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Denunziation

Alltag und Verrat in der DDR

Unmittelbar nach dem Fall der Mauer standen vor allem die Machenschaften der Stasi und die scheinbar flächendeckende Unterwanderung der Bevölkerung durch die inoffiziellen Mitarbeiter (IM) im Fokus des Interesses. Wer eine Verpflichtungserklärung für die inoffizielle Mitarbeit beim Ministerium für Staatssicherheit unterschrieben hatte, schien einen Pakt mit dem Teufel eingegangen zu sein.

Allerdings, so wird beim Auswerten der Akten schnell klar, ist IM nicht gleich IM. Akten mit wenigen Blättern, in denen ausschließlich eine Verpflichtungserklärung liegt, aber nicht ein einziger Bericht, stehen neben vielbändigen Konvoluten mit Zeugnissen einer Auslieferung von Familie oder Freundeskreis an die Staatsmacht. Darüber hinaus gab es durchaus andere Zuträger, die bei einer Fixierung auf inoffizielle Mitarbeiter gar nicht erfasst werden.

Dieses Forschungsprojekt fragt nach konkreten denunziatorischen Handlungen.

Der Begriff der "Denunziation" ist bislang in der Geschichtswissenschaft nicht ausreichend für die DDR-Geschichte definiert worden. Das Projekt will diese Lücke schließen und nach einer konkreten Anwendung der Begrifflichkeit in Bezug auf die DDR-Gesellschaft fragen. In der NS-Forschung werden "Denunziationen" nur als "freiwillige, spontane" Zuträgerschaften erfasst; die Definition müsste aber für die DDR-Zeit erweitert werden.

Denunziationen konnten nicht nur beim Ministerium für Staatssicherheit erfolgen, sondern zum Beispiel auch bei der Volkspolizei, der SED, den Massenorganisationen oder im Betrieb. Das Projekt wird die Systembedingungen für Denunziation untersuchen und darstellen, inwieweit der Staat Denunziation unterstützte, förderte oder gar zu deren Professionalisierung beitrug. Es wird dabei zwischen spontanen Denunziationen und solchen nach Auftrag unterschieden. Bisher gilt die Annahme in der Forschung, dass es - beispielsweise im Vergleich zum Nationalsozialismus - in der DDR weitaus weniger spontane Denunziationen gegeben hätte. Dieses Projekt wird die verschiedenen Arten der Zuträgerschaft analysieren.

Zudem werden die Erscheinungsformen von Denunziationen in der DDR untersucht. Zunächst interessiert die Frage, wer wen warum denunziert. Die Denunziation wird hier als soziales Phänomen betrachtet. In diesem Zusammenhang interessiert es zum Beispiel, in welchem Verhältnis der Denunziant zum Denunzierten stand. Erfolgte der Verrat im Kollegen- oder Bekanntenkreis, in der Familie oder handelte es sich um eine zufällige Begegnung zum Beispiel in der Kneipe oder der Straßenbahn? Welche Bedeutung hat dies für die Bewertung der Denunziation in der Gesellschaft? Wie sind infolge des Beziehungsverhältnisses die Motive von Denunzianten einzuordnen und gab es Besonderheiten in Bildung oder sozialer Prägung? Wandelte sich die Bereitschaft zum Denunzieren im Laufe der DDR-Zeit? Wie sind gesellschaftliche Verpflichtungen und Normen diesbezüglich zu bewerten? War zum Beispiel das Gebot der Wachsamkeit laut SED-Parteistatut höher zu bewerten als die individuelle Bewertung denunziatorischer Handlungen? Wog die Anzeigepflicht für bestimmte Straftaten schwerer als die moralische Erwartung an Verschwiegenheit?

Zusätzlich wird zu prüfen sein, wie sich Ablehnung von Denunziation darstellt. Klar ist, dass es immer wieder Menschen gegeben hat, die sich weigerten, mit der Staatsmacht zu "kooperieren". Aber in welchem Verhältnis stehen sie in Bezug auf die Zuträger? Welche Äußerungen gab es diesbezüglich, welche Verweigerungsstrategien wählten die Menschen?

Die Bezirke Leipzig, Frankfurt/Oder und Schwerin wurden als Untersuchungsschwerpunkte ausgewählt. In diesen Bezirken finden sich unterschiedliche regionale Besonderheiten, die sich zusammengenommen auf die gesamte DDR übertragen lassen: Ostgrenze, Westgrenze, ländliche/industrielle Prägungen, Groß- und Kleinstädte. Anhand von Stichproben in verschiedenen Jahrgängen archivierter Akten wird die Veränderung von Denunziation im Laufe der DDR-Zeit untersucht.

Das Denunziationsprojekt wird versuchen, Formen von Anpassung und Mitwirkung neu zu bewerten, um damit neue Perspektiven für eine Gesellschaftsgeschichte der DDR zu eröffnen.

Projektausführende:

Dr. Anita Krätzner-Ebert

E-Mail: anita.kraetzner-ebert@bstu.bund.de

Telefonnummer Geschäftszimmer BF 1: (030) 23 24-88 11

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Die DDR im Blick der Stasi (ZAIG-Berichte)

Online-Publikation geheimer Berichte der "Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe" (ZAIG) des MfS an die Partei- und Staatsführung der DDR. Der Link führt zur Datenbank.