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Geschichte der Spezialkampfführung (Abteilung IV des MfS) – Aufgaben, Struktur, Personal, Überlieferung

Von Doreen Hartwich und Bernd-Helge Mascher

Die MfS-Abteilung für Spezialkampfführung sollte mittels Diversion, Spionage und Sabotage in Spannungsperioden oder im Kriegsfall eine militärische Besetzung des "Operationsgebietes" [1] vorbereiten.

Solche Elite-Kämpfer des MfS waren 1953 zuerst der „Abteilung zur "besonderen Verwendung" (Abteilung z. b. V.) zugeordnet. Aus ihr entstand nach der Zuordnung zur HV A als Abteilung III im Jahre 1959 die selbständige Abteilung IV im Anleitungsbereich der späteren Arbeitsgruppe des Ministers (AGM). Im August 1962 gingen aus der Abteilung IV zwei Unterstrukturen hervor: die Abteilung IV/1, zuständig für die Aufklärung im "Operationsgebiet" und die Abteilung IV/2, deren Zuständigkeit in der Ausbildung der Einsatzgruppen lag. In diese Unterstrukturen ging die im Jahre 1962 aufgelöste 15. Verwaltung des Ministeriums für Nationale Verteidigung (MfNV) mit ihren Aufgaben und Mitarbeitern auf. [2] Die Unterstrukturen waren der AGM/S zugeordnet. Das "S" steht für "Sonderaufgaben" bzw. für Heinz Stöcker, den späteren Leiter der AGM/S. Eine weitere Veränderung fand im Jahre 1988 statt, als die AGM/S in Abteilung XXIII umbenannt und schließlich 1989 noch mit der Abteilung XXII zur Hauptabteilung XXII vereinigt wurde.

Die Abteilung IV im Anleitungsbereich der AGM ging 1987 als Abteilung XVIII (Aufklärung und Bearbeitung strategisch wichtiger Objekte in der BRD, Aufklärung von Maßnahmen zum Zivilschutz vor allem in der BRD und der Schweiz sowie Sabotagevorbereitung [3]) in die HV A ein.

Unterlagen der Abteilung IV sind in mehreren Teilbeständen überliefert. Die meisten Dokumente lassen sich im Teilbestand HA XXII, einer Teilfolgestruktur der Abteilung IV nachweisen.

I. Aufgaben

Die Elite-Kämpfer waren zunächst als militärische Organisation von "Schläfern" ohne Kontakte untereinander in der MfS-Abteilung zur besonderen Verwendung (z. b. V.) organisiert. [4] Als "Schläfer" werden für spezielle terroristische Zwecke ausgebildete Kämpfer bezeichnet, die ideologisch gefestigt sind, auf ihre Aktivierung warten bzw. hinarbeiten und bei Bedarf jederzeit eingesetzt werden können. Dieser Gedanke ist nicht neu, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. [5]

Die MfS-Abteilung z. b. V. begann im Jahre 1953 mit ersten Überlegungen zu Sabotagevorbereitungen im Bundesgebiet und wurde 1955 dem Leiter der HV A unterstellt, ab 1956 als Abteilung III der HV A weitergeführt und verselbständigte sich 1959 zur MfS-Abteilung IV. [6]

Die Aufklärung, Auswahl und Nutzung von „progressiven Kräften“ (IM-Kuriere und IM–Instrukteure) aus der DDR und der BRD/Westberlin bildete in allen Phasen des Kalten Krieges, also auch während der Entspannungspolitik, den Arbeitsgegenstand des operativen Bereiches der Abteilung IV. Die Abteilung IV/1 befasste sich mit der operativen Aufklärung, Werbung und Steuerung von IM-Diversanten im und nach dem "Operationsgebiet" BRD/Westberlin, Aufklärung von "Feindpersonen" und "Feindobjekten" sowie der Regimeverhältnisse. Zuständig für die Ausbildung der einzusetzenden Gruppen war die Abteilung IV/2.

Das MfS formulierte seine Zielstellung eindeutig: "unter normalen Bedingungen, wie auch im Falle bewaffneter Auseinandersetzungen, bereit (…) sein, zum Schutze der Deutschen Demokratischen Republik aktive Aktionen gegen den Feind und sein Hinterland erfolgreich durchführen zu können" [7]. Dabei lag der Schwerpunkt der durchzuführenden Aktionen auf politischen, militärischen und wirtschaftlichen Objekten des "Feindes". Dies bezog sich insbesondere auf Objekte der Rüstungsindustrie, des Fernmeldewesens, der Energieversorgung, des Transportwesens sowie der Wasserversorgung. Die Maßnahmen sollten dazu geeignet sein, die Kriegsvorbereitungen des Gegners zu behindern oder im Falle bewaffneter Auseinandersetzungen dessen Kampfkraft zu beeinträchtigen. Dazu gehörten:

  • Ausspähen mittels Erkundung und Ermittlung,
  • aktive Kampfführung durch Zerstörung, Beschädigung, Unterbrechung

    aber auch

  • Sicherung und Schutz von verschiedenen Schwerpunktobjekten innerhalb des "Feindgebietes im Interesse der eigenen Führung" [8].

Die als "Geheime Kommandosache" gekennzeichneten "Grundsätze zur Durchführung besonderer Qualifizierungsmaßnahmen für Teilkräfte des Ministeriums für Staatssicherheit" [9] vom 20. April 1963 legen die Aufgaben, inhaltliche Anforderungen, Methodik, den Kreis der Teilnehmer sowie die Zuständigkeiten zur Qualifizierung ausgewählter operativer Mitarbeiter fest.

