Die Akten über die inoffizielle Zusammenarbeit von Karl-Heinz Kurras mit dem Staatssicherheitsdienst
Die Akte über die inoffizielle Zusammenarbeit von Karl-Heinz Kurras umfasst 17 Bände. Neben den umfangreichen Berichtsakten liegen zwei Personalakten vor. Der IM-Vorgang ist vom MfS als gesperrte Geheime Ablage in der Abt. XII abgelegt worden und steht unter der Archivsignatur BStU, MfS, GH Nr. 2/70 für die Zwecke der historischen Aufarbeitung zur Verfügung. Zudem ist Karl-Heinz Kurras in einem Sicherungsvorgang erfasst.
Am 26. April 1955 verpflichtete sich Karl-Heinz Kurras nach Aktenlage auf eigene Initiative und aus innerer Überzeugung zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS. Er wurde zunächst von Oberstleutnant Fritz Redlin geführt, der in der Abteilung IV der Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin (VfS Groß-Berlin) tätig war. Ab März 1962 übernahm Oberstleutnant Werner Eiserbeck, Referatsleiter in der Abteilung VII der VfS Groß-Berlin, die Führung des Geheimen Mitarbeiters „Otto Bohl“. Für seine Dienste erhielt er regelmäßig hohe finanzielle Zuwendungen und Prämien, deren Quittungen teilweise in der Akte enthalten sind. Am 16. Januar 1964 wurde er auf eigenen Wunsch in die SED aufgenommen.
SED-Mitgliedsbuch von Karl-Heinz Kurras
Nachweis: BStU, MfS, GH Nr. 2/70 Bd. 17
Im Laufe der Zusammenarbeit mit „Otto Bohl“ ist es dem MfS gelungen, eine wertvolle Quelle an die sensibelste Stelle innerhalb der Westberliner Polizei zu platzieren, denn ab Januar 1965 gehörte Karl-Heinz Kurras der Abt. I, der sogenannten politischen Polizei an.
Dort war er mit Aufgaben der Abwehr östlicher Geheimdienste betraut. Er gehörte einer kleinen Sonderermittlungsgruppe an, die Agenten innerhalb der Westberliner Polizei ausfindig machen sollte. Weiterhin war er für die Betreuung der Asservatenkammer, in der beschlagnahmte operative Hilfsmittel des MfS wie beispielsweise Container zur Tarnung von Geheimunterlagen und Geheimschreibmittel wie Geheimtinte aufbewahrt wurden, und die Aufklärung des Funkverkehrs des MfS zuständig.
In dieser Position gelang es Karl-Heinz Kurras, detaillierte und umfassende Informationen über dienstliche Weisungen und Vorgänge, wie beispielsweise bevorstehende Verhaftungen von Agenten, zu liefern. Während seiner beruflichen Karriere, die im Einsatzkommando der Schutzpolizei Berlin-Charlottenburg begann und über die Kriminalinspektion Berlin-Tiergarten führte, gab er dem MfS fortlaufend genaue Informationen und Unterlagen über dienstliche Interna. Dazu gehören unter anderem Weisungen, Alarmpläne, Ermittlungsunterlagen, Informationen über Ausbildungs- und Ausrüstungsstände, Personalveränderungen, Stimmungsbilder sowie Charakteristiken über Mitarbeiter und Führungskräfte, so dass das MfS beispielsweise für die weitere Anwerbung von Spitzeln über ausreichend kompromittierende Informationen verfügte.
Ein weiterer wesentlicher Aufgabenschwerpunkt seiner inoffiziellen Tätigkeit war die Sammlung von Informationen über das Geschehen an der Berliner Mauer. Er berichtete über Flüchtlinge, Fluchthelfer, Schleusungsmethoden, dienstliche Anweisungen zum Einsatz von Schusswaffen und deren Einsatz anlässlich sogenannter „Grenzprovokationen“. Dabei war er überwiegend auf „abgeschöpfte“ Informationen angewiesen, so dass hierzu das MfS keinen vollständigen Überblick bekommen konnte. In diesem Zusammenhang sind sicher auch die zahlreichen personenbezogenen Ermittlungen, die Karl-Heinz Kurras im Auftrag des MfS durchführte, zu sehen.
