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MfS und MGB/KGB im sowjetischen Block 1950-1989: Strukturen, Inhalt, und Grenzen ihrer Beziehungen

Die Politik der SED ist schwerlich zu begreifen, wenn man sie nicht im Zusammenhang mit jener der KPdSU analysiert. Auch die Interpretation der Aktivitäten der Staatssicherheit dürfte unvollständig, zuweilen sogar fehlerhaft sein, wenn sie nicht in den Kontext von Einfluss und Politik der "Freunde" eingeordnet wird.

Man muss dabei nicht so weit wie Erich Mielke gehen, der noch Anfang der 80er Jahre postulierte, der ihm unterstellte Apparat sei eine "Kampfabteilung der ruhmreichen sowjetischen Tscheka". Aber im Grunde genommen müsste man bei jeder Weichenstellung in Entwicklung und Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit fragen, ob sie auf Initiative dieser "Freunde" zurückgeht. Oder – allgemeiner gesprochen – ob sie in einen größeren blockpolitischen Zusammenhang und das Kooperationsgeflecht der osteuropäischen Staatssicherheitsdienste eingebunden war.

Das Forschungsprojekt "MfS und MGB/KGB im sowjetischen Block 1950-1989: Strukturen, Inhalt und Grenzen ihrer Beziehungen" wird der Geschichte der Zusammenarbeit von MfS und MGB/KGB gewidmet sein. Diese Zusammenarbeit ist die zentrale Achse grenzüberschreitender Kooperation der DDR-Staatssicherheit und ein gravierendes Forschungsdesiderat.

Geplant ist zuerst ein Überblick über die Strukturen, den Inhalt und die Grenzen der Zusammenarbeit zwischen den beiden Staatssicherheitsdiensten. Dieser Überblick umfasst den Zeitraum von der Gründung des MfS unter aktiver Mitwirkung des sowjetischen Innenministeriums 1950 bis zur Auflösung des MfS 1989/90. Den Schwerpunkt wird die Zusammenarbeit auf der höchsten Ebene der beiden "Bruderorgane" bilden. Abkommen, Korrespondenz und Gesprächsprotokolle auf Ebene des Ministers bzw. seiner Stellvertreter und auf der Ebene der Hauptabteilungsleiter werden die maßgeblichen Quellen für das Vorhaben sein.

Die auf dieser Ebene vereinbarte Zusammenarbeit wird dann in Hinsicht auf die gemeinsamen Aktivitäten der Dienste erforscht, um einen Überblick über die Kooperation zwischen MfS und KGB zu geben. Beispielhaft werden die Auswirkungen dieser Kooperation auf Betroffene in der DDR, in der UdSSR und auch im Westen geschildert.

Die Zusammenarbeit der Staatssicherheitsdienste bei der Unterdrückung Oppositioneller und ihrer Unterstützer im Westen wird einen besonderen Schwerpunkt der Forschung bilden. Die meisten Akten der für Aufklärung zuständigen Hauptverwaltung A (HV A) des MfS wurden zerstört. Deshalb wird die hausinterne Recherche durch Archivrecherchen beim "Institut für Nationales Gedenken" (Instytut Pamięci Narodowej, IPN) in Warschau und dem Archiv der Sicherheitsdienste (Archiv bezpečnostních složek, ABS) in Prag ergänzt. IPN und ABS haben Protokolle von Gesprächen zwischen den befreundeten Aufklärungsorganen und entsprechende Telegramme des KGB an alle Bruderorgane, darunter das MfS, in ihren Beständen.

Das Forschungsvorhaben entspricht ähnlichen Projekten der "Schwesterbehörden" in dem vom BStU initiierten "Europäischen Netzwerk der Aufarbeitungsbehörden". Es gibt einschlägige Veröffentlichungen nicht nur durch das USTR und das UPN, sondern auch durch das IPN in Warschau. Das tschechische USTR hielt in Zusammenarbeit mit dem slowakischen UPN zwei Konferenzen zur Rolle des KGB in Osteuropa ab. Das USTR in Prag und COMDOS in Sofia veröffentlichten in letzter Zeit Dokumentationen zur Zusammenarbeit der Staatssicherheitsdienste der CSSR und Bulgariens mit dem KGB.

