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Der "Operative Vorgang Prophet"

Wie die Stasi gegen einen jungen Bausoldaten der NVA vorging

Deckblatt des "Operativen Vorgangs Prophet".Deckblatt des "Operativen Vorgangs Prophet". Quelle: BStU, MfS, HA I, AOP, Nr. 8080/86

Hintergründe zur Akte

Im Herbst 1984 wird ein junger Mann zum Dienst in der NVA einberufen. Da er den Dienst mit der Waffe wegen seines Glaubens ablehnt, wird er als Bausoldat bei den Luftstreitkräften der DDR eingesetzt. Dort macht er aus seiner kritischen Haltung zum politischen System der DDR keinen Hehl. Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi berichten davon, weshalb die Geheimpolizei eine so genannte "Operative Personenkontrolle" unter dem Decknamen "Prophet" einleitet. Die Stasi lässt durch inoffizielle Mitarbeiter das private und dienstliche Umfeld des Bausoldaten durchleuchten, liest seine Briefe mit und durchsucht seinen Spind in der Kaserne. Dabei tauchen genügend Belege für eine grundsätzlich ablehnende Haltung zur DDR auf. Unter anderem war der junge Mann vor seinem Militärdienst in einer Jugendgruppe politisch aktiv. Die Stasi entscheidet sich deshalb, den Bausoldaten weiter zu "bearbeiten".

Aus der operativen Personenkontrolle wird der operative Vorgang "Prophet". In einem "Maßnahmeplan" fassen Stasi-Offiziere zusammen, wie sie den Mann am wirkungsvollsten unter Druck setzen können. Im ersten Schritt wird der Bausoldat durch einen eingeweihten Vorgesetzten unter einem Vorwand an einen anderen Standort abkommandiert. Statt in einer anderen Kaserne landet er jedoch an einem geheimen Ort, einem "konspirativen Objekt" der Stasi. Dort konfrontieren die Stasi-Leute den Mann mit ihren Vorwürfen und den daraus möglicherweise folgenden Konsequenzen für ihn. Er muss schriftlich aussagen, durch seine Äußerungen und Handlungen gegen verschiedene Straftatbestände des DDR-Strafgesetzbuches (StGB) verstoßen zu haben. Außerdem sagt er zu, künftig die Gesetze der DDR respektieren zu wollen.

Deshalb leitet die Stasi den Vorgang nicht an den zuständigen Militärstaatsanwalt weiter. Die Beweismittel werden aber dem zuständigen Kommandeur übergeben, der den Bausoldaten mit zehn Tagen Arrest bestraft. Außerdem leitet die Stasi weitere "Zersetzungsmaßnahmen" ein, um weitere kritische Äußerungen des Soldaten zu unterbinden. So verbreitet ein IM unter den Bausoldaten das Gerücht, dass der Soldat nur deshalb keinen weiteren Ärger bekommen habe, weil er nun mit dem MfS zusammenarbeite. Die Maßnahmen haben Erfolg, der Bausoldat fällt nicht weiter negativ auf. Nach 16 Monaten wird der operative Vorgang "Prophet" abgeschlossen und die zuständige Kreisdienststelle über die eingeleiteten Maßnahmen informiert.

Wichtige Begriffe aus der Akte

Operative Personenkontrolle (OPK)

Die Stasi nahm "Operative Personenkontrolle" 1971 in Abgrenzung zum "Operativen Vorgang" (OV) in das Arsenal ihrer Methoden auf. Die OPK zielt auf die Überprüfung von Verdachtsmomenten zu Verbrechen und Straftaten, auf das Erkennen "feindlich-negativer" Haltungen, aber auch auf den vorbeugenden Schutz von Personen in sicherheitsrelevanten Positionen ab. Um Informationen zum Vorgang zu gewinnen, bezog die Stasi staatliche Institutionen, die Volkspolizei, Betriebe und gesellschaftliche Organisationen in ihre Ermittlungen ein. Wenn erforderlich setzte sie zusätzlich "operative Maßnahmen und Methoden" ein. Das bedeutete etwa, dass inoffizielle Mitarbeiter in das Umfeld der Zielpersonen geschleust wurden und hauptamtliche Stasi-Leute das Telefon abhörten und die Briefe der Beobachteten lasen. Diese Überwachungsmaßnahmen plante die Stasi minutiös. Fand sie Belege für ihren Verdacht, leitete sie einen operativen Vorgang ein.

Operativer Vorgang (OV)

"Operativer Vorgang" ist ein Sammelbegriff der Stasi für verdeckte, aber zum Teil auch offene Ermittlungen gegen missliebige Personen. Seit 1952 war der der OV fester Bestandteil der Methoden der Stasi. Ausgangspunkt eines OV waren zumeist Hinweise auf – aus MfS-Sicht – strafrechtlich relevante Tatbestände, die es zu überprüfen galt. Dabei handelte es sich in der Regel um Verstöße gegen die in der DDR geltenden politischen Normen. Ein OV war nach einem klaren Abfolgeprinzip zu erstellen und enthielt "Maßnahmepläne", gegebenenfalls auch für Maßnahmen der "Zersetzung". Diese Maßnahmen gelangten vor allem dann zur Anwendung, wenn eine Inhaftierung aus taktischen Erwägungen nicht vorteilhaft erschien. Häufig ging einem OV eine OPK voraus. Konnte die Stasi ihren Zielpersonen Straftaten nachweisen, war der OV mit Vorschlägen für die Ahndung abzuschließen. Die Stasi konnte Ermittlungsverfahren vorschlagen, eine Anwerbung der Zielperson als IM versuchen oder weitere Zersetzungsmaßnahmen einleiten. Bestätigte sich der Ausgangsverdacht nicht, stellte die Stasi die Bearbeitung ein.

IMB

Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindverbindung bzw. zur unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen. Sie galten als hochkarätige IM, die direkten Kontakt mit Personen hatten, die vom MfS als "feindlich" eingestuft wurden. Sie besaßen das Vertrauen der Bespitzelten und konnten so besonders effektiv berichten.

Blick in die Originalunterlagen

Überblick aller Musterakten

Deckblatt der Arbeitsakte des abgelegten IM-Vorgangs "Thomas Baumann"

Der IM-Vorgang "Thomas Baumann"

Die Arbeit eines Informanten in der NVA und wie die Stasi ihn fallen ließ

Die Akte eines inoffiziellen Mitarbeiters der Stasi bei der NVA. Sie zeigt, wie das MfS seine Informanten einsetzte – und wie es sie bei Problemen fallen ließ.

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Aktendeckel

Abschluss eines IM-Vorgangs nach Ablehnung der Zusammenarbeit

Das Ende eines Anwerbungsversuchs durch die Stasi

Hier wollte die Stasi einen jungen Journalisten für die Arbeit als IM verpflichten. Weil der Mann jedoch ablehnte, wurde der bereits angelegte Vorgang wieder geschlossen.

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Aktendeckel der operativen Personenkontrolle "Galerie".

Die "Operative Personenkontrolle Galerie"

Überwachung eines Berliners wegen illegaler Kunstausstellungen und Lesungen

Weil er in seiner Wohnung Künstlern und Schriftstellern eine Bühne ohne staatliche Kontrolle bietet, gerät dieser DDR-Bürger in das Visier der Stasi. Die Geheimpolizei fürchtet ein "Zentrum oppositioneller Kräfte".

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Aktendeckel der Arbeitsakte für den Offizier im besonderen Einsatz "Ebel".

Arbeitsakte eines "Offiziers im besonderen Einsatz"

Einsatz eines Stasi-Leutnants in der DDR-Botschaft im Südjemen

Offiziell soll der Offizier mit dem Decknamen "Ebel" eine Stelle als Funker in der DDR-Botschaft in Aden antreten. Die Akte enthält jedoch die wahre Mission des Offiziers und beurteilt seine Verlässlichkeit.

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Deckblatt des "Operativen Vorgangs Prophet".

Der "Operative Vorgang Prophet"

Wie die Stasi gegen einen jungen Bausoldaten der NVA vorging

Dieser junge Mann lehnte den Dienst an der Waffe ab und äußerte sich negativ über das System der DDR. Grund genug für die Stasi, ihn umfassend zu beobachten und zu "bearbeiten".

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Stasi-Museum und
Dauerausstellung des BStU

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