Das MfS hielt den Kontakt zu „Otto Bohl“ über ein vielschichtiges und hoch konspiratives Verbindungsnetz, das beständig optimiert wurde. Nach dem Mauerbau mussten persönliche Treffen mit dem Führungsoffizier in Ost-Berlin auf ein Minimum reduziert werden. Für die weitere Informationslieferung wurde er mit Fotoapparaten, einem Funkgerät sowie einem fingierten Ausweis für gelegentliche Einreisen nach Ost-Berlin ausgestattet. Persönliche Treffen erfolgten hauptsächlich in Westberlin über den GHI (Geheimer Hauptinformator) „Lotte Schwarz“ und später über den GHI „Margarete Winter“. Außerdem wurde „Otto Bohl“ in mehrere Geheimschreibverfahren eingewiesen.
Verpflichtungserklärung von Karl-Heinz Kurras
Nachweis: BStU, MfS, GH Nr. 2/70 Bd. 1
Nach gegenwärtigem Kenntnisstand gibt es keine Hinweise darauf, dass Karl-Heinz Kurras provokative Handlungen im Auftrag des MfS durchführen sollte. Wenngleich das MfS von der Waffenleidenschaft seines IM wusste und ihm in zwei Fällen zu begehrten Waffen verhalf, ist nach der vorliegenden Aktenlage nicht davon auszugehen, dass diese zum Beispiel für Auftragsmorde eingesetzt werden sollten. So findet sich in der Akte auch kein Hinweis auf die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch Karl-Heinz Kurras. Stattdessen betrachtete sein Führungsoffizier die Tat als „sehr bedauerlichen Unglücksfall“. Grundsätzlich sind in der Akte Kurras keine Hinweise auf die beginnenden Studentenunruhen.
Karl-Heinz Kurras wurde genau instruiert, wie er durch ein möglichst opportunes Verhalten und Diensteifer seinen Aufstieg in der Westberliner Polizei befördern kann. Diese Strategie zahlte sich aus. Er besaß das vollste Vertrauen seiner Vorgesetzten und erhielt die Erlaubnis, dienstliche Unterlagen in seine Wohnung mitzunehmen. Dort bearbeitete er diese Unterlagen am Wochenende – allerdings für das MfS. Vermutlich kam auch deshalb kein Misstrauen auf, weil Karl-Heinz Kurras nach eigenen Angaben vom Dezember 1946 bis März 1950 wegen illegalem Waffenbesitz im sowjetischen Internierungslager Sachsenhausen inhaftiert war.
Kurz nach dem Tod von Benno Ohnesorg brach das MfS die Zusammenarbeit mit Karl-Heinz Kurras offenbar ab. Laut Akte ist ein weiterer Treff mit seinem Führungsoffizier Werner Eiserbeck im März 1976 dokumentiert. Karl-Heinz Kurras bot an, die inoffizielle Zusammenarbeit wieder aufzunehmen. Das MfS war nach interner Entscheidungsfindung nicht abgeneigt. In weiteren Recherchen muss geprüft werden, ob die Zusammenarbeit ggf. tatsächlich weitergeführt worden ist. In der Akte BStU, MfS, GH Nr. 2/70 findet sich hierzu jedenfalls kein Hinweis.
Unter einer weiteren Registriernummer taucht der Name Karl-Heinz Kurras 1987 wieder in den Stasi-Unterlagen auf. So ordnete der Stellvertreter des Stasi-Ministers Mielke, Generalleutnant Gerhard Neiber, im Dezember 1987 an, einen „Sicherungsvorgang“ zu Karl-Heinz Kurras einzuleiten. Über die Motive finden sich keine Anhaltspunkte in dem sechsseitigen Band.
Sicher ist: Oberstleutnant Werner Eiserbeck, der frühere Führungsoffizier von Kurras versuchte nach dem Fall der Mauer, die Spur zu seinem IM zu verwischen. Am 29. November 1989 schrieb Eiserbeck: „Der Vorgang ist zu vernichten“. Der Befehl wurde jedoch nicht mehr ausgeführt.
Die Langfassung des Textes ist im Deutschland-Archiv, Ausgabe 3/2009, erschienen:
http://www.wbv.de/fileadmin/user_upload/Presse/pdf/DA_2009_3_395-400.pdf
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