Als Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz galten danach nicht allein der "Glaube an die Sieghaftigkeit des Sozialismus" [10] und Opferbereitschaft, sondern zum Beispiel auch Kenntnisse in der operativen Arbeit mit inoffiziellen Mitarbeitern "im feindlichen Hinterland" [11], Waffenkenntnisse, Treffsicherheit beim Schießen, Nachrichtenübermittlung und Verbindungswesen [12], aber auch die Fähigkeit zum Nahkampf, Fallschirmspringen aus Flugzeugen und Hubschraubern sowie Fertigkeiten im Umgang mit verschiedenen Fahrzeugen. Für Teilkräfte kamen Spezialkenntnisse als Funker, Wissen auf medizinischem Gebiet, Fremdsprachen sowie die Ausbildung zum Einsatz als Kampfschwimmer und Taucher hinzu. Ein Blick in das Teilgebiet "Spezialtaktik" verdeutlicht, was den Mitarbeitern unter anderem gelehrt werden sollte:

  • Möglichkeiten und Methoden des Eindringens in das "Feindgebiet" auf dem Land-, Luft- und Seeweg,
  • Organisation der Unterbringung,
  • Verhalten vor feindlichen Sicherheitsorganen bei Verhören und in Haftanstalten,
  • Ausbrechen, Flucht,
  • Grundsätze für die Kampfweise bei Zerstörung, Beschädigung, Unterbrechung,
  • Verminung, Sabotage, Sprengung, Überfälle auf Einzelfahrzeuge und Kolonnen,
  • Erkennen und Anlegen von Hinterhalten, Sperren und Fallen,
  • Mittel und Möglichkeiten der Ausschaltung feindlicher Posten und Einzelpersonen,
  • Überfälle auf militärische Stäbe und andere Einrichtungen,
  • Zuführen und Verhören von Gefangenen.

Die Lehrgänge sollten in konspirativen Objekten stattfinden. Eine Ausbildung als Führungskader kam für operative Mitarbeiter der verschiedenen Hauptabteilungen, einschließlich der HV A, sowie der Bezirksverwaltungen in Frage. Als vorteilhaft galt eine militärische Vorbildung. Die Ausbildung als Einzelkämpfer sollte auch geeigneten Mitarbeitern der Kreisdienststellen und Angehörigen des Wachregiments "Feliks E. Dzierzynski" offen stehen.

Das Ergebnis einer erfolgreichen Qualifizierung waren spezialisierte Mitarbeiter, die fähig waren, militärische und technische Aufgaben als Einzelkämpfer und in kleinen Gruppen zu lösen. Gemäß Geheimbefehl 107/64 von Erich Mielke [13] basierte die gesamte Ausbildung auf diesen im Grundsatzdokument vom 20. April 1963 festgelegten und von Mielke bestätigten Maßnahmen. Das Ausbildungsprogramm für die Lehrgänge sollte so abgestimmt werden, dass für Teilnehmer außerhalb der Abteilung IV kein Bezug zum MfS erkennbar ist.

Nach Aufnahme des Ausbildungsbetriebes am 1. Februar 1964 waren die Schulen sukzessive als Ausbildungsbasen auf- und auszubauen. Mit der Umsetzung des Befehls wurde Heinz Stöcker betraut. Bereits 1962 bescheinigte ihm sein Vorgesetzter, dass er viele neue Formen der Kampfausbildung entwickelt hat. In seiner Zuständigkeit für die militärische Ausbildung in der AGM trug er zur Anerziehung von Härte, Mut und Einsatzbereitschaft bei. Deshalb wurde er im Februar 1964 zum Leiter des Arbeitsgebietes für "Sonderaufgaben" (AG S) innerhalb der AGM ernannt [14]. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Anleitung und Kontrolle der künftig für die Diversantenausbildung zuständigen Abteilung IV/2 [15]. Allmählich bürgerte sich die Bezeichnung AG S bzw. AGM/S ein.

Somit dokumentieren die "Grundsätze zur Durchführung besonderer Qualifizierungsmaßnahmen für Teilkräfte des Ministeriums für Staatssicherheit" vom 20.04.1963 [16] und der Geheimbefehl Erich Mielkes vom 21.01.1964 [17] den Beginn einer intensiven Ausbildung im MfS. In den Jahren 1967 und 1969 informierte sich Erich Mielke persönlich anlässlich der Leistungsschauen zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland und zum 20. Jahrestag der DDR über den erreichten Ausbildungsstand. [18]

Die Abteilung IV/2 beschäftigte sich bereits Mitte der 60er Jahre mit der Behandlung grundsätzlicher politischer und militärischer Fragen des Partisanenkrieges (GVS 3/65). Die Ausarbeitung enthält konkrete Vorstellungen und Maßnahmen, wie ein solcher Krieg in der BRD zu führen ist. [19] Die Partisanen sollten das Pendant zu den "Rangers" in den USA sowie zu den "Einzelkämpfern" in der BRD bilden. [20] Auf die Bedeutung des konspirativen Verhaltens der Partisanen wird explizit hingewiesen: "Er wird nicht als ‚verwegener’ Partisan mit der umgehängten MPi durchs Gelände streifen, sondern er wird als ‚gesitteter’ Bürger, aber mit der griffbereiten Pistole und der Sprengstoffladung unterm Rock, seinem Ziel zustreben. Er wird wohnen, leben und arbeiten wie jeder normale Bürger, und nur wenige, nur seine engsten Mitarbeiter kennen. An seinen Aktionen sind in der Vorbereitung und Durchführung meistens nur wenige Mitkämpfer beteiligt. Das darf nicht anders sein, da der Partisan in Westdeutschland faktisch mit seinem Feind unter einem Dach wohnt." [21] Im Zusammenhang mit den geografischen Gegebenheiten in der BRD wird festgestellt, dass die bevölkerungsreichste Gegend, "die sich rechts des Rheines von Nordbaden bis zur niederländischen Grenze rheinabwärts erstreckt, in der sich der größte und wichtigste Teil der Industrie (…) befindet, (...) im Kriegsfall der wichtigste Teil des Hinterlandes und im Bürgerkrieg der Schwerpunkt der Auseinandersetzungen" [22] ist. In München, Nürnberg, Hamburg, Bremen und anderen Städten sollten "Außenposten" zur Unterstützung stationiert werden. [23]

In der Jahresabschlussanalyse der Abt. IV/2 für 1969 ist vermerkt, dass über 400 Kursanten auf der Grundlage der jeweiligen Lehrprogramme ausgebildet wurden [24]. Zur weiteren Entwicklung der Abteilung IV/2 sind Perspektivplandokumente und Strukturschemata von 1972 erhalten geblieben, welche akribisch den Ist-Zustand und das Soll untersuchen [25]. So war beispielsweise die Einrichtung mobiler Lehrbasen (MOBL) für die drei Schulen geplant. Die Zentrale Fachschule (ZF) in Wartin verfügte bereits über eine MOBL, die unter anderem aus zwei LKW, einer Feldküche, einem Wohnwagen, PKW der Marken Wartburg, Wolga, Fiat und BMW bestand. Zur Ausrüstung gehörten auch Schlafsäcke, Zelte, Tarn- und Beobachtungsmittel, Waffen und Munition.

