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Chefsache: Der "Rote Koffer"

Die mögliche Bedeutung der Unterlagen, die Stasi-Chef Erich Mielke über Erich Honecker aufbewahrte

Der legendäre "Rote Koffer" Erich Honeckers wurde Anfang 1990 in den Unterlagen aus Erich Mielkes persönlicher Ablage aufgefunden und durch den damaligen Generalstaatsanwalt der DDR beschlagnahmt. Sein Inhalt bietet Stoff für viele Spekulationen. Zeitweise verschwand er spurlos.

Der 'Rote Koffer', so wie er im November 1990 der Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach übergeben wurde. Bildausschnitt aus der ZDF-Sendereihe 'Kennzeichen D'Der 'Rote Koffer', so wie er im November 1990 der Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach übergeben wurde. Bildausschnitt aus der ZDF-Sendereihe 'Kennzeichen D' Quelle: Holger Kulick


Der Koffer enthält Erich Honecker betreffende Unterlagen, im Wesentlichen Akten des Hochverratsverfahrens vor dem Volksgerichtshofs gegen Honecker sowie eine später im MfS entstandene Auswertung der Vernehmungsprotokolle dieses Verfahrens. Darüber hinaus enthält er private Unterlagen mit Bezug zu Honecker. Der "Rote Koffer" wurde als Beweismittel im Prozess gegen Erich Mielke genutzt und gelangte über das Bundesministerium der Justiz ins Bundesarchiv. Und von dort aus 2004 zum BStU.

Der rote Kunstlederkoffer war am 10. Januar 1990 bei einer Durchsuchung von Räumen in Erich Mielkes Dienstsitz in der Normannenstraße beschlagnahmt worden, also noch bevor Bürgerrechtler am 15. Januar die Stasi-Zentrale stürmten. Er fand sich in einem Kellertresor und muss dort längere Zeit gelagert haben, denn er hinterließ einen Abdruck auf dem Regalboden.

Nach der Wiedervereinigung wurde der Koffer allerdings nicht an die zuständige Berliner Justizsenatorin und ihre Verwaltung übergeben, sondern galt als verschollen. Ein junger DDR-Staatsanwalt, der bei der Beschlagnahmung anwesend war, machte die ZDF-Fernsehredaktion 'Kennzeichen D' darauf aufmerksam, die den Koffer nach mehrwöchigen Recherchen aufspürte. Ob er schlicht 'verbummelt' worden war, ob ihn 'alte Genossen' aus dem Verkehr ziehen wollten oder Staatsanwälte und ehemalige Kripo- und Justizbedienstete damit eine Geschäft machen wollten, blieb zunächst unklar. Zeitweise war er mehreren Zeitschriftenredaktionen für viel Geld angeboten worden.

Ausschnitt aus einem Beschlagnahmeprotokoll der DDR-Staatsanwaltschaft vom 10. Januar 1990. Dabei fand sich in einem Tresor in Erich Mielkes Dienstsitz jener 'rote Koffer' mit der "Strafakte Bruno Baum" und anderen Dokumenten.Ausschnitt aus einem Beschlagnahmeprotokoll der DDR-Staatsanwaltschaft aus dem Frühjahr 1990. Demnach fand sich am 10. Januar 1990 in einem Tresor in Erich Mielkes Dienstsitz jener 'rote Koffer' mit der "Strafakte Bruno Baum" und anderen Dokumenten. Der genaue Fundort ist umstritten. Beteiligte Staatsanwälte erinnerten sich an einen Tresor im Keller von "Haus 1", ein Foto wiederum zeigt einen solchen Koffer wiederum im Tresor von Mielkes Sekretär Carlsson. Quelle: Holger Kulick

Als die Fernsehrechercheure diejenigen aufspürten, die ihn zuletzt in den Händen hatten, wurde der Koffer über Nacht von einem Boten bei der damaligen Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach abgegeben, die ihn an die Bundesanwaltschaft weiterleitete. Dort konnte ihn die Fernsehredaktion einsehen und strahlte am 14. November 1990 einen Beitrag aus, der die Spurensuche und den Kofferinhalt ausführlich beschrieb. Danach durchlief der 'Rote Koffer' mehrere Ministerien, wurde als Beweismittel im Prozess gegen Erich Mielke genutzt und 1995 dem Bundesarchiv überstellt.

