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Widerstand in DDR-Haftanstalten

Untersuchungshaftanstalt Potsdam; Quelle: BStU, ASt. Potsdam, HA IX 2003Untersuchungshaftanstalt Potsdam Quelle: BStU, ASt. Potsdam, HA IX 2003

Einführung

1950 fand die größte Häftlingsrevolte im DDR-Strafvollzug statt

Herbert Wehner verlas auf dem Hamburger SPD-Parteitag im Jahre 1950 eine ungewöhnliche Erklärung. Die Verfasser waren in der DDR-Haftanstalt Bautzen I inhaftierte Sozialdemokraten. Mehrere hundert politische Gefangene hatten dort einen Aufstand angezettelt, weil ihre ohnehin geringe Verpflegung weiter reduziert worden war. Nun wollten sie die Weltöffentlichkeit auf ihr Schicksal aufmerksam machen, hatten deswegen diese gemeinsame Erklärung verfasst und sie illegal in den Westen geschmuggelt. Es war die größte Häftlingsrevolte im DDR-Strafvollzug, und sie wurde erwartungsgemäß von den Aufsehern brutal niedergeknüppelt.

Tragischer Suizid eines Ausreisewilligen in der Haftanstalt

Andere Vorfälle in ostdeutschen Haftanstalten sind bis heute kaum bekannt - so blieb etwa ein tragischer Suizid in der Haftanstalt Cottbus lange Zeit unklar. Dort hatte sich 1978 ein junger Ausreisewilliger im Hof mit einem brennbaren Farbverdünner übergossen. Bevor er unter den Flammen zusammenbrach, rief er noch: "Ich will frei sein, ich möchte leben. Lasst mich in die Bundesrepublik!". Dies war ein Akt der Verzweiflung, doch auch ein politisches Fanal. Dass der junge Mann später im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag, erfuhren selbst Mithäftlinge nur vom Hörensagen. Und nur die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes dokumentieren heute, wie die Geheimpolizei anschließend die Hinterbliebenen und die Beerdigung überwachte, um den spektakulären Vorfall möglichst zu vertuschen.

Protest der Häftlinge gegen das SED-Regime

In den Gefängnissen des SED-Staates war die Repression besonders stark, Kontrolle und Bevormundung allgegenwärtig. Obwohl - oder gerade weil - ihnen die Hände gebunden waren, protestierten aber immer wieder Häftlinge mit dem Mut der Verzweiflung gegen das SED-Regime, Missstände im Strafvollzug oder ihre persönliche Notlage.

Häftlinge in Isolationshaft nahmen miteinander Kontakt auf, indem sie winzige Kassiber mithilfe von geknetetem Brotteig in den Mauerritzen des Gefängnishofes versteckten, wo sie nacheinander ihre Freistunde verbrachten.











Vielen Häftlingen ging es "nur" um Selbstbehauptung, d.h. sie wollten sich unauffällig minimale Freiräume schaffen, indem sie etwa unerlaubterweise Fotos von Angehörigen in ihrer Zelle versteckten. Kriminelle gebärdeten sich mitunter aus rein persönlichen Gründen renitent. Doch daneben gab es politische Gefangene, die ihren weltanschaulich begründeten Protest artikulieren oder mit symbolischen Handlungen das System sogar bewusst provozieren wollten. Sie legten dann wiederholt die Arbeit nieder, verweigerten die Nahrung, stellten Ausreiseanträge oder äußerten politisch missliebige Ansichten.

Mauerparolen als politische Meinungsäußerung in einer Untersuchungshaftanstalt.












Illegale Zeitung und Radios im Knast

Viele politische Häftlinge ließen sich ihre Meinung nicht gänzlich verbieten. Zwei Insassen der Haftanstalt Brandenburg beispielsweise dokumentierten 1977 ihre abweichende Weltanschauung sogar in einer illegalen Zeitung. Mit viel Mut und Geschick schrieben sie mit der Hand insgesamt 57 Exemplare. Entsprechend ihrem Motto "Häftlinge aller Länder, vereinigt euch!" verbreiteten sie unzensierte Meldungen aus aller Welt, verlangten Pressefreiheit in der DDR und forderten ihre Mitinsassen zum Streik auf. Mit bitterer Ironie in ihren Texten versuchten sie die Ohnmacht der Haftsituation abzustreifen. Dies brachte ihnen allerdings zusätzliche Haftstrafen von neun und fünf Jahren ein. Weil solche drakonischen Strafen meist auf dem Fuße folgten, erforderte Widerstand innerhalb von Gefängnismauern besonders viel Mut.