Die Aufgabe der Objektkommandanten sollte künftig zusätzlich in der Verwaltung sowie der Gewährleistung ständiger Einsatzbereitschaft der MOBL bestehen. Die Lehrbasis B-1 war in ihrer Hauptfunktion als künftiges "Funkobjekt zur praktischen Ausbildung in der Anwendung der Nachrichtentechnik unter illegalen Kampfbedingungen" [26] vorgesehen. Dort sollte das Anlegen illegaler Funkbasen trainiert und die operative Funkausbildung ermöglicht werden. Für das Objekt B-2 hingegen stand die künftige Nutzung als Ausbildungsbasis für Kampfaufgaben auf dem Plan. Im Rahmen der Ausbildung war vorgesehen, Kenntnisse zum illegalen Aufenthalt im Feindgebiet, zur Überwindung von Raum- und Geländersicherungen sowie zur Einrichtung konspirativer Basen im Hinterland des Feindes zu vermitteln. Zur praktischen Ausbildung nutzte die Zentrale Fachschule eigens angelegte Kampftrainingsplätze am Schwarzen Berg [27]. Nicht nur der Umgang mit verschiedenen Handfeuerwaffen sondern auch der Nahkampf sowie die Selbstversorgung im „Operationsgebiet“ in Hinsicht auf „Erhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit unter komplizierten Bedingungen in der Natur“ [28] sollten geübt werden. Hinzu kam auch das praktische Training im Umgang mit Sprengladungen und Kampfmitteln gegen Stahl, Mauerwerk, Straßen, Rohre etc. Zum Zeitpunkt der Planung waren bereits über die Hälfte der notwendigen Anlagen vorhanden. Um die Ausbildung auch in Spannungsperioden absichern zu können, sollte ein Stellenplan für den Fall des Verteidigungszustandes erarbeitet werden.

Über bereits durchgeführte Schulungen gibt ein Bericht der Leiter der Abteilungen IV/1 und IV/2 aus dem Jahre 1970 Auskunft. Er enthält die bis dato durchgeführte militärische Spezialausbildung von Mitarbeitern der Abteilung IV/1 im Bereich der Abteilung IV/2. [29] Die "tschekistisch-militärischen" Schulungen fanden ab 1968 als Wochenlehrgänge statt. Zwischen April 1968 und September 1970 wurden fünf Lehrgänge durchgeführt. Die Ausbildung umfasste zum Beispiel die Arbeit mit Karten und Plänen, Übungen zum Aufenthalt des Einzelkämpfers im Gelände, Überfälle auf Objekte sowie das Überwinden von Hindernissen und Sicherheitsanlagen verschiedener Art. In der Theorie wurden die wichtigsten Angriffspunkte der Verkehrswege und Verkehrsmittel zu Wasser, zu Lande und der Luft vermittelt. Der Umgang mit Kampfmitteln, sowie Minen und Sperren wurde ebenfalls geschult. In ihren Schlussfolgerungen stellen die Leiter fest, dass ein auf diese Weise geschulter Mitarbeiter der Abteilung IV/1 Leiter und Organisator der IM-Arbeit im "Operationsgebiet" ist und sowohl als Einzelkämpfer wie auch als Gruppenführer eingesetzt werden kann.

Als Grundlagenwerk für die Ausbildung hinsichtlich der Spezialkampfführung des MfS galt das „Handbuch zur Durchführung spezifischer Qualifizierungsmaßnahmen für die Vorbereitung von Einsatzkadern des MfS auf Handlungen unter verschiedenartigen Einsatz- und Kampfbedingungen“ (AGM/S-Handbuch). [30] Im Jahre 1973 wurden alle wichtigen Ausbildungsinhalte und Lehrfragen in diesem umfangreichen Kompendium von 3.790 Seiten zusammengefasst. Die Erfahrungen des Spezialgebietes aus den vergangenen zehn Jahren fließen hier zusammen. Alle späteren Planungen und Ausbildungsunterlagen der AGM/S basieren auf diesem Handbuch. [31] Es stellt ausführlich und detailliert Ziele, Taktik, Methoden und Mittel des Diversionskampfes gegen die "imperialistische BRD" dar. In diesem Elaborat wurde mit aller Deutlichkeit definiert, was unter „offensiven tschekistischen Kampfmaßnahmen“ in den Planspielen des MfS zu verstehen ist: der Übergang vom Kalten Krieg zum verdeckten Krieg, erreichbar z. B. mittels Zerstören, Vernichten, Beschädigen, Lahmlegen, Stören, Behindern, Desorganisieren, Demoralisieren, Verunsichern sowie durch Ausschalten und Liquidieren von Personen. Darauf aufbauend beinhaltet die Geheime Verschlusssache 005-389/73 [32] sprengtechnische Grundprinzipien zur Zerstörung von Angriffsobjekten. Mit Hilfe von Skizzen wird dargestellt, wo z. B. Sprengladungen an Schienen und Stützpfeilern anzubringen sind, um den größten Effekt zu erzielen. Bei der Sprengung von Eisenbahntunneln wird darauf hingewiesen, dass eine Sprengung nur dann durchgeführt werden soll, wenn ein Zug in den Tunnel gefahren ist. Auch die Anwendung von Brandmitteln ist Bestandteil des Ausbildungsmaterials. So ist unter anderem die Anwendung von Napalmwerfern beschrieben.

Die ausgebildeten Spezialkämpfer zeichneten sich durch eine variable Verwendbarkeit aus. Zusätzlich zum beabsichtigten Einsatz im "Operationsgebiet" und der Teilnahme an Lehrvorführungen [33] wurden sie zur Absicherung von Großveranstaltungen herangezogen. Der Einsatz erfolgte zum Beispiel im Rahmen der Sicherung des UEFA-Pokalspiels von Lok Leipzig gegen Fortuna Düsseldorf am 12. Dezember 1973 in Leipzig [34]. Aus dem Bestand der AGM/S sowie der Abteilung IV waren vier Einsatzgruppen mit je drei Kräften zu bilden. Im Ausrüstungsnachweis sind unter anderem Scharfschützengewehre, Maschinenpistolen, Ampullen mit Tränengas und Kampfmesser gelistet. Eine weitere Einsatzmöglichkeit bot der Besuch einer Partei- und Regierungsdelegation der Sozialistischen Republik Jugoslawien in der DDR vom 12. November bis 15. November 1974. An der Absicherung dieses Ereignisses mit dem Decknamen „Adria II“ wirkte die Abteilung IV gemäß Befehl 32/74 des Ministers mit. Die Abteilung IV bildete dazu vorübergehend einen zentralen operativen Einsatzstab (ZOES), eine operative Einsatzgruppe und zwei IM-Einsatzgruppen mit je vier IM [35]. Sie zeichnete für die Planung, Durchführung und Kontrolle aller Maßnahmen verantwortlich.

II. Struktur und Personal

Der operative Bereich der Abteilung IV des MfS (Entwicklung der Abteilung IV des Ministeriums für Staatssicherheit) war im Jahre 1959 aus der HV A/Abteilung III mit der Bezeichnung Abteilung IV des MfS gebildet worden und bestand bis 1986 unter dem Anleitungsbereich der Arbeitsgruppe des Ministers (AGM) fort. Im Jahre 1987 wurde der operative Bereich wieder in die HV A als HV A/Abteilung XVIII eingegliedert.

Die Leitung der Abteilung IV des MfS oblag 1959 Major Hermann Pustiovsky (ab 1962 OSL), der diese Funktion bis 1966 ausübte. [36] Am 1. März 1966 übernahm Hauptmann Franz Luthardt, (ab 1967 Major, ab 1972 OSL) die Leitung der Abteilung IV. Er war zugleich als Leiter der Abteilung IV/1 eingesetzt. [37]

Im August 1962 erfolgte die Bildung der Abteilung IV/2, die sich zum Teil aus übernommenen Mitarbeitern der 15. Verwaltung des MfNV zusammensetzte. [38] Sie stellte den Vorläufer der späteren AGM/S, verantwortlich für die Ausbildung von Diversanten (MfS-Mitarbeiter verschiedener operativer Abteilungen und IM) für das "Operationsgebiet" dar. Eigene Mitarbeiter und Mitarbeiter anderer Diensteinheiten des MfS sowie der Nationalen Volksarmee und IM wurden entsprechend dem Arbeitsgegenstand der Abteilung IV des MfS sowohl militärisch als auch operativ geschult. Diese Aufgabe bildete dann ab 1978 den wesentlichen Arbeitsgegenstand der AGM/S.

Die Abteilung IV/2 wurde seit ihrer Bildung von OSL Werner Kukelski (1959 OibE in der NVA und stellvertretender Chef der 15. Verwaltung "Patriotische Erziehung" [39]) [40] geleitet, in dessen Vertretung von Major Karl-Heinz Kohl.

Zur Abteilung IV/2 gehörten drei Schulen, die 1962 von der 15. Verwaltung des MfNV übernommen worden waren:

  1. Schule I "Maria" in Struvenberg bei Görzke / Kreis Belzig,
  2. Schule II "Wally" in Wartin / Kreis Angermünde,
  3. Schule III "Else" in Biesenthal.

Im Jahre 1969 wurde der Stab der Abteilung IV/2 gebildet. Dieser bestand aus den Arbeitsgruppen

  • A (AG/A) – Ausbildung von Diversanten, Leiter Hptm. Dieter Matthey (1971) mit dem Richtungsoffizier für Planung, Hptm. Gerhard Plomann und
  • Rückwärtiger Dienst, Leiter Major Karl-Heinz Kohl.

Mit dem Befehl 26/74 [41] des Ministers vom 31. August 1974 wurden die Abteilung IV des MfS und die AGM/S unter Beibehaltung ihrer vollen Selbstständigkeit zur Abteilung IV/S des MfS umstrukturiert [42]. Gründe und Motive sind aus den Unterlagen nicht ersichtlich. Mit Wirkung vom 1. September 1974 wurde Heinz Stöcker von der AGM/S als Leiter eingesetzt [43]. Zuvor bestand die Abteilung IV/1 des MfS aus 96 Planstellen [44].

Zur Leitung der neuen Abteilung IV/S gehörten 22 Planstellen, davon eine für Zivilbeschäftigte (ZB). Aus Gründen der Konspiration wurden die Struktur und deren Selbstbezeichnung in den Dokumenten stets verschleiert. Der Abteilung IV/S waren drei Abteilungen unterstellt, wodurch diese de facto dem Rang einer selbstständigen Abteilung im MfS gleichgesetzt wurde:

  1. Die Abteilung Operativ (Abteilung IV/O). Als ehemalige Abteilung IV/1 hatte sie insgesamt 97 Planstellen, davon stammten 80 Planstellen aus der ehemaligen Abteilung IV/1. Fünf dieser Planstellen hatten Zivilbeschäftigte inne.

  2. Die Abteilung Spezialausbildung (Abteilung IV/S). Als ehemalige Abteilung IV/2 bestand sie aus insgesamt 140 Planstellen, davon waren 17 Mitarbeiter Zivilbeschäftigte. Sie bildete zugleich die Vorgängerstruktur der AGM/S ab 1978. Zu dieser Abteilung gehörten auch die drei Schulen.

  3. Die Abteilung Technik, Entwicklung und Fertigung (Abteilung IV/T). Diese Abteilung wurde einem gesonderten Plan entsprechend aus dem Referat 8 der Abteilung IV/1 gebildet. Sie bestand aus 15 Planstellen der ehemaligen Abteilung IV/1 und zwei Planstellen aus dem Arbeitsgebiet „Sonderaufgaben“ der Arbeitsgruppe des Ministers. Sieben zusätzliche Planstellen waren gefordert [45].

Die neue Struktur der Abteilung IV/S sah ab 1. Januar 1975 wie folgt aus: Oberst Heinz Stöcker leitete die Abteilung IV/S. Als Leiter des Bereichs Abteilung IV/O (Operativ) war OSL Franz Luthardt eingesetzt, dem Bereich Abteilung IV/S (Spezialausbildung) stand OSL Werner Kukelski vor. Sein Stellvertreter und zudem Leiter der Zentralen Fachschule war Major Dr. Heinz Siebenhüner. Die Leitung der Abteilung IV/T (Technik) hatte der bisherige Stellvertreter des Leiters der Abteilung IV des MfS, OSL Herbert Willomitzer, inne. Seine Stellvertretung wurde von Oltn. Egon Grahl, dem bisherigen Leiter des Referats 8 der Abteilung IV/1 wahrgenommen [46].

