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SED und MfS: Eine Beziehungsgeschichte

Hinweise zur Projektskizze* (November 2015)

"Schild und Schwert der Partei" – so nannte sich bekanntlich das Ministerium für Staatssicherheit selbst. Mit dem "Schild" sollten tatsächliche oder vermeintliche Angriffe auf die Alleinherrschaft der Partei abgewehrt werden. Das »Schwert« symbolisierte, wie mit tatsächlichen und vermeintlichen Angreifern auf die SED-Herrschaft umzugehen sei. Diese Metapher verweist zugleich darauf, dass die Rede vom "Verhältnis" von SED und MfS schon vom Ansatz her ein Problem in der Analyse verdeckt. Zwar war das MfS formal eine staatliche Institution, die aber de facto jeder staatlichen Kontrolle entzogen war.

Die Staatssicherheit ist als verlängerter Arm sowjetischer Dienste gebildet (1946-1953/54) und bis zum Ende der 1950er Jahre immer stärker in die Verantwortung der SED überstellt worden. Schließlich wurde sie in die alleinige Obhut der SED übergeben, ohne dass der sowjetische Einfluss bis 1989 restlos verschwunden wäre. Ganz im Gegenteil, es spricht vieles dafür, dass die Stasi ebenso wie die SED in zentralen Fragen und Angelegenheiten bis zuletzt eine Dependance Moskaus blieb. Doch darum soll es nicht gehen.

Sehr wohl aber um die Frage, inwiefern die Staatssicherheit ein Instrument der SED war oder ob es nicht historisch zutreffender sei, die Stasi als einen Teil des SED-Parteiapparates anzusehen. In dieser Perspektive jedenfalls stellen sich manche Fragen in der »Beziehungsgeschichte« anders, als wenn man von zwei Institutionen und ihrer Beziehung zueinander ausgeht.

Bislang ist in der Forschung kaum konturiert worden, wie sich die gemeinsame Arbeit von SED und Stasi konkret realisierte. Und wenn, dann ist diese Perspektive zudem fast ausschließlich auf die zentrale Ebene (MfS-Leitung, SED-Politbüro, ZK-Apparat der SED, insbes. Abt. Sicherheit) gerichtet worden.

Im Zentrum dieses Projekts hingegen stehen verschiedene Hierarchieebenen bis zu einzelnen Institutionen, außerdem sollen spezielle Themenbereiche näher beleuchtet werden. Die forschungsleitende Fragestellung bezieht sich dabei auf die gemeinsame Arbeit von SED und MfS. Es wird gefragt nach Abgrenzungen, Kompetenzen und Kompetenzstreitigkeiten, Befugnissen, gemeinsamen und gegensätzlichen Interessen, nach Befehls-, Anleitungs- und Unterstellungsstrukturen sowie danach, in welchen gesellschaftlichen Räumen das MfS nicht anwesend war.

Prinzipiell wird dabei von der These eines reaktiven Instruments ausgegangen, das nur in Ausnahmefällen operativ-prophylaktisch tätig wurde. Das Ziel der Studie besteht darin, das konkrete Wirken des MfS als Teil des SED-Apparates herauszuarbeiten und dabei zugleich die These zu prüfen, dass die Stasi Teil des SED-Apparates war.

Im Gegensatz zur Geschichte des MfS ist die Geschichte der SED bislang nur als politikhistorisches Phänomen erforscht worden. "SED-Geschichte" wird nicht selten als generelle politikhistorische DDR-Geschichte missverstanden oder so gezeichnet. Die Geschichte der Staatssicherheit hingegen ist mittlerweile bis in viele Verästelungen hinein untersucht worden: Sowohl die Geschichte des Apparates wie auch die Wirkungsgeschichte der Stasi fanden und finden breite Beachtung.

Die oft unter "Verhältnis von SED und MfS" firmierenden Studien haben sich vor allem auf die SED-Parteiorganisation in der Stasi selbst konzentriert. Dabei spielte die SED-PO des MfS historisch keine sonderliche Rolle, es sei denn man nimmt sie als parteiinternes Kontrollgremium wahr. Diese Aufgabe hatte sie bis 1989, so wie auch die Parteiorganisation im ZK der SED.

Eine zweite Forschungsrichtung fragte nach dem Verhältnis von SED-Führung und MfS-Leitung. Die Konzentration auf die oberste Hierarchieebene zeigte zwar das spannungsreiche Verhältnis zwischen SED-Führung und MfS-Leitung bis 1957. Sie blieb aber in Bezug auf die tatsächlichen Arbeitsergebnisse und das Zusammenwirken wiederum letztlich relativ fruchtlos, weil die empirische Grundlage dafür innerhalb der schriftlichen MfS- wie SED-Hinterlassenschaften einigermaßen dürftig ausfällt.

Drittens gibt es wenige Untersuchungen, die auf Bezirks- und Kreisebene der Zusammenarbeit von SED und Stasi nachgehen. Hier stellt sich das Problem, dass die meisten Autoren dieses Verhältnis allein auf der Grundlage der Stasi-Berichte an die SED-Bezirksleitung untersuchen. Sie könne zwar Erhellendes zum Berichtswesen beitragen, dem eigentlichen Zweck und den Folgen dieser Berichte aber nicht auf die Spur kommen.

Viertens gibt es zahlreiche Studien, in denen anhand von thematischen Fallbeispielen wie zum Beispiel Ausreisebegehren das Zusammenwirken von SED, MfS und anderen analysiert wird.

Fünftens schließlich gibt es einige wenige Institutionenanalysen, zum Beispiel einzelner Betriebe, in denen auch das MfS abgehandelt wird. Aber überwiegend geschieht dies additiv, ganz selten integrativ und noch seltener in Zusammenschau mit der SED.

Die Projekte könnten auf verschiedenen Ebenen ansetzen. In Fallstudien könnten das Zusammenwirken von SED und MfS systematisch analysiert werden:

  • auf der Ebene SED-Führung und MfS-Zentrale;
  • anhand eines ausgewählten Bezirks (SED-Bezirksleitung, BV);
  • anhand eines oder zweier ausgewählter Kreise (Kreisdienststelle, SED-Kreisleitung);
  • anhand eines Großbetriebes, eines mittleren Betriebes, einer LPG, einer Hochschule/Universität, anhand der Armee sowie in einem Ministerium oder einem Rat des Bezirks. Denkbar ist auch, diesen Bereich von einem zentralen Ministerium "durchzudeklinieren" über ein Kombinat bis in die untere Betriebsebene.

Die genaue Entscheidung wird sich anhand der Forschungskonzeptionen und in der Diskussion mit der Forschungsgruppe herauskristallisieren und ist zum jetzigen Zeitpunkt noch offen.

Von den Bewerber/innen wird eine Projektskizze erwartet, die mindestens folgende Punkte umfasst:

1. Forschungsstand
2. beabsichtigtes methodisches Vorgehen und Verhältnis zu vorliegenden historischen Forschungen
3. empirische Grundlage; welche Quellen außerhalb der MfS-Bestände würden einbezogen werden?
4. Welche konkreten Forschungsfelder in welchem Untersuchungszeitraum sollen bearbeitet werden?
5. forschungsleitende Fragestellungen und Hypothesen
6. Ihre möglichen eigenen Vorarbeiten
7. Zeitplan

*Auf Literaturangaben wird verzichtet. Die wichtigsten enthält die laufend ergänzte Bibliographie der Bibliothek des BStU (http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Bibliothek/Auswahl-Bibliographie/auswahl-bibliographie_node.html)

Projektleiter:

Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk
E-Mail: Ilko-Sascha.Kowalczuk@bstu.bund.de

Telefonnummer Geschäftszimmer BF 1: (030) 23 24-88 11

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Die DDR im Blick der Stasi (ZAIG-Berichte)

Online-Publikation geheimer Berichte der "Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe" (ZAIG) des MfS an die Partei- und Staatsführung der DDR. Der Link führt zur Datenbank.