September 1969 gab der auch im Osten bekannte Moderator Kai Blömer in der RIAS-II-Sendung "Treffpunkt" zum Besten, die Rolling Stones würden am 7. Oktober 1969 ein Konzert auf dem Springer-Hochhaus geben. Es war nur ein Scherz, dies stellte er noch in derselben Sendung klar. Doch das Gerücht war da bereits in der Welt.

Weit mehr als SED und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zu Beginn, nahmen vor allem viele junge Menschen in der ganzen DDR das Gerücht ernst. Selbstgefertigte Flugblätter mit dem Hinweis auf das Konzert tauchten auf. So bekam auch die Stasi Wind von der Geschichte und wurde hellhörig. Schließlich wollte die SED-Führung an diesem Tag ihr 20-jähriges Bestehen pompös und ungestört feiern. Junge Beatfans, die im Zentrum Ost-Berlins unmittelbar an der Mauer ein Stones-Konzert erleben wollten, waren da unerwünscht.

Der Führungsriege in der SED und im MfS waren die Jugendbewegungen dieser Zeit ohnehin suspekt – eine Ausgeburt des westlichen, vornehmlich US-amerikanischen, Kulturimperialismus. Frisuren, Kleidung, Tänze, Musik – nichts entsprach dem "guten sozialistischen Geschmack". Die Stones galten als Sinnbild der Beat-Bewegung schlechthin. Die tiefe Abneigung gegenüber den Rockmusikern traf sich mit der tief sitzenden Furcht, bei einem solchen Konzert mit tausenden Fans könnte es schnell zu einem Sturm auf die Mauer kommen. SED und MfS sahen ihr System und ihren Staat existenziell bedroht. Die Sicherheitsorgane planten entsprechende Vorkehrungen.

Foto vom Grenzverlauf in Berlin. Im Hintergrund ragt das Axel-Springer-Hochhaus emporFoto vom Grenzverlauf in Berlin. Im Hintergrund ragt das Axel-Springer-Hochhaus empor Quelle: Foto: BStU, MfS, HA IX, Fo 1442, Bild 1

Zum Konzert kam es nicht. Aber ein Großaufgebot von Polizei und Staatssicherheit versuchte, jede Menschenansammlung und die befürchteten Grenzdurchbrüche zu verhindern. Hunderte junger Rockfans, die sich in Erwartung des Konzertes auf der Ostseite des Springer-Hochhauses versammelten, wurden verhaftet. Die Broschüre "Gefängnis statt Rolling Stones" gibt einen plastischen Einblick, wie SED und die Stasi allgemein auf die neuen Jugendkulturen und speziell auf die Vorgänge im Oktober 1969 reagierten. Sie dokumentiert anhand ausgewählter Beispiele die Verfolgung und Inhaftierung der Stones-Fans.

Pressegespräch im Springerhochhaus
   
Die Zeitzeugen besichtigen die oberste Etage des Springerhochhauses

Die Zeitzeugen besichtigen die oberste Etage des Springerhochhauses Quelle: BStU

Rainer Laabs (rechts, mit dem Bundesbeauftragten Roland Jahn) erläuterte Hintergründe zum Springerhochhaus

Rainer Laabs (rechts, mit dem Bundesbeauftragten Roland Jahn) erläuterte Hintergründe zum Springerhochhaus Quelle: BStU

Roland Jahn mit der neuen Themenbroschüre "Gefängnis statt Rolling Stones". Auch auf dem Bild: Udo Gebhardt, Rainer Laabs und Eckart Mann

Roland Jahn mit der neuen Themenbroschüre "Gefängnis statt Rolling Stones" Quelle: BStU

Zeitzeugenrunde mit Jürgen Rosemann, Günter Kalies, Wolfgang Kliem, dem Bundesbeauftragten Roland Jahn und Eckart Mann

Zeitzeugenrunde mit Jürgen Rosemann, Günter Kalies, Wolfgang Kliem, dem Bundesbeauftragten Roland Jahn und Eckart Mann Quelle: BStU

Bei den Pressevertretern herrschte großes Interesse am Zeitzeugengespräch

Bei den Pressevertretern herrschte großes Interesse am Zeitzeugengespräch Quelle: BStU

Günter Kalies, Evelies Gerhardt, Jürgen Rosemann, Udo Gebhardt, Wolfgang Kliem, der Bundesbeauftragte Roland Jahn und Eckart Mann mit Karten für das Stones-Konzert am 10.6. in der Berliner Waldbühne

Günter Kalies, Evelies Gerhardt, Jürgen Rosemann, Udo Gebhardt, Wolfgang Kliem, der Bundesbeauftragte Roland Jahn und Eckart Mann mit Karten für das Stones-Konzert am 10.6. in der Berliner Waldbühne Quelle: BStU

Die Zeitzeugen Evelies Gehrhardt und Jürgen Rosemann mit Stones-Karten

Die Zeitzeugen Evelies Gehrhardt und Jürgen Rosemann mit Stones-Karten Quelle: BStU

Zeitzeuge Eckart Mann im Radiointerview

Zeitzeuge Eckart Mann im Radiointerview Quelle: BStU

Die Broschüre wurde am 5. Juni 2014 im Rahmen eines Pressegespräches mit Zeitzeugen vorgestellt. Roland Jahn (BStU) und der Leiter des Unternehmensarchivs Axel Springer Rainer Laabs erinnerten gemeinsam mit den 1969 inhaftierten Stones-Fans Evelies Gerhardt, Eckart Mann, Günter Kalies, Udo Gebhardt, Wolfgang Kliem und Jürgen Rosemann an dieses Ereignis.

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"Gefängnis statt Rolling Stones" - Pressegespräch im Springerhochhaus. VideomitschnittQuelle: BStU

Die Dokumentensammlung wird durch ein Vorwort des BStU-Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk – "It’s only Rock’n’Roll. The Rolling Stones und der SED-Staat" eingeleitet.

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