2004 Übergabe an die Stasi-Unterlagen-Behörde

Im Rahmen einer Diskussions-Veranstaltung wurde der "Rote Koffer" am 30. März 2004 vom Bundesarchiv als Dauerleihgabe an die BStU übergeben. Seit Januar 2015 wird er im Berliner Stasi-Museum ausgestellt, die Originaldokumente verblieben im Bundesarchiv, das Stasi-Archiv erhielt Kopien.

Bis heute ist umstritten, ob das im Koffer gelagerte Material mit Wissen von Erich Honecker unzugänglich von Stasi-Chef Erich Mielke aufbewahrt wurde oder ohne dessen Wissen, um ihn gegebenenfalls damit unter Druck setzen zu können. Dies mutmaßten damals einige der eingesetzten DDR-Ermittler aufgrund von Aussagen mehrerer Politbüromitglieder über den Verlauf der letzten Politbürositzung Erich Honeckers. Damals habe sich Erich Mielke mit einer entsprechend interpretierbaren Äußerung an Erich Honecker gewandt.

Eine von den Kriminalisten eingesetzte Gutachterin der DDR-Staatsanwaltschaft, die Historikerin, Monika Kaiser, stellte damals in den Unterlagen "eine ganze Reihe von Unstimmigkeiten" im Vergleich zur bis dahin offiziell bekannten Honecker-Biografie fest. So enthält der Koffer u.a. originale Ermittlungs- und Gerichtsakten gegen Erich Honecker, aus denen ersichtlich ist, dass Honecker seine Biografie später offensichtlich teilweise glorifizierte.

Hinweise auf eine glorifizierte Honecker-Biografie

Dabei geht es im Wesentlichen um Akten eines Hochverratsverfahrens im Dritten Reich vor dem Volksgerichtshof gegen Honecker sowie eine später im MfS entstandene Auswertung der Vernehmungsprotokolle dieses Verfahrens. Aus ihr ergibt sich beispielsweise, dass aufgrund einer Unvorsichtigkeit Honeckers u.a. die tschechische Kundschafterin einer kommunistischen Widerstandsgruppe aufgeflogen war und dass Honecker bei Aussagen nicht die Zurückhaltung an den Tag legte, die unter überzeugten Kommunisten üblich war und erwartet wurde. Dem Koffer liegt auch eine stasiinterne Expertise bei, die solche Schwachpunkte analysiert, sie ist undatiert. Diese Untersuchung bestärkte die DDR-Ermittler in ihrer Vermutung, dass dies tatsächlich Material gewesen sein könnte, um Honecker bei passender Gelegenheit unter Druck zu setzen, weil er entgegen eigener Angaben kein Muster-Widerstandskämpfer war und - so die Expertise - "ziemlich ausführliche Angaben" über Weggefährten machte.

Erich Honecker wurde im Juni 1937 zu zehn Jahren Zuchthausstrafe verurteilt, während ein weiterer Kampfgenosse seiner Gruppe, Bruno Baum, eine höhere Strafe erhielt - den Unterlagen nach offenbar auch aufgrund von Aussagen des späteren DDR-Staatschefs. Aus den Akten ergibt sich ferner, dass Honecker im Dritten Reich zwar im Zuchthaus Brandenburg-Görden einsaß, aber wegen guter Führung quasi als Freigänger einem Arbeitskommando im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin zugeteilt wurde und von dort aus als Dachdecker unterwegs war. Dabei gelang ihm im März 1945 während eines Bombenangriffs die Flucht und er versteckte sich zeitweise in der Wohnung einer Gefängnisaufseherin, mit der er offenbar zeitweise liiert war. Ohne eine Strafverschärfung kehrte er später in die Haