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Staatssicherheit im Abitur

Das Thema Stasi im Abitur? Dass dies Schüler sogar begeistern kann, ist eine Erfahrung von Bernd Lippmann, Mathematiklehrer in Berlin.

Bernd Lippmann wurde einst von der Stasi zum Staatsfeind abgestempelt. "Feindlich negativ eingestellt" sei der Freiberger und betreibe "staatsfeindliche Hetze", warf die DDR-Obrigkeit dem Studenten vor. Der Anlass: Lippmann hatte George Orwells "Farm der Tiere" und Literatur von Ralph Giordano weitergegeben. Die Folge: Eine Verurteilung zu drei Jahren Haft und im Anschluss 1975 die Abschiebung in die Bundesrepublik.

Ausschnitt aus der Liste denkbarer Stasi-Prüfungsthemen für das Fach ZeitgeschichteAusschnitt aus der Liste denkbarer Stasi-Prüfungsthemen für das Fach Zeitgeschichte Quelle: BStU / Kulick

Lippmann wurde Lehrer in West-Berlin. Er sah sich nun in der Pflicht, totalitäres Gebaren einer Staatsführung kontinuierlich aufzuarbeiten - darin sieht er einen Beitrag, "dass sich ähnliches nicht noch einmal in der deutschen Geschichte wiederholt". Insbesondere am Beispiel der Stasi-Akten ist aus seiner Sicht lehrreich nachweisbar, wie die Geheimpolizei eines totalitären Staates alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt. Dass so viele Akten durch Bürgerengagement erhalten werden konnten, nennt er "einen Glücksfall der Geschichte für den Unterricht".

Modellprojekt entwickelt

An seiner Schule, der Friedrich Ebert-Oberschule, einem Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf, hat Lippmann nun ein Modellprojekt für Abiturienten entwickelt, dem sich spontan zwölf weitere Lehrerinnen und Lehrer angeschlossen haben. Sie unterrichten Naturwissenschaften, Sport, Zeitgeschichte, Kunst, Deutsch, Spanisch und Religion.

Alle bieten Schülern im Abitur Prüfungsthemen an, die das Themenfeld Stasi berühren. Die Schüler dürfen dabei in ausgewählten Stasi-Akten recherchieren. Voraussetzung: die Akten wurden vom BStU zuvor bereits einmal zu wissenschaftlichen Zwecken zur Verfügung gestellt. Begleitend müssen die Schüler ihr Thema in Spezialbibliotheken und mit Zeitzeugen vertiefen, um am Ende einen Multimedia-Vortrag zu halten oder eine selbstgefertigte, kleine Publikation zu erstellen. Sie wird als "besondere Lern-Leistung" (BLL) anerkannt oder im Rahmen einer Sonderprüfung zum Abitur vorgestellt, in Berlin nennt sich das 5. Prüfungskomponente.

In der Diskussion mit dem Bundesbeauftragten Roland Jahn (r.)Oberstufenschüler, u.a. aus der Berliner Friedrich-Ebert-Schule beim Interview mit Roland Jahn in der Stasi-Unterlagen-Behörde. Schülerkommentar nach 90 Minuten Gespräch: "Lehrreicher, als alles, was wir bisher über DDR und Stasi erfahren haben" Quelle: BStU / Kulick

Schüler aus drei Berliner Schulen haben solche Prüfungen soeben begeistert absolviert, forschten beispielsweise über heimliche radioaktive Bestrahlung durch das MfS, erörterten das Problem "Aids in der DDR" oder griffen die aktuelle Debatte über Stasi-Überprüfungen im Öffentlichen Dienst auf. Im Vorfeld ihrer Prüfung hatten sie auch die Stasi-Unterlagen-Behörde aufgesucht und den Bundesbeauftragten Roland Jahn interviewt, dem der Elan der Schüler imponierte (Mehr über das Gespräch unter diesem Link).