Es erfolgten nach 1974 noch geringe Strukturveränderungen in der Abteilung IV/S. So kam es spätestens 1975 zur Bildung der Arbeitsgruppe Organisation/Planung, der Keimzelle für die spätere militärisch-operativ ausgerichtete AKG der AGM/S, die 1976 in Operativstab umbenannt wurde.

Nachdem im Jahre 1969 die Ausbildung ausländischer Kader begonnen hatte, wurde von Heinz Stöcker erstmals in einer Vorlage vom 18. Mai 1972 gefordert, eine eigenständige Gruppe "Ausbildung ausländischer Kader" zu bilden und dafür als Minimalforderung sechs Planstellen für einen Leiter, drei Ausbildungsoffiziere und zwei Dolmetscher zu schaffen. Die Planstellenbestätigung erfolgte durch ein Schreiben des Leiters der HA Kader und Schulung, Generalmajor Mühlpforte, vom 22. Juni 1972. Es war jedoch nicht klar, ob eine Sektion an der 1973 aus den drei zusammengelegten Schulen in Struvenberg, Wartin und Biesenthal entstandenen Zentralen Fachschule (ZF) in Wartin gebildet werden sollte, oder ob ein selbstständiger Strukturteil zu schaffen sei. In der Folgezeit unterblieb eine entsprechende Struktur. Erst mit dem Antrag von Oberst Stöcker vom 20. Dezember 1976 auf Stellenplanerweiterung wurde ein neuer Vorstoß zur Bildung eines eigenen Strukturteils unternommen, der mit Wirkung vom 1. Juli 1977 wie folgt bestätigt worden ist:

  1. ein Leiter des Arbeitsgebietes "Auslandskader"
  2. drei Offiziere für Sonderaufgaben
  3. ein Kraftfahrer [47].

Bis 1978 galt dieser Strukturteil in der Stellenplanung noch nicht als eigenständig.

Die folgende Aufstellung verdeutlicht die Entwicklung der Planstellen von 1975 bis 1978 jeweils mit Wirkung vom:

31.12.1975
Soll Planstellen: 220 Berufsunteroffiziere/Berufsoffiziere (BU/BO)
Soll Planstellen: 24 Zivilbeschäftigte
Soll Perspektivplanstellen: 283 BU/BO

01.01.1977
Soll Planstellen: 246 BU/BO

01.04.1977
Soll Planstellen: 262 BU/BO

01.07.1977
Soll Planstellensoll: 267 BU/BO
Soll Perspektivplanstellen: 388 BU/BO

01.05.1978
Soll Planstellen: 168 BU/BO
Soll Planstellen: - OibE (Offiziere im besonderen Einsatz)
Soll Planstellen: 64 Soldaten auf Zeit (SaZ) [48]

Im Planstellensoll der AGM/S vom 1. Mai 1978 ist die Abteilung IV (Operativ) nicht mehr enthalten. Eine Neubesetzung der Leitung der Abteilung IV erfolgte mit Wirkung vom 15. Februar 1978. Diese Funktion übte ab diesem Zeitpunkt Oberst Wolfgang Feustel aus. Als Stellvertreter wurde wenige Wochen später Major Gerhard Blank eingesetzt. [49] Auch die Leitungsebene der AGM/S wurde mit Wirkung vom 15. Februar 1978 mit Oberst Heinz Stöcker neu besetzt. Zudem fand eine Differenzierung zwischen AGM/S und Abteilung IV des MfS hinsichtlich deren Stellenpläne statt. [50] Zu dieser Umstrukturierung sind keine Befehle des Ministers und keine Kaderbefehle überliefert. Auch die Personalakten tragen nicht zur Erhellung der Hintergründe dieser gravierenden Umstrukturierung bei. Als wahrscheinlich ist anzunehmen, dass die Dienstaufsicht über die Abteilung IV (Operativ) von Oberst Heinz Stöcker (Abteilung IV/S-Leiter) an Generalmajor Otto Geisler (AGM) überging - bei gleichzeitiger Umbenennung der Abteilung IV/S in AGM/S als Abgrenzung zur Abteilung IV (Operativ).

Ab dem 15. Februar 1978 nahmen die AGM/S und die Abteilung IV des MfS eine getrennte eigenständige Entwicklung im Anleitungsbereich der AGM. Inhaltlich bedeutete die Aufgabentrennung eine Abgrenzung der operativen Arbeit mit IM innerhalb und nach dem "Operationsgebiet" von den Aufgaben der MfS-Spezialkampfkräfte und den MfS-Ausbildern der militärisch-operativen Terrorabwehr.

Die AGM/S wurde ab 1978 zunächst in Dienstbereiche gegliedert und ab 1986 in Abteilungen umstrukturiert. Im Jahre 1988 wurde die AGM/S in Abteilung XXIII des MfS umbenannt und fusionierte schließlich 1989 mit der Abteilung XXII des MfS zur HA XXII. Parallel existierte die Abteilung IV des MfS eigenständig zunächst unterteilt in Referate weiter, bis diese wiederum in mindestens 2 Abteilungen, wahrscheinlich mit Wirkung vom 1. Januar 1983, strukturiert wurden.

Struktur Abteilung IV des MfS [51]

1978 - 1986
Leiter: Oberst Wolfgang Feustel

Stellvertreter: Major Gerhard Blank

1983 – 1986
Abteilung 1 Leiter: Major Hans-Peter Jedlitschka

Abteilung 2 Leiter: OSL Karl-Heinz Schubert

Kaderakten und Kaderbefehle der genannten Abteilungsleiter fehlen. Dennoch lässt sich anhand der IM-Akten und der Kaderkarteikarte (KKK) des MfS-Mitarbeiters Hans-Peter Jedlitschka die Umstrukturierung im Jahre 1983 rekonstruieren. Diese Unterlagen können zur weiteren Untersuchung der Feinstruktur der Abteilung IV des MfS herangezogen werden.

