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Was wusste die Stasi über Bochum?

Das Ruhrgebiet im Blick des MfS

Viele Bürger der alten Bundesländer glauben, das Thema Staatssicherheit sei ausschließlich auf die ehemalige DDR und damit in der Aufarbeitung lediglich auf die neuen Länder bezogen. Aktenfunde aus der Stasi-Unterlagen-Behörde geben einen Überblick über Maßnahmen der Staatssicherheit, die Bochumer Bürger betrafen - sei es in ihrer Heimatstadt oder aber bei Besuchen in der DDR.

Es sind nicht die großen Spionagefälle, wie der von Werner Stiller verratene Bochumer Karl-Heinz Glocke, sondern Beispiele, die belegen, dass die Informationsgewinnung und der Versuch der Einflussnahme des MfS viel früher einsetzte. Auf allen Ebenen und durch eine Vielzahl von MfS-Struktureinheiten hieß es getreu dem Mielke'schen Tschekisten-Motto: "Genossen, wir müssen alles wissen" und "Wir sind überall" - auch in Bochum. Dabei spielte auch die Sorge des MfS vor einem Informationsabfluss aus der DDR an den "Klassenfeind", aber vielmehr noch vor dem Weggang von Menschen aus der DDR eine wesentliche Rolle.

Zwei Bochumer Bergmänner arbeiteten für die Stasi

Am Beispiel der beiden Bochumer Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) "Heino" und "Werner" wird verdeutlicht, dass das Ministerium für Staatssicherheit auch in Bochum Mitarbeiter führte. Es gab also auch in dieser Stadt Mitarbeiter der Stasi. Aus den Akten der beiden ehemaligen Bergmänner ist bekannt, wie und wo sie sich mit Stasimitarbeitern trafen, wen sie verrieten oder anboten und wie die Stasi sie entlohnte. Und auch die von "Werner" für die Stasi angefertigten Fotos liegen in den Akten.

Bordell-Viertel in BochumBordell-Viertel in Bochum Quelle: BStU, MfS, 20129/80

Es ist oft Alltägliches, Tragisches, Überraschendes aus Bochum, Wattenscheid, Wanne-Eickel, Herne und Castrop Rauxel, das seinen Weg in die Unterlagen des MfS fand. Es sind die "kleinen Geschichten - die Geschichte anschaulich machen".

Ende der 1980er Jahre interessiert sich das MfS für den politisch engagierten Norbert aus Bochum. Dieser lebt in der Herrmannstraße, später in der Wittener Straße und arbeitet bei der Bundespost Bochum. Norbert sei begeisterter Fußballanhänger und würde sich als Trainer eines Sportvereins in Bochum ein zusätzliches Gehalt von ca. 500 DM monatlich hinzuverdienen. Am 11. August 1989 hält die Stasi fest: "Ein Eintritt in die SPD besteht unmittelbar bevor." Seine Ehefrau müsse man jedoch als sozialismusfeindlich einschätzen, würde sie doch verbreiten, dass "an der Transitstrecke alle hundert Meter ein sowjetischer Soldat steht". Norbert wird nicht ahnen, dass es zu ihm Akten in der Stasi-Unterlagenbehörde gibt.

Als 1971 das Deutsche Edelstahlwerk Bochum (DEW) in Verhandlungen mit dem VEB Leuna-Werke "Walter Ulbricht" stand, interessierte sich die Stasi für Details. Wenn schon nicht bewusste Störtätigkeit, so unterstellte man dem DEW-Vertreter Industriespionage.

Enge Stasi-Verflechtungen hatte eine in Bochum ansässige "Parteifirma", d.h. eine Firma, die sich in Eigentum der SED befand: es war die Firma Nolte HGmbH, später noha Handelsgesellschaft mbH, Export-Import-Vertretungen, Verwaltung in der Kurfürstenstraße. Die Personalfragen dieser Firma wurden im Ministerium für Staatssicherheit entschieden - bis hin zur Rolle der Prokuristen und deren Gehaltsfestlegungen.