Unser in dieser Beziehung erster eigener Beitrag besteht in einer Dokumentenedition zur Zusammenarbeit von MfS und KGB, die 2012 auf der Website der Behörde veröffentlicht wurde (https://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/MfS-Dokumente/MfS-KGB/_inhalt.html). Auszüge in englischer Übersetzung finden sich auf der Website des "Cold War International History Project" (https://www.wilsoncenter.org/publication/kgbstasi-cooperation).

Die Erforschung der Grundlagen der Zusammenarbeit zwischen MfS und KGB ist Voraussetzung für künftige Arbeiten über die Zusammenarbeit zwischen dem MfS und den ehemaligen Staatssicherheitsdiensten anderer Länder des Europäischen Netzwerks. Damit wird ein Fundament für die Aufarbeitung der geheimpolizeilichen Dimension der Geschichte des europäischen Kommunismus gelegt.

Projektleiter:

Dr. Douglas Selvage
E-Mail: Douglas.Selvage@bstu.bund.de

Telefonnummer Geschäftszimmer BF 1: (030) 23 24-88 11

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:

Dr. Georg Herbstritt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Dr. Ann-Kathrin Reichardt, Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Cornelia Jabs, Sachbearbeiterin
Matej Kotalík, M. A., Sachbearbeiter
Mieszko Jackowiak, M. A., Sachbearbeiter

Ausführlicher zu diesem Thema:

Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm  MfS und MGB/KGB im sowjetischen Block 1950-1989: Strukturen, Inhalt, und Grenzen ihrer Beziehungen (PDF, 217KB, Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm)

Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm  Die Zusammenarbeit von MfS und KGB bei der Bekämpfung der "politisch-ideologischen Diversion" im Bereich der Kirchen und der Kultur in den 1970er und 1980er Jahren (PDF, 258KB, Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm)

Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm  Das MfS und der KSZE-Prozess. Der Kampf der osteuropäischen Geheimdienste gegen Modernisierung und Globalisierung (PDF, 131KB, Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm)

Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm  Das MfS und der KSZE-Prozess, 1977–1986. Der Kampf der DDR gegen die Menschenrechte in Zusammenarbeit mit und im Vergleich zu den anderen Warschauer Paktstaaten (PDF, 226KB, Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm)

Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm  Forschungsprojekt "Kooperation und Kontrolle. Zielvorgaben, Funktionsweisen und Alltagspraxis der MfS-Operativgruppen in der Geheimdienstkooperation des Ostblocks" (PDF, 124KB, Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm)

Veröffentlichungen, die im Rahmen des Forschungsschwerpunktes erarbeitet wurden (Auswahl):

