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Meldungen aus Königs Wusterhausen

17. Juni 1953

10.51 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Volkspolizei-Meister Sch.:
80 Lehrlinge vom Funkamt haben sich mit einer Anzahl von Arbeitern der Bau-Union verbündet. Wollen gemeinsam zum "Heinrich Rau" gehen. Die Versammlung im "Heinrich Rau" ist beendet. Folgende Forderungen werden von der Belegschaft erhoben:

  • Aufhebung der Oder-Neiße-Linie
  • Sofortiger Friedensvertrag
  • Öffnung der Zonengrenzen
  • Ungehinderter Verkehr nach Westdeutschland und den polnischen Gebieten
  • Panzer raus aus Berlin

In der Versammlung wurde ein Plakat, auf dem etwas über die Normerhöhung stand, abgerissen. Habe Hilferuf an die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei gesandt. Bisher keine Anweisungen erhalten.

12.10 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Volkspolizei-Meister Sch.:
Vor dem Konsum demonstrieren einige hundert Menschen und wollen zum Schwermaschinenwerk "Heinrich Rau". Das Werk wird abgeschirmt. Eine Delegation von 4 Personen wurde durchgelassen.

12.24 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Volkspolizei-Meister Sch.:
Seit 10.50 Uhr fährt die S-Bahn nicht mehr. Der Strom wurde von der Generaldirektion abgeschaltet. Die Züge Richtung Cottbus fahren noch, die Züge in Richtung Jüterbog und Beeskow weigern sich zu fahren. Nach Wildau bewegen sich keine Demonstrationszüge mehr.

12.40 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Kommissar M.:
Die Versammlung der Betriebsangehörigen des "Heinrich Rau" in Wildau ist beendet. Die Arbeiter begeben sich in die Hallen und wählen dort Delegierte, die einen Beschluß erarbeiten sollen über die Forderungen der Arbeiter und ob der Demonstrationszug nun nach Berlin gehen soll oder nicht.

13.58 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Volkspolizei-Meister Sch.:
Der gesamte Betrieb des "Heinrich Rau" liegt still. Die Arbeiter warten auf den Beschluß der Delegation. Im Kalksandsteinwerk Niederlehme wurde die Arbeit um 11.00 Uhr wieder aufgenommen. Die Forderung auf Zurücknahme der Normerhöhungen wurde von der Betriebsleitung angenommen.

15.50 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Operativstab:
Um 15.15 Uhr ist im Kreis Königs Wusterhausen der Ausnahmezustand durch den dortigen Kommandanten ausgelöst worden, unter den gleichen Bedingungen wie in Berlin.

16.15 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Operativstab Oberwachtmeister P.:
Betriebe haben bis auf den Schwermaschinenbau " Heinrich Rau " die Arbeit wieder aufgenommen. Bis auf kleinere Provokationen ist die Ruhe wieder hergestellt.

18.55 Uhr Volkspolizeiamt Königs Wusterhausen, Volkspolizei-Meister Sch.:
Es wird gemeldet, daß alle Lokführer die Arbeit niedergelegt haben. Für sämtliche Strecken besteht kein Zugverkehr mehr.

19.00 Uhr Meldung der Abteilung VI des MfS:
Von dem Genossen Sch., Leiter der BPF Potsdam, erfuhr ich anläßlich einer Kontrolle, dass von Berlin aus die Orte Königswusterhausen, Zossen und Luckenwalde angerufen werden und die dortigen Betriebe aufgefordert werden sich dem Streik anzuschließen. Es wurde veranlaßt, daß ein Genosse zum Abhören dieser Gespräche und zur Nichtweiterleitung eingesetzt wird.

21.30 Uhr Meldung des Operativstabs der BV Potsdam:
In Königs Wusterhausen fand um 13.30 Uhr eine Konferenz der Delegierten der Streikleitung mit der Werkleitung im VEB Heinrich Rau statt. Kurz vor Beendigung der Versammlung um 17.00 Uhr wurde der Befehl des Kreiskommandanten durch den Werkfunk an die Delegierten bekanntgegeben. Der auf dem Hof versammelten Belegschaft wurde der Befehl verlesen, dass innerhalb von 30 Minuten die Arbeit wieder aufzunehmen ist, im anderen Falle das Werk sofort zu verlassen, welches sonst durch die Volkspolizei und sowjetischen Einheiten geräumt werden würde. Daraufhin beschlossen die Streikenden die Arbeit um 17.00 Uhr wieder aufzunehmen, so dass der größte Teil des Betriebes jetzt wieder arbeitet.

23.00 Uhr Volkspolizeikreisamt Königs Wusterhausen, Operativstab Volkspolizei-Meister Sch.:
In Oderin findet zur Zeit eine Kundgebung statt. Am Strand von Bestensee kommt es zur Zusammenrottung einiger Jugendliche. VP-Mstr. V. vom Schwermaschinenbau Heinrich Rau ist trotz mehrmaligen Aufforderungen nicht zum Dienst erschienen. V. wird festgenommen. Die Einsatzgruppe ist zur Zerschlagung der Demonstration und der randalierenden Jugendlichen rausgefahren.

18. Juni 1953

06.20 Uhr Volkspolizeikreisamt Königs Wusterhausen, Operativstab Volkspolizei-Meister Sch.:
Die DSU hat die Arbeit nicht aufgenommen. Versammlung ist im Gange. Der Vorsitzende der FDGB-Kreisleitung ist in der Versammlung anwesend.

07.28 Uhr Volkspolizeikreisamt Königs Wusterhausen:
VPKA meldet; 6.28 Uhr hat das Kalksandsteinwerk Niederlehme die Arbeit nur zögernd aufgenommen. 7.00 Uhr der Schwermaschinenbau "Heinrich Rau" meldet große Ansammlungen vor dem Werkstor. Sie versuchen die anderen Arbeiter zu zwingen die Arbeit wieder niederzulegen. VPKA Königs Wusterhausen ist zum Werk gefahren.

07.55 Uhr Volkspolizeikreisamt Königs Wusterhausen, Operativstab:
Kalksandsteinwerk Niederlehme hat gegen 7.45 Uhr die Arbeit niedergelegt. Auf dem S-Bahnhof in Königs Wusterhausen bildet sich eine größere Menschenansammlung.

08.55 Uhr Oberkommissar L. meldet:
Im Kalksandsteinwerk Niederlehme haben alle Arbeiter den Betrieb verlassen. Im Werk befinden sich nur einige Funktionäre und der Betriebsschutz.

10.25 Uhr Volkspolizeikreisamt Königs Wusterhausen, Operativstab:
Schwellentränke der Reichsbahn hat die Arbeit aufgenommen. Es besteht aber die Forderung den ersten BGL Vorsitzenden abzulösen, da er Genosse unserer Partei ist und die Linie der Partei vertritt. Die Rädelsführer wurden festgenommen.

Likörfabrik Zernsdorf arbeitet voll. Das Funkamt Königs Wusterhausen, die Bau-Union und Kreisbauunion nehmen nach und nach die Arbeit auf. Acht Lehrlinge wurden festgenommen. Die Rädelsführer und der Lehrausbilder wurden ebenfalls festgenommen.

12.05 Meldung des Operativstabs der BV Potsdam:
Das Kalksandsteinwerk hat die Arbeit nicht aufgenommen, die Belegschaft wird aufgefordert entweder die Arbeit aufzunehmen oder das Werk zu verlassen. Die Partei hat Agitatoren in das Werk entsandt.

Der Kohle-Umschlaghafen hat die Arbeit ebenfalls nicht aufgenommen. Hier wird ein Sitzstreik durchgeführt. Agitatoren sind ebenfalls eingesetzt.

In der Konsum-Bekleidungswerkstatt wird z.Zt. noch gestreikt. Die Arbeiterinnen erklären, dass man ihnen den Lohn von 250,- auf 200,- DM herabgesetzt hat, bei gleicher Arbeitszeit. Es wurden 2 Festnahmen durchgeführt.

19.00 Uhr Volkspolizeikreisamt Königs Wusterhausen, Operativstab:
Die Belegschaft des Kalksandsteinwerkes arbeitet nur zu 25%. Am Werktor stehen einige Jugendliche die versuchen die Arbeiter zu provozieren. Die Arbeiter der Nachmittagsschicht haben sich am Ortseingang versammelt und wollen gemeinsam die Arbeit nicht aufnehmen. Um 17.00 Uhr wird mitgeteilt das die Arbeiter die Arbeit niederlegen. Sie führen jetzt eine Kundgebung durch.

19.15 Uhr Volkspolizeikreisamt Königs Wusterhausen, Operativstab:
Es wird mitgeteilt das die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt ist. Sämtliche Betriebe haben die Arbeit wieder aufgenommen.

Quelle

  • BStU, MfS, BV Potsdam, AS 1/53, Bd. 3, 4 und 9

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Geschichtliche Eindrücke

Potsdam
 

Aufständische haben das Philipp-Müller-Haus in der Steinstraße besetzt. Aufständische in Brandenburg Quelle: Stadtarchiv Brandenburg, Fotograf: Karl-Friedrich Grasow


 

Sowjetische Soldaten sichern "Das Haus der Freundschaft" in Rathenow. Sowjet-Soldaten in Rathenow Quelle: BStU, MfS, BV Potsdam, AU 242/53, Seite 101/4

Der Volksaufstand von 1953 im Blick der Stasi

Der Band zum Jahr 1953 aus der Reihe "Die DDR im Blick der Stasi" enthält die ersten geheimen Berichte der Stasi über die Stimmung im Volk an die SED-Führung. Denn nach dem Aufstand wollte die Staatsspitze ganz genau wissen, wie es zur Revolte kommen konnte – und ob ein weiterer Aufstand droht: Informationen zu dieser Publikation.