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Am Vorabend der Revolution

Kommentierte Dokumentation

Eine Auswahl kommentierter Stasi-Dokumente aus der Vorwendezeit in der DDR. Sie machen deutlich, wie außen- und innenpolitische Entwicklungen zum Zusammenbruch der SED-Diktatur führten.

Die friedliche Revolution von 1989/90 mündete in die Wiedervereinigung und stellt damit einen Höhepunkt der jüngeren deutschen Geschichte dar. Aber die revolutionären Ereignisse hatten eine Vorgeschichte.

Gorbatschows Reformkurs führte zu ersten Unstimmigkeiten zwischen UdSSR und DDR und ermunterte zugleich oppositionelle Kritiker und "loyal-reformorientierte" Kräfte in der SED. Sie forderten eine kritische Bilanz der Lage im Land und Veränderungen nach sowjetischem Vorbild.

Im deutsch-deutschen Verhältnis sollten das Grundlagenpapier von SED und SPD sowie der Honecker-Besuch in der Bundesrepublik das internationale Ansehen des SED-Staates heben. Tatsächlich aber weckte der Honecker-Besuch Hoffnungen, die nicht eingelöst wurden, und das Grundlagenpapier stärkte die reformorientierten Kräfte in der DDR.

Innenpolitisch machten die oppositionellen Kräfte in der DDR durch zahlreiche Aktivitäten und eine verstärkte Zusammenarbeit unter den verschiedenen Gruppen auf sich aufmerksam. Davon zeugen Bürgerrechts-, Ausreise- und Umweltbewegung. Aber auch im Umgang mit der Jugend, der evangelischen Kirche oder den Kunst- und Kulturschaffenden taten sich die SED-Oberen schwer, nahm doch in diesen Kreisen die kritische Haltung gegenüber der SED-Führung vernehmbar zu.

Gorbatschows Reformen und die deutsch-deutsche Annäherung stärkten den Veränderungsdruck. Die der kommunistischen Ideologie verhaftete Partei- und Staatsführung konnte und wollte die Macht jedoch nicht preisgeben. Bereits die Durchführung von Korrekturen wäre aus ihrer Sicht einem Eingeständnis von Fehlern gleich gekommen, was wiederum die eigene Unfehlbarkeit und damit den Machtanspruch der SED erschüttert hätte.

Entsprechend zeichnete sich ab Herbst 1987 eine zunehmende Verhärtung in der politischen Linie der SED-Führung ab, die sich 1988 fortsetzte. Sie verkörperte das Gegenteil von neuem Denken, von Transparenz und einer offenen Streitkultur, auf die viele Menschen hofften. Damit sollten die konservativen SED-Kader 1987/88 ihre letzten "Pyrrhussiege" erringen.

Die Vorfälle um die Umweltbibliothek im November 1987 und die Festnahmen im Rahmen der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 waren Ausdruck dieser Politik: Eine Annäherung zwischen Ausreise- und Bürgerrechtsbewegung sollte ebenso verhindert werden wie die Herausbildung einer geschlossenen, "vom Westen gesteuerten" Opposition. Zugleich machten sie deutlich, dass sich der SED-Staat in Ermangelung von Überzeugungskraft und Argumentationsfähigkeit seiner Bürger nur noch durch ein repressives Vorgehen der Staatssicherheitsorgane erwehren konnte.

Die erstarrten Führungsstrukturen machten nicht nur staats- und gesellschafts-, sondern auch wirtschaftspolitische Veränderungen unmöglich, wie die "Schürer/Mittag-Kontroverse" zwischen dem Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission und dem Sekretär des SED-Zentralkomitees für Wirtschaft zeigte. Spätestens seit dem Sputnik-Verbot nährte die Parteiführung nicht nur unter der parteilosen Bevölkerung, sondern auch SED-intern wachsende Enttäuschung und Entfremdung.

Die Website dokumentiert wegweisende Ereignisse in den vorrevolutionären Jahren 1987/88 aus der Perspektive der Staatssicherheit. Sie stellt damit eine Ergänzung zu jenen Internetauftritten dar, die sich mit der Entwicklung der Bürgerbewegung befassen. Die Website behandelt ausgewählte Ereignisse in chronologischer Reihenfolge, die für die Entwicklung zur Revolution eine bedeutende Rolle gespielt haben. Auf eine kurze Erläuterung der Problematik folgt eine Auflistung von Dokumenten zum jeweiligen Thema. Wer etwas zu einem bestimmten Datum sucht, wird schneller in der chronologisch sortierten Dokumentenliste fündig. Die darin enthaltenen Einträge sind ebenfalls direkt mit den einzelnen Dokumenten verlinkt.

Es wurde keine Vollständigkeit angestrebt. Auswahlkriterien waren:

  • Es ist für das Verständnis des Agierens der Staatssicherheit 1987/88 von zentraler Bedeutung.
  • Es bezieht sich auf ein Ereignis oder eine Entscheidung, die für die weitere Geschichte des Herrschaftssystems von erheblicher Bedeutung war.
  • Das Dokument ist in einer Web-Präsentation der BStU zur "Vorrevolution 1987/88" zu erwarten.
1987Ereignis
27./28. JanuarReaktionen von SED und Stasi auf das Januar-Plenum des Zentralkomitees der KPdSU
8. JuniZusammenstöße in Ostberlin zwischen Rockfans und Sicherheitskräften am Brandenburger Tor anlässlich eines Rock-Konzerts im Westteil der Stadt
27. AugustDie Reaktionen der Stasi auf das SED-SPD-Papier "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit"
7.-11. SeptemberBesuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik
24./25. NovemberDie Durchsuchung der Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde in Berlin durch die Stasi (Aktion "Falle")
24.-26. NovemberDer X. Schriftstellerkongress der DDR in Ostberlin
1988Ereignis
17. JanuarDie Liebknecht/Luxemburg-Demonstration in Ostberlin und die Reaktionen des MfS auf die geplante Teilnahme von Ausreisewilligen und Bürgerrerchtlern (Aktion "Störenfried")
3. MärzSpitzentreffen von Erich Honecker mit dem thüringischen Landesbischof Werner Leich
26. AprilDas Schürer-Memorandum zum Volkswirtschaftsplan 1988 und die Schürer/Mittag-Kontroverse vor dem Hintergrund der Westverschuldung der DDR
5. JuniDer Pleiße-Gedenkmarsch und die Reaktionen der DDR-Staatssicherheit
18. NovemberDas Sputnik-Verbot und die Reaktionen von SED und MfS

Konzeption: Dr. Walter Süß

Dokumentenauswahl, Einleitungstexte und Regesten: Ulf Walther und Dr. Walter Süß