Bereits 1985 und im Laufe des Jahres 1986 kam es innerhalb der Abteilung zu steigenden persönlichen Differenzen und zu Auseinandersetzungen bezüglich des Führungsstils. Von diesen Unstimmigkeiten war nicht nur das Verhältnis zwischen den Abteilungsleitern und ihren Mitarbeitern geprägt, sondern auch die Beziehung der verschiedenen Abteilungsleiter, so zum Beispiel zwischen dem Leiter der Abteilung IV/AKG, OSL Werner Pettelkau und dem Leiter der Abteilung IV/1, OSL Hans-Peter Jedlitschka. Die Umsetzung der Beschlüsse der SED sowie der Parteirichtlinien auf die Arbeitsebene erfolgte nur mangelhaft. So gab beispielsweise die heimliche Inanspruchnahme von HIM für private Zwecke weiteren Anlass für die Unzufriedenheit der Mitarbeiter mit dem Leitungsstil der Abteilungsleiter. Die Auseinandersetzungen führten zu einer extremen Fluktuation in der Abteilung IV des MfS. Die Unstimmigkeiten gelangten bis zur Kreisparteikontrollkommission der SED (KPKK) [52] und endeten in der Strafversetzung von OSL Werner Pettelkau zur Arbeitsgruppe des Ministers (AGM) ab 15. Juni 1986 und der Strafversetzung von OSL Hans-Peter Jedlitschka zur HA II/9 ab 18. Dezember 1986.

Mit dem Befehl Nr. 21/86 [53] wurde die Abteilung IV als selbstständige Struktureinheit aufgelöst und mit Wirkung vom 1. Januar 1987 als HV A/Abteilung XVIII unter Leitung von Oberst Gotthold Schramm, OSL Gerhard Blank (1. Stellvertreter), OSL Manfred Hoppe (Stellvertreter) weitergeführt [54].

III. Überlieferungslage

Unterlagen der Abteilung IV sind in mehreren Teilbeständen nachweisbar. Die meisten Dokumente befinden sich im Teilbestand HA XXII, einer Teilfolgestruktur der Abteilung IV. Die Teilbestände "Arbeitsgruppe des Ministers" (AGM) als übergeordnete Diensteinheit sowie die Teilbestände "Sekretariat des Ministers" (SdM) und "Sekretariat Neiber" enthalten einige Unterlagen. Im Teilbestand HV A sind im Datenbankprojekt SIRA [55] der HV A einige Informationen der Abteilung IV erhalten geblieben, obwohl mindestens 90 % der Unterlagen der HV A als vernichtet gelten.

Recherchen in der Operativen Hauptablage sind manuell und daher zeitintensiv über die Registrierbücher der Abteilung XII möglich. Hier könnte nach der abgebenden Struktureinheit recherchiert werden.

Aus der Anfangsperiode der Abteilung IV des MfS von 1957 bis etwa 1962 ist kein Schriftgut bei der HA XXII des MfS erhalten geblieben.

Beginnend ab 1963 und verstärkt seit Beginn der 70er Jahre bis 1978 existieren aus der Abteilung IV/2 bzw. IV/S (Sonderaufgaben) aus ihrer Schulungstätigkeit [56] vor allem eine Vielzahl von

  • Ausbildungsanleitungen,
  • Planungs- und Abrechnungsunterlagen zu speziellen Schulungen und Lehrgängen sowie deren Ausbildungsinhalten,
  • Dokumenten zu speziellen Sicherungsmaßnahmen bei Großveranstaltungen, staatlichen Höhepunkten, ausländischen Delegationen und Staatsbesuchen.

Diese werden in Einzelfällen ergänzt durch Dokumente zu

  • militärischen Übungen sowie
  • Übersichten zu Ausbildungsmitteln.

Aus der Zeit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre sind eine Reihe konkreter Anleitungen und Aufklärungsberichte sowie Übungsdokumentationen zu neuralgischen Punkten der Energieversorgung, des Verkehrswesens, der Wasserversorgung, der Industrie usw. sowohl aus der BRD als auch aus der DDR in den IM-Akten der Abteilung IV/1 und Ausbildungsunterlagen der Abteilung IV/2 überliefert. Dabei spielte die Auswertung operativ-technischer Informationen aus dem westlichen Ausland und die Beischaffung westlicher Ausrüstung zur Tarnung bei möglichen Kampfeinsätzen eine zunehmende Rolle. [57]

Die Abteilung IV/2 bzw. IV/S ging 1978 in der AGM/S, 1988 in der Abteilung XXIII und 1989 in der HA XXII auf. Für diesen Zeitraum nimmt die Überlieferungsdichte an Unterlagen dieses MfS-Tätigkeitsfeldes in der neu gebildeten AGM/S zu, weil die entsprechenden Unterlagen für die laufende Tätigkeit in den Diensteinheiten benötigt wurden.

Die meisten überlieferten Unterlagen der Abteilung IV des MfS befinden sich im Teilbestand MfS-HA XXII und sind dort als ganze Akte oder Teile davon bzw. als Einzelschriftstücke dokumentiert. Im Zuge der weiteren Erschließung des Teilbestands besteht die Möglichkeit, noch einzelne Dokumente der Abteilung IV aufzufinden.

Nach 1978 gibt es zwei wichtige Dokumente der weiter existenten Abteilung IV des MfS, die im Teilbestand MfS HA XXII, nachweisbar sind, obgleich die Abteilung IV am 1. Januar 1987 als Abteilung XVIII in die HV A einging:

Der Informationsbedarf für das Jahr 1981 der Abteilung IV/AIG von 1980 [58] und der Bericht des Leiters der Abteilung IV des MfS „Bedeutende Zielobjekte, die entsprechend der Linie der Diensteinheit und der operativen Möglichkeiten planmäßig in der Perspektive analytisch zu bearbeiten sind“ vom 6. Januar 1981 [59].

Nach der strukturellen Trennung der Abteilung IV (Operativ) des MfS von der AGM/S 1978 kann die Tätigkeit der Abteilung IV des MfS fast nur noch anhand der vom MfS archivierten IM-Vorgänge in der Operativen Hauptablage des MfS nachgewiesen werden. Der Nachweis lässt sich nur bis zum Jahre 1986 verfolgen, da die Abteilung IV des MfS ab 1987 als Strukturteil in die HV A einging. Aus den bis 1986 abgeschlossenen bzw. archivierten IM-Akten der Abteilung IV des MfS können Angaben zu weiteren von der Abteilung IV geführten IM und zu Mitarbeitern der Abteilung IV entnommen werden.

Da die Abteilung IV des MfS der AGM dienstrechtlich unterstellt war, sind im Teilbestand MfS, AGM zu diesem Komplex eine geringe Anzahl weiterer Unterlagen, gleichermaßen verunordnet wie im Teilbestand MfS, HA XXII überliefert.