1986 berichtete ein IM "Hansi" seinem Stasi-Führungsoffizier von einem Besuch in Ungarn, wo er einen ausgereisten DDR-Bürger wieder getroffen hat, der sein neues Zuhause in Bochum fand. Die Freude beim Wiedersehen mit dem Neu-Bochumer in Budapest ist groß. Der IM berichtet: "Es war ein sehr schönes Wiedersehen. Wir sind uns in die Arme gefallen, na ja, wie das eben so ist." Im Juli 1989 verfasste die Stasi aufgrund der Informationen von "Hansi" eine operative Information. "Durch den Einsatz des IMS ‚Hansi’ … wurde erarbeitet, daß der Zusammenschluß der ehemaligen Bernburger, welche sich im Raum Bochum seßhaft gemacht haben, Auflösungstendenz zeigt." Die Bernburger wohnen in der Händelstraße bzw. im Bochumer Bernsteinweg.

Schwestern aus Herne unter Spionageverdacht

1984 berichtet IM "Udo" über einen NVA-Mitarbeiter der DDR. Der Genosse habe "mindestens dreimal Kontakt mit Bürgern der BRD" gehabt, als diese in der DDR weilten. Sogar zum Tanz sei er mit den BRD-Schwestern aus Herne gegangen. Bei den Recherchen findet die Stasi heraus, dass eine der beiden Schwestern aus der Bochumer Straße mit einem Mann verheiratet ist, der im Zusammenhang mit einer "Menschenhändlerorganisation" stehen soll. In "der unmittelbaren Nachbarschaft der XY …befinden sich Wohnungseinrichtungen und ein Treffort der Menschenhändlerorganisation". Dazu gehöre auch die Gaststätte "Hansa-Kogge". Die Schwestern aus Herne bleiben im Visier des MfS, denn es "besteht der Verdacht einer Spionagetätigkeit".

1987 schreibt die Bochumerin Maria-Elisabeth aus der Straße Auf der Papenburg an Erich Honecker.

"In einem demokratischen Staat hat das Volk zu wählen. Ein Volk sollte nicht unterdrückt werden, sondern die Freiheit erhalten. .. Wir Deutschen wünschen uns, daß die Mauer zwischen Ost und West abgebrochen wird."

Brief an HoneckerBrief an Honecker Quelle: BStU, MfS, HA XXII Nr.988/36

Die freundliche Karte führt zu intensiven Such- und Überprüfungsaktionen der Stasi. Im Abschlussbericht heißt es, dass die Bochumerin "Urheber einer provokatorischen Briefsendung aus dem Operationsgebiet" sei. Vermerkt ist, dass durch "Ermittlungen in Auskunftsmitteln (Adressbuch von Bochum Ausgabe 1987)" ihre Existenz herausgearbeitet werden konnte.

Auch andere Bochumer gerieten ins Visier der Postkontrolle der Stasi. In den Stasi-Karteien aus Frankfurt (Oder) finden sich Anschriften aus Wattenscheid, Mausegatt, aus Bochum-Linden, Kesterkamp, oder dem Bochumer Dachsweg. Darunter ist auch Bernd, der Mitarbeiter der Bochumer Zeitschrift "Terminal". Er gehörte zu einer Delegation des Marxistischen Studentenbundes "Spartacus", die im Oktober 1982 in der DDR weilte und "zeigte operativ-interessante Verhaltensweisen, … versuchte militärische Objekte in Cottbus zu fotografieren".

Zu den ausgeforschten Initiativen und Vereinen der Stadt gehörte die "Sozialistische Bildungsgemeinschaft Bochum e.V.". Der Stasi gelingt es nicht, dem in der Hagenstraße wohnenden Vereinsvorsitzenden "aktive staatsfeindliche Handlungen" nachzuweisen. Durch die IM "Gerlinde" und "Renn" ist das MfS bestens über sein Leben - einschließlich dem seiner Familie - informiert. Die Struktur, Finanzierung, Aufgaben und Zielstellung des SBG e.V. Bochum sind der Stasi bis ins Detail bekannt. Zum Vorstand gehören Personen aus dem Kuhlehof, der Unterfeldstraße und der Dinnendahlstraße.