  • Selvage, Douglas: (mit Nehring,Christopher): Die AIDS-Verschwörung. Das Ministerium für Staatssicherheit und die AIDS-Desinformationskampagne des KGB. BF Informiert 33, 2014.
  • Selvage, Douglas: SA-CIA-HV A: Dr. Emil Hoffmann and the "Jungle of the Secret Services." In: Spiekerman, Uwe: The Stasi at Home and Abroad: Domestic Order and Foreign Intelligence. Bulletin of the German Historical Institute, Supplement 9 (2014), S. 115-138.
  • Selvage, Douglas: Operation Synonym. Soviet-Bloc Active Measures and the Helsinki Process, 1976-1983. In: Bułhak, Władysław und Wegener Friis, Thomas (Hg.): Need to Know. Eastern and Western Perspectives. Odense 2014, S. 81-96.
  • Selvage, Douglas: Operacja "Synonim": czechosłowacki aparat bezpieczeństwa, środki aktywne bloku sowieckiego i proces KBWE (1976-1983) [Operation "Synonym": die tschechoslowakische Staatssicherheitsdienst und die aktiven Maßnahmen des sowjetischen Blocks im KSZE-Prozess (1976-1983)]. In: Pamięc i sprawiedliwość 23:1 (2014).
  • Selvage, Douglas: "Human-Rights-Demagoguery Hostile to Détente”: The German Democratic Republic and the Conference on Security and Cooperation in Europe, 1975-89. In: Rasmus Mariager; Karl Molin; Kjersti Brathaten (Hg.), Human Rights in Europe during the Cold War, London and New York 2014.
  • Selvage, Douglas: The Superpowers and the Conference on Security and Cooperation in Europe, 1977-1983: Human Rights, Nuclear Weapons, and Western Europe. In: Matthias Peter und Hermann Wentker (Hg.): Die KSZE im Ost-West Konflikt: Internationale Politik und gesellschaftliche Transformation (1975-1990), München 2012.
  • Süß, Walter: Die Wiener KSZE-Folgekonferenz und der Handlungsspielraum des DDR-Sicherheitsapparates 1989. In: Matthias Peter und Hermann Wentker (Hg.): Die KSZE im Ost-West Konflikt: Internationale Politik und gesellschaftliche Transformation (1975-1990), München 2012.
  • Selvage, Douglas: Der Warschauer Pakt und die europäische Sicherheitskonferenz 1964-1969: Souveränität, Hegemonie und die Deutsche Frage. In: Diedrich, Thorsten; Süß, Walter (Hg.): Militär und Staatssicherheit im Sicherheitskonzept der Warschauer-Pakt-Staaten. Berlin 2010, S. 225-251.
  • Süß, Walter: Der KSZE-Prozess der 70er Jahre aus der Perspektive der DDR-Staatssicherheit. In: Diedrich, Thorsten; Süß, Walter (Hg.): Militär und Staatssicherheit im Sicherheitskonzept der Warschauer-Pakt-Staaten. Berlin 2010, S. 319-340.
  • Herbstritt, Georg: Menschenraub in Berlin. Die gemeinsamen Aktionen von Securitate und Stasi gegen die rumänische Emigration in den fünfziger Jahren, eine siebenbürgisch-sächsische Agentin als Schlüsselfigur und die unscharfen Erinnerungen des Securitate-Überläufers Ion Mihai Pacepa. In: Ebenda. 22(2009).
  • Herbstritt, Georg: Über Rumänien in die Freiheit? Fluchtversuche von DDR-Bürgern über Rumänien in den Westen. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, 21(2009)2, S. 5-14.
  • Selvage, Douglas: Transforming the Soviet Sphere of Influence? U.S.-Soviet Détente and Eastern Europe, 1969-1976. In: Diplomatic History 33(2009)4, S. 671-687.
  • Süß, Walter: Wandlungen der MfS-Repressionstaktik seit Mitte der siebziger Jahre im Kontext der Beratungen der Ostblock-Geheimdienste zur Bekämpfung der "ideologischen Diversion". In: "Das Land ist still - noch!" Herrschaftswandel und Opposition in der Ära Honecker. Hg. von Leonore Ansorg, Bernd Gehrke, Thomas Klein und Danuta Kneipp. Köln, Weimar 2009, S. 111-134.
  • Herbstritt, Georg: Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage. Eine analytische Studie. Göttingen 2007.
  • Herbstritt, Georg; Olaru, Stejarel: Stasi si securitatea [Stasi und Securitate]. Bukarest 2005.
  • Herbstritt, Georg; Müller-Enbergs, Helmut (Hg.): Das Gesicht dem Westen zu ... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland. Bremen 2003.

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Die DDR im Blick der Stasi (ZAIG-Berichte)

Online-Publikation geheimer Berichte der "Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe" (ZAIG) des MfS an die Partei- und Staatsführung der DDR. Der Link führt zur Datenbank.