In wenigen Ausnahmefällen sind noch Unterlagen der Abteilung IV des MfS in den Teilbeständen MfS, Sekretariat des Ministers und MfS, Sekretariat Neiber dokumentiert.

In der Archivierten Sachablage (AS) des MfS befinden sich hingegen keine Akten der Provenienz MfS-Abteilung IV.

Zur Struktur und zum Stellenplan der Abteilung IV des MfS können gemäß SAE-Recherche vom 10. Mai 2006 keine Unterlagen in der für diese Diensteinheit zuständigen Personalabteilung Abteilung Kader 10, sowie in der Abteilung Kader 3 (HV A) nachgewiesen werden. Es ist auch hier zu befürchten, dass durch Vernichtung 1989/90 eine Überlieferungslücke entstanden ist.

Auffällig ist das Rechercheergebnis in der Dokumentenstelle: Zur Arbeit der Abteilung IV des MfS ist lediglich der Befehl 21/86 zur Auflösung der Abteilung IV als selbstständige Struktureinheit überliefert [60]. Hierzu und zur Eingliederung der Abteilung IV des MfS in die HV A sind die entsprechenden Kaderbefehle in der Dokumentenstelle vorhanden [61].

Weitere Kaderbefehle zur Abteilung IV des MfS befinden sich in den Kaderakten der Mitarbeiter. Die Kaderakten leitender Mitarbeiter der Abteilung IV des MfS sind im Bestand KS des MfS überliefert. Sehr viele MfS-Mitarbeiter, auch in leitenden Positionen der Abteilung IV des MfS, sind über die AGM/S im Jahre 1989 Mitarbeiter der HA XXII geworden. Sofern Mitarbeiter der Abteilung IV des MfS von der HV A im Jahre 1987 übernommen worden sind, ist zu befürchten, dass die entsprechenden Personalunterlagen Anfang 1990 komplett oder in wesentlichen Teilen mit Ausnahme der Gesundheitsunterlagen vernichtet wurden.

Zur HV A/Abteilung XVIII als Strukturteil, in dem die Abteilung IV des MfS am 1. Januar 1987 mit ihrer Aufgabenstellung aufging, befinden sich auch einige Informationen in der Datenbank SIRA der HV A: So sind insgesamt 24 Nachweise über Informationen, die von IM der HV A/Abteilung XVIII beschafft wurden, in den SIRA-Teildatenbanken gespeichert. Insgesamt 95mal ist in SIRA die Weitergabe von durch die HV A beschafften Informationen bzw. Unterlagen an die HV A/Abteilung XVIII vermerkt. Die reellen Zahlen dürften um einiges höher gewesen sein, weil die Daten in SIRA für die Jahre 1988/89 nur sehr bruchstückhaft sind. In der Teildatenbank 21 ergibt eine Recherche nach der HV A/Abteilung XVIII, dass für diese Abteilung bis Mai 1989 insgesamt 648 Vorgänge registriert waren. Für die Jahre 1989/90 war von der HV A/Abteilung XVIII eine eigene Teildatenbank 15 geplant. Zur Ausführung gelangte das Projekt nicht mehr. Relevante Daten für eine mögliche Einspeicherung sind nicht mehr überliefert.

Spezielle Informationsträger im Zuständigkeitsbereich von AR 7 ließen sich zur Abteilung IV des MfS nicht nachweisen.

Eine Recherche zu archivierten Vorgängen der Abteilung IV des MfS ist nur über die Magazinregistrierbücher praktikabel und daher sehr aufwändig. Einige der recherchierten Beispiele:

  • BStU-Vorgang "Gerald Bergmann", Übersiedlungskandidat mit vom MfS ausgestatteten Mehrfachidentitäten und militärischer Spezialausbildung - Einsatzrichtung: Aufklärung von Regimebedingungen, Personen, Objekten, Dokumentation zu Doppelgängern [62], Anlegen eines Systems Toter Briefkästen (TBK) in Stuttgart – 1977 als Agent in der BRD wegen falscher Identität enttarnt;
  • BStU, MfS, AIM 16377/84, IMS-Beobachter/Ermittler aus der BRD – Vorgang "Jupp", Kommunist mit militärischer Spezialausbildung in der DDR – Einsatzrichtung: Aufklärung neuralgischer Objekte der Wirtschaft und des Militärs in der BRD;
  • BStU, MfS, AIM 12629/86, IMF (später IMB)-Kurier mit Doppelgängeridentitäten aus der DDR – Vorgang "Siegfried".

Reguläre Kassationen fanden statt und sind für das Jahr 1964 in sehr geringem Umfang für Schriftgut der 15. Verwaltung des MfNV nachweisbar.

Die Rekonstruktion vorvernichteter Unterlagen des Teilbestandes MfS, HA XXII, die inzwischen abgeschlossen ist, ergab keine Hinweise zu Schriftgut der Abteilung IV bzw. der AGM/S des MfS.

In der SAE-Klassifikation zum Teilbestand MfS, HA XXII sind die Unterlagen der Abteilung IV des MfS zum größten Teil im Stellvertreterbereich für militärisch-operative Terrorabwehr (TA) bzw. für Verschlusssachen (VS) des MfS im Sekretariat der HA XXII nachgewiesen. Die VS-Stelle der HA XXII war beim Sekretariat der HA XXII angegliedert.

Die bezüglich des Quellenwertes wichtigsten Dokumente sind bereits erschlossen. Das gilt vor allem für Schriftgut der 60er und 70er Jahre, so dass spektakuläre Erkenntnisse und Zusammenhänge, wie in der Ausarbeitung von Thomas Auerbach beschrieben, fast nicht mehr erwartet werden können. Zum Erschließungsstand ist einzuschätzen, dass die Unterlagen der Abteilung IV des MfS bzw. der AGM/S bei der Erschließung zeitweilig mit Priorität behandelt wurden, wenn besondere strafrechtliche Belange auszuwerten waren oder besonderes Interesse der Forschung von BF (Ausarbeitung von Thomas Auerbach: Einsatzkommandos an der unsichtbaren Front, BStU, Berlin 2001) berücksichtigt werden musste. Daher sind Unterlagen der Abteilung IV bzw. der AGM/S, die nicht mit Priorität bearbeitet worden sind, noch unerschlossen, bzw. sind Datensätze im SAE noch nicht freigegeben.