Derzeit 135 Themen zur Auswahl

Das Prüfungskonzept, das Bernd Lippmann für die Friedrich-Ebert-Oberschule entwickelt hat, umfasst mehrere Schritte. Zunächst informieren die Lehrer Schüler über die Bandbreite der Möglichkeiten, auch in ihrem Lieblingsfach ein Thema mit Stasi-Bezug zu bearbeiten. Um die Auswahl zu erleichtern, hat Lippmann mit seinen Lehrer-Kollegen eine Liste mit 135 denkbaren Prüfungsthemen erstellt, die fortlaufend erweitert wird.

Auswahlliste für Abiturprüfungsthemen an der Friedrich-Ebert-Oberschule in den Fächern Psychologie, Sport, Biologie, Physik und MathematikAuswahlliste für Abiturprüfungsthemen an der Friedrich-Ebert-Oberschule in den Fächern Psychologie, Sport, Biologie, Physik und Mathematik Quelle: BStU / Kulick

Die Auswahl ist groß, so kann beispielsweise die feindbildgeprägte und ideologisch-technokratische Sprache des MfS zum Thema werden, aber auch Punk-Musik in der DDR, der Einfluss der Stasi auf die Berufswahl, die Verfolgung flüchtiger Spitzensportler in der Bundesrepublik, Chiffrieralgorithmen von Verschlüsselungsmaschinen des MfS oder sogar dies: die Sektion Spanisch der Sprachenschule des MfS.

Die betreuenden Lehrer sprechen im zweiten Schritt ein ausgewähltes Thema präzise mit ihren Prüflingen ab und stellen sicher, "dass sich die Schüler grundlegende Informationen außerhalb des schulischen Aktenpools besorgen", so heißt es im Konzept. Dazu müssen sie nachweisen, dass sie eines der folgenden Archive aufgesucht haben: Die BStU-Bibliothek, das Matthias Domaschk-Archiv oder das Stasi-Museum. Dann erst besorgen die Lehrer die jeweilige Stasi-Akte.

Angebot auf der Website der Berliner Friedrich-Ebert-Oberschule: "Nutzung von Stasi-Akten zur Anfertigung einer "besonderen Lern-Leistung" (BLL) bzw. einer Präsentationsprüfung" als 5. Abitur-PrüfungskomponenteBeim Anklicken dieses Homepage-Ausschnittes der Friedrich-Ebert-Oberschule gelangen Sie zur kompletten Projektthemenliste: "Nutzung von Stasi-Akten zur Anfertigung einer besonderen Lern-Leistung (BLL) bzw. einer Präsentationsprüfung" als 5. Abitur-Prüfungskomponente Quelle: BStU / Kulick

Nun dürfen die Schüler innerhalb einer Doppelstunde Akteneinsicht nehmen und sich Notizen machen. Dabei können sie sich Blätter auswählen, von denen sie Kopien benötigen. Fotografieren ist allerdings nicht erlaubt.

Die Verantwortlichkeit gemäß des Stasi-Unterlagen-Gesetzes trägt als Lehrer Bernd Lippmann, der nebenher noch Vorstandsvorsitzender des Vereins "Antistalinistische Aktion Berlin-Normannenstraße (ASTAK)" ist. Er hat sein Büro am ehemaligen Dienstsitz Erich Mielkes und betreut dort gemeinsam mit dem BStU das neue STASIMUSEUM.

Nach erfolgreicher Abitur-Prüfung wird mit Zustimmung des Schülers ein Exemplar der Prüfungsarbeit oder der Präsentation (z.B. eine DVD) der Stasi-Unterlagen-Behörde und ihrer Bibliothek zur Verfügung gestellt - um sie dort als Muster auch anderen Schülern zugänglich zu machen. Bislang können freilich nur Lehrer und Schüler der Berliner Friedrich-Ebert-Oberschule mit den Unterlagen arbeiten, denkbar ist aber auch eine Ausdehnung des Modells auf andere interessierte Schulen.

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Bürgerberatung

In der Zentralstelle des BStU in der Karl-Liebknecht-Straße in Berlin beraten Sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bürgerberatung telefonisch oder persönlich zu Fragen der Akteneinsicht.

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