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Der Überfall von Neonazis auf die Zionskirche im Oktober 1987

Als Neonazis am 17. Oktober 1987 die Besucher eines Punk-Konzerts in der Ost-Berliner Zionskirche überfielen, ließ sich die Existenz von Rechtsextremismus in der DDR nicht mehr verschweigen. In der Kirche spielten an diesem Abend "Die Firma", eine Punkband aus Ost-Berlin, und die damals noch englisch singende Band "Element of Crime" aus West-Berlin. Einige Dutzend Ost-Berliner Neonazis überfielen das Konzert und prügelten wahllos auf Besucher und Passanten ein - die Polizei blieb tatenlos. Weil sich die West-Berliner Band illegal an dem Konzert beteiligt hatte, berichteten westliche Medien über diesen Überfall, so dass auch die DDR-Medien dieses Ereignis nicht mehr stillschweigend übergehen konnten.

auf dem Foto ist auf der rechten Seite die Zionskirche zu sehen, es entstand im November 1987Blick in Richtung Zionskirche, November 1987 Quelle: BStU, MfS, BV Berlin/Fo/71, Bl. 10, Bild 12



Die Ost-Berliner Evangelische Zionsgemeinde war in den 80er Jahren ein Symbol für Opposition und Widerstand. Sie öffnete die Kirchentore für oppositionelle Gruppen ebenso wie für nichtangepasste Jugendliche, die sonst in der DDR keine Räume erhielten In ihren Gemeinderäumen befand sich Zum Beispiel die Umwelt-Bibliothek, deren Mitglieder die Zeitschrift "Umweltblätter" herausgaben. So fanden in der Kirche auch Punk-Konzerte statt.

Seit Ende der 70er Jahre hatten sich in der DDR jugendliche Punk-, Skinhead- und Neonazi-Szenen herausgebildet. Vor allem in Großstädten gehörten sie ab Anfang der 80er zum vom Staat ungeliebten Stadtbild. Anfangs wechselten die Anhänger dieser Subkulturen noch häufig z. B. zwischen der Punk- und Skin-Szene hin und her. Denn beide einte die Abgrenzung von der Gesellschaft und der Ausstieg aus dem DDR-System. Weniger scharf fielen dagegen zunächst ideologische Gegensätze ins Gewicht. Dies änderte sich zu Beginn der 80er Jahre.

Zur Punk-Szene gehörten Musikgruppen, die dem Lebensgefühl ihrer Fans musikalischen Ausdruck verliehen. Im Gegensatz zum Westen, wo die Punks der Slogan "No Future" einte, hieß es im Osten "Too Much Future", was den SED-Herrschaftsanspruch und das Streben der Partei nach Durchdringung aller Lebensbereiche präzise aufs Korn nahm. Die Punk-Bands gaben sich entsprechende Namen, die als Erkennungszeichen für ihre Fans fungierten und zugleich Symbole der Abgrenzung von Staat und Gesellschaft waren. So nannten sie sich etwa "Arbeitsgeil", "Arschlos", "Antitrott", "Demokratischer Konsum", "Der Expander Des Fortschritts", "Feeling B", "Die Firma", "Herbst in Peking", "Ostfront", "Schleimkeim", "Wutanfall", "Zerfall", "Zorn" oder "Zwecklos". Der FDJ-Funktionär und Chefredakteur der "Jungen Welt", Hans-Dieter Schütt, reagierte entsprechend: "Sagt mir, wie ihr euch nennt, und ich sage euch, wer ihr seid." (Hans-Dieter Schütt, in: Junge Welt vom 19. Oktober 1988, S. 5.)

Die kleine, aber stetig wachsende Schar Gleichgesinnter wusste die Punk-Komik zu schätzen - das MfS fand weniger Gefallen an dieser unangepassten Jugendkultur und platzierte auch unter den Punks inoffizielle Mitarbeiter (IM). Ebenso wie in der Skin- und Neonazi-Szene. Auch sie wurde vom Staat überwacht, aber in der Öffentlichkeit vollkommen tabuisiert - da nicht sein konnte, was nicht sein durfte. In der antifaschistischen DDR gab es per Dekret keine Neonazis.

Der Überfall auf die Zionskirche bestätigte, was viele zuvor längst beobachtet, aber nie offen ausgesprochen hatten – in der DDR gab es eine größere jugendliche Neonazi-Szene. Bei den Prozessen gegen einige der Schläger wurden die Beschuldigten zu so erstaunlich niedrigen Strafen verurteilt. Erst in den Berufungsverhandlungen wurde das Strafmaß unter dem Druck der empörten Öffentlichkeit erhöht. Letztlich waren es jedoch politische Prozesse mit vorgegebener Strafhöhe.

In ihrem Kommentar vom 12./13. Dezember 1987 stellte die "Junge Welt" die Neonazi-Schläger und die politische Opposition kurzerhand auf eine Stufe – damit hatte sich das brisante Thema für die staatlichen Medien erledigt. Lediglich Kirchenzeitungen und Untergrundblätter der DDR-Oppsition berichteten weiter regelmäßig über Übergriffe von Skins und Hooligans sowie über antisemitische Vorkommnisse – einige Ausgaben wurden deshalb von der Obrigkeit verboten.

Im März 1989 publizierte das Samisdat-Periodikum "Kontext" den Essay "Die neue alte Gefahr. Junge Faschisten in der DDR" von Konrad Weiß, der umgehend in Polen ("Polityka") und der Bundesrepublik ("Die Zeit") nachgedruckt wurde. Dieser Beitrag sorgte im Frühjahr 1989 für erhebliche Debatten, weil erstmals systematisch die Umtriebe von jugendlichen Neonazis analysiert wurden. In der DDR erschien der Artikel erst im Januar 1990 in einer offiziellen Zeitschrift ("Elternhaus und Schule").

Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk

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Literaturhinweise:

  • Dirk Moldt, "Keine Konfrontation!". Die Rolle des MfS im Zusammenhang mit dem Überfall von Skinheads auf ein Konzert in der Berliner Zionskirche am 10. Oktober 1987, in: Horch und Guck ; 11(2002)40, S. 14 – 25.
  • Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.). Freiheit und Öffentlichkeit. Politischer Samisdat in der DDR 1985-1989, Berlin 2002.