Die Stasi beschließt, kompromittierende Informationen zu ermitteln, "wobei es darauf ankommt, solche Materialien zu erarbeiten, die eventuell für eine operative Nutzbarmachung oder für eine Diskreditierung (von Personen des SBG) bzw. der SPD in politisch-günstiger Situation Verwendung finden könnten …"

Auch der "Ost-West-Arbeitskreis" aus Bochum mit Personen aus dem Jasminweg, dem Kuhlenkötterweg und der Dr.-C.-Otto-Straße gerät ins Blickfeld der Stasi: "Das Objekt ist von Beruf Klempnermeister und ist selbstständig in Bochum tätig. …", heißt es in den Stasi-Aufzeichnungen zu einem Mitglied des Arbeitskreises.

Die Bochumer unterhalten Kontakte zu einem katholischen Pfarrer in der DDR - der übrigens in Bochum geboren ist. Der Arbeitskreis "spielt im Zusammenhang mit der vorbeugenden Verhinderung der politischen Untergrundtätigkeit eine bedeutende Rolle", so das Fazit der Stasi.

Die PKW-Kennzeichen-Datei

In der Kartei mit PKW-Kennzeichen, der "Vorbeifahrten-Kartei", finden sich Bochumer bzw. die Kennzeichen ihrer Fahrzeuge. Der weiße Opel mit dem polizeilichen Kennzeichen BO - NH 1xx, der am Flugplatz Finsterwalde vorbeifuhr. Das Auto mit dem Kennzeichen BO - VN xx, ein grauer VW, dessen Insassen ca. 60 Jahre alt sind und an einem Militärobjekt im Bezirk Cottbus vorbeifuhren. BO - JX 9xx, fährt 1985 durch Cottbus. "Insassen schauen zum Objekt, 3 PKW auf dem Parkplatz der KD." Ob die Bochumer wohl wussten, dass sie auf die Kreisdienststelle der Staatssicherheit schauten?

Kennzeichen-KarteiKennzeichen-Kartei Quelle: BStU, MfS, BV Cottbus, Abt. VIII Kfz-Kartei

1981 wird ein Bochumer aus der Gorch-Fock-Straße zum Fluchthelfer. Es geht um die Ausschleusung zweier Kinder aus der DDR. In diesem Zusammenhang werden auch Personen in Witten, Breite Straße, und in Bochum-Riemke, Moritzstraße, ins Visier der Stasi geraten. Es handelt sich um eine professionell vorbereitete Ausschleusung - die von der ersten Sekunde von der Stasi "begleitet" wird: Eine "zuverlässige Quelle aus dem Operationsgebiet" hatte das MfS über die geplante Ausschleusung informiert. Alle auf der DDR-Seite beteiligten Personen werden verhaftet.

In der Datenbank mit der Klarnamen-Kartei der Auslandsspionage der DDR ("Rosenholz") sind mindestens 500 Karteikarten mit Daten zu Bürgern aus Bochum direkt recherchierbar. Dabei wird nicht ersichtlich, unter welcher Kategorie, d.h. aus welchem Grund das MfS die Bochumer in diese Kartei aufgenommen hat. Erst die Auswertung weiterer Unterlagen ermöglicht für einige Bochumer die Einschätzung einer Zusammenarbeit mit dem MfS: vom Bereitstellen einer konspirativen Wohnung über umfangreiche Informationslieferungen bis hin zu "Null-Informationen". So stellte eine Rentnerin mit dem Decknamen "Margot" eine Konspirative Wohnung (KW) in Bochum zur Verfügung.

Inoffizielle Mitarbeiter an der Ruhr-Uni

Bereits 1960 wird ein Vorgang angelegt, zu dem 1975 eine zweite Person hinzu registriert wird. Sie erhält den Decknamen "Junior". 270 gelieferte Informationen von "Junior" deuten auf Themen aus dem Bereich Wirtschaft und Handel hin. Zielobjekt für den Einsatz von "Junior" ist die Ruhr-Universität Bochum. Auch der IM "Elster", ein Verwaltungsangestellter an der Ruhr-Universität, liefert 47 Informationen an den Bereich Wirtschafts-/ Technologiespionage der Stasi. Hingegen sind für den Perspektiv-IM "Mühle", einen Gesellschaftswissenschaftler an der RUB, keine Informationslieferungen nachgewiesen.