Da die Häftlinge sogar das "Neue Deutschland" nur zensiert erhielten, wurden in der gleichen Haftanstalt in den achtziger Jahren hunderte von Miniaturradios produziert, mit denen westliche Sender zu empfangen waren. Die Bauteile hierfür wurden unbemerkt in das Gefängnis geschmuggelt und die Radios dann zwischen den Insassen gehandelt. Regelmäßige Razzien der Aufseher führten zwar zu höheren Schwarzmarktpreisen, aber niemals zum völligen Verschwinden der Geräte. Vermutlich wussten die Westberliner Radiosender gar nicht, dass sie unter DDR-Häftlingen so viele begeisterte Zuhörer besaßen.

Mithilfe selbstgebauter Miniaturradios konnten die Häftlinge von Brandenburg-Görden westliche Radiosender empfangen.













Flucht in den Westen

Wenn Aufseher und Häftlinge gemeinsam in den Westen türmten - was Anfang der fünfziger Jahre mehrfach vorkam -, lässt dies auf grundsätzliche Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Zuständen in der DDR schließen. Nicht ohne Grund zählten viele Ausbrecher zu den politischen Gefangenen. Und sogar nach dem Mauerbau gelang einigen noch das Husarenstück, erst die Anstaltsmauern und dann die innerdeutsche Grenze zu überwinden. Später versuchten die politischen Gefangenen eher auf dem Weg des Freikaufs oder der Übersiedlung in den Westen zu gelangen. So hatte zuletzt in einigen Haftanstalten fast jeder dritte Häftling einen Ausreiseantrag gestellt. Weil dies mit vielen Nachteilen verbunden war, erforderte jedoch auch dieser Schritt einigen Mut.

Häftlingszeitung "Der Brandenburger Hammer"

Zwei politische Gefangene der Haftanstalt Brandenburg verfassten 1977 die illegale und unzensierte Knastzeitung "Der Brandenburger Hammer"1. Sie kommentierten darin die neuen Bestimmungen im Strafvollzug durch Vergleichen mit ihren Knast-Erfahrungen und riefen zur Arbeitsverweigerung im Kampf um menschenwürdige Haftbedingungen auf. Sie berichteten über die jüngsten Unruhen in Polen, interpretierten einen aktuellen Beschluss der SED-Führung, beschrieben die Verlogenheit der Funktionäre des Spitzensportes und begrüßten die Reaktion der betroffenen Sportler. Die Autoren übten mit verfremdeten Stilelementen Kritik, so z. B. mit einem fiktiven Interview mit dem Anstaltsleiter, den etwas anderem Vorhersagen von Wetter und Fernsehprogramm oder mit zweideutigen Bildunterschriften zu Fotos aus dem "Neuen Deutschland", dem Zentralorgan der SED. Für ihre spektakuläre Aktion des politischen Protest erhielten die Verfasser weitere Haftstrafen von neun bzw. fünf Jahren. Nach dem Urteilsspruch und begonnener Hungerstreiks wurden sie in den Westen abgeschoben2.

1 Der Brandenburger Hammer, 1. Jahrgang Nr. 2 vom 28.05.1977; BStU, ASt. Potsdam AU 307/78, Bl. 149-152
2 BStU, ZA, HA VII/8 ZMA 543/79

Hungerstreik in Bautzen I

Die Haftanstalt Bautzen I, Luftbildaufnahme von 1935; Quelle: Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium der Justiz, Nr. 1603Die Haftanstalt Bautzen I, Luftbildaufnahme von 1935 Quelle: Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium der Justiz, Nr. 1603

Der Brief aus Bautzen

Ein erschütterndes Dokument über die Haftbedingungen in der mit mehreren tausend politischen Häftlingen überfüllten Strafvollzugsanstalt Bautzen I ist der auch von sozialdemokratischen Häftlingen, darunter Dieter Rieke, verfasste und hinausgeschmuggelte Hilferuf. Dieser Brief wurde nach dem Hungerstreik und dem Aufstand gegen die Bewacher von der Volkspolizei am 31. März 1950 geschrieben und auf verschlungenen Wegen dem damaligen Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche Fragen, Herbert Wehner, zugeleitet. Herbert Wehner hat diesen Brief 1950 auf dem Hamburger SPD-Parteitag vorgelesen.

Buchauszug

Dr. Tobias Wunschik: Selbstbehauptung und politischer Protest von Gefangenen im DDR-Strafvollzug

aus: "Macht-Ohnmacht-Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR", hg. von Ehrhart Neubert und Bernd Eisenfeld in der Edition Temmen, Bremen 2001

Links

Informationen und Bilder über die Bautzener Gefängnisse finden Sie auf der Homepage der Gedenkstätte Bautzen.