Doreen Hartwich, Bernd-Helge Mascher

18. Juni 2007

Anmerkungen:

[1] Bezog sich auf nichtsozialistische Staaten oder Territorien, vor allem jedoch auf die BRD und West-Berlin (vgl. auch Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit, MfS JHS - Nr. 400/81)

[2] Stephan Fingerle und Jens Gieseke: Partisanen des Kalten Krieges. Die Untergrundtruppe der Nationalen Volksarmee 1957 – 1962 und ihre Übernahme durch die Staatssicherheit, BStU, Berlin 1996.

[3] Anatomie der Staatssicherheit: Die Organisationsstruktur des Ministeriums für Staatssicherheit 1989, hrsg. vom BStU, Berlin 1996.

[4] Gemäß Aussagen ehemaliger HV A-Mitarbeiter.

[5] Vgl. z. B. "Division Brandenburg" und Verwaltung "W der Hauptverwaltung I (HV I) des NKWD bzw. KGB.

[6] Stephan Fingerle und Jens Gieseke: Partisanen des Kalten Krieges. Die Untergrundtruppe der Nationalen Volksarmee 1957 – 1962 und ihre Übernahme durch die Staatssicherheit, BStU, Berlin 1996, S. 15.

[7] BStU, MfS, HA XXII Nr. 521 Bd. 18.

[8] BStU, MfS, HA XXII Nr. 521 Bd. 18.

[9] BStU, MfS, HA XXII Nr. 521 Bd. 18.

[10] BStU, MfS, HA XXII Nr. 521 Bd. 18.

[11] BStU, MfS, HA XXII Nr. 521 Bd. 18.

[12] Hierbei z. B. die Anwendung von Geheimschreibmitteln, Mikraten (Kleinstbildfotografie), Chiffre und Kodierung.

[13] Befehl 107/64 des Ministers für Staatssicherheit vom 21.1.1964. In: BStU, MfS, HA XXII Nr. 521 Bd. 18, Bl. 40 - 43.

[14] BStU, MfS, Kaderakte KS 30163/90, Bl. 3, 60.

[15] Ebenda, Bl. 70.

[16] BStU, MfS, HA XXII Nr. 521 Bd. 18, Bl. 2.

[17] Ebenda, Bl. 40.

[18] AGM: Plan der politisch-operativen Maßnahmen zu den Jahrestagen des Roten Oktober vom 16.05.1967. In: BStU, MfS, AGM Nr. 772, Bl. 92 und BStU, MfS, HA XXII Nr. 5856 Bd. 1-2.

[19] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5584 Bd. 6.

[20] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5584 Bd. 6.

[21] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5584 Bd. 6.

[22] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5584 Bd. 6.

[23] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5584 Bd. 6.

[24] BStU, MfS, HA XXII Nr. 961 Bd. 3 und Bd. 4.

[25] BStU, MfS, HA XXII Nr. 1537. Anlage in: BStU, MfS, HA XXII Nr. 1539 Bd. 2.

[26] BStU, MfS, HA XXII Nr. 1539 Bd. 2.

[27] Nordwestlich von Wartin.

[28] BStU, MfS, HA XXII Nr. 1539 Bd. 2.

[29] BStU, MfS, HA XXII Nr. 1414 Bd. 6.

[30] Vgl. AGM "S", Nachweisführung der von der Abteilung gefertigten Dokumente zur Lehr- und Dienstorganisation vom 9.1.1974. In: BStU, MfS, HA XXII Nr. 5670 Bd. 8, Bl. 8.

[31] Auerbach, Thomas: Einsatzkommandos an der unsichtbaren Front, BStU, Berlin 2001, S. 24 – 25.

[32] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5721 Bd. 6.

[33] Lehrvorführung zum 20. Jahrestag der DDR. Befehl Nr. 31/69. In: BStU, MfS, HA XXII Nr. 5856 Bd. 1.

[34] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5637.

[35] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5637.

[36] Auskunft von Herrn Roland Wiedmann, BStU Abt. BF 1.

[37] BStU, MfS, Kaderakte KS Nr. 26789/90, Bl. 7; BStU, MfS, HA XXII Nr. 1414 Bd. 6.

[38] Vgl. BStU, MfS, HA XXII Nr. 658 Bd. 2; BStU, MfS, HA XXII Nr. 1119; BStU, MfS, HA XXII Nr. 1494.

[39] Aufgabe: Vorbereitung von Sabotageakten.

[40] Müller-Enbergs, Wielgohs, Hoffmann: Wer war wer in der DDR? – Ein biographisches Lexikon, Bonn 2000, S. 487.

[41] Der Befehl 26/74 des Ministers für Staatssicherheit ist nicht überliefert. Stand vom 11.10.2004.

[42] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[43] BStU, MfS, Kaderakte KS Nr. 30163/90.

[44] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[45] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[46] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[47] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[48] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[49] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[50] Vgl. Schreiben des Leiters der HA KuSch, Generalmajor Otto, vom 27. September 1978. In: BStU, MfS, HA XXII Nr. 5659.

[51] Die Angaben zur Struktur der Abt. IV des MfS ab 1978 ff. entstammen den Vorgängen: BStU, MfS, AIM 18921/81; BStU, MfS, AIM 16377/84; BStU, MfS, AIM 12629/86.

[52] BStU, MfS, SED-KL Nr. 897.

[53] BStU, MfS, BdL/Dok. Nr. 004845; BStU MfS, BdL/Dok. Nr. 004897; BStU, MfS, BdL Nr. 280/86.

[54] Anatomie der Staatssicherheit, MfS-Handbuch, BStU, Berlin 1995, S. 369.

[55] System der Informationsrecherche der HV A.

[56] Überlieferung der Schulen bzw. der Zentralen Fachschule.

[57] Beispiel, s. Akte BStU, MfS, HA XXII Nr. 5570 Bd. 7.

[58] BStU, MfS, HA XXII Nr. 123 Bd. 7.

[59] BStU, MfS, HA XXII Nr. 5684 Bd. 3.

[60] BStU, MfS, BdL/Dok. Nr. 004845.

[61] BStU, MfS, BdL/Dok. Nr. 004845 und Nr. 004897.

[62] Sammlung sämtlicher Daten über eine oder mehrere Personen, deren Identität genutzt werden sollte.

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