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Der MfS-Überfall auf die Ostberliner Umwelt-Bibliothek im November 1987

Am 2. September 1986 gründeten Ostberliner Oppositionelle die Umwelt-Bibliothek (UB). Sie stellte sich in die Tradition der so genannten "fliegenden Universitäten", alternativer Bildungseinrichtungen in Privatwohnungen. Die UB war in den basisdemokratischen Alternativbewegungen der DDR verwurzelt. Ihr Hauptanliegen bestand darin, Öffentlichkeit herzustellen, "verbotene" oder in der DDR nicht zugängliche Literatur zur Verfügung zu stellen, Untergrundpublikationen zu drucken und zu verbreiten, Veranstaltungen zu Themen durchzuführen, die in der offiziellen Öffentlichkeit tabuisiert waren, sowie eine Art Vernetzungsfunktion für die Opposition in der DDR wahrzunehmen.

Die UB gab ein Periodikum heraus, die "Umweltblätter" (Auflage September 1989: 4000 Exemplare), die zu den bekanntesten Samisdat-Erzeugnissen in der DDR zählten. Auch wenn der Name eine Fixierung auf "Umweltfragen" nahe legt, so war die UB (und auch ihre "Umweltblätter") doch eine Einrichtung, die alle gesellschaftlichen Themen aufgriff, die aus oppositioneller Sicht für die Verhältnisse in der DDR wichtig und charakteristisch waren.

Von der Stasi während der Durchsuchung angefertigtes Foto von den verhafteten Mitarbeitern der Umwelt-Bibliothek: Bodo Wolff, Till Böttcher, Bert Schlegel, Wolfgang Rüddenklau, Tim Eisenlohr (von links)Von der Stasi während der Durchsuchung angefertigtes Foto von den verhafteten Mitarbeitern der Umwelt-Bibliothek: Bodo Wolff, Till Böttcher, Bert Schlegel, Wolfgang Rüddenklau, Tim Eisenlohr (v. li.) Quelle: BStU, MfS HA XX /Fo/59, Bild 12

Da nur die Kirchen die Möglichkeit hatten, der Opposition außerhalb von Privatwohnungen Räume zur Verfügung zu stellen, überließ der Pfarrer der Evangelischen Zionsgemeinde in Ost-Berlin der UB seine Kellerräume zur Nutzung. Die UB wurde in der Nacht vom 24. zum 25. November 1987 landesweit und über die Grenzen der DDR hinaus bekannt, als ein MfS-Kommando die Gemeinderäume der Zionsgemeinde überfiel.

Die MfS-"Aktion Falle" wurde für das MfS selbst zur Falle. Durch einen IM, der Mitglied der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) war, hatte das MfS erfahren, dass in dieser Nacht der illegale "Grenzfall" gedruckt werden sollte. Als die MfS-Mitarbeiter aber die Gemeinderäume überfielen, produzierten die Drucker der UB gerade die "Umweltblätter", die anders als der "Grenzfall" halblegal erschienen, d.h. als Periodikum der Kirche galten (Aufdruck "Nur für den innerkirchlichen Gebrauch"). Es kam dennoch zu Verhaftungen.

Ab dem nächsten Tag entwickelte sich eine landesweite Solidaritätskampagne für die Verhafteten und gegen diesen Überfall, die große internationale Beachtung fand. Dazu trug nicht zuletzt der Umstand bei, dass ausgebürgerte DDR-Bürgerrechtler in West-Berlin die Westmedien mit Informationen aus Ost-Berlin versorgten und zugleich westliche Journalisten bei den Solidaritätsaktionen in der Zionskirche und an anderen Orten präsent waren. Nicht nur die Verhafteten kamen relativ schnell frei, zugleich wurden die UB und ihre Aktivitäten bekannt und die Opposition erfuhr einen nicht unbeträchtlichen Zulauf. Die UB wurde so zu einem Symbol für machbare Opposition und dafür, dass Widerstand gegen das Regime erfolgreich sein könne. Im Herbst 1989 spielten die UB und ihre Mitglieder eine wichtige Rolle.

Von der Stasi sichergestelltes Transparent (Länge - 3,65 m, Breite - 2,80 m) / Text: "Wir protestieren gegen die Festnahmen und Beschlagnahmung in der Umwelt-Bibliothek" / Quelle: BStU, MfS HA XX/Fo/43, Bild 2Am 27.11.1987 wurde von der Stasi dieses Transparent an der Zionskirche Berlin sichergestellt. (Länge - 3,65 m, Breite - 2,80 m) Quelle: BStU, MfS HA XX/Fo/43, Bild 2

Die UB hat Ende 1987 den Überfall und die Reaktionen in einer Samisdat-Publikation ("Dokumenta Zion") dokumentiert.

Dr. Ilko-Sascha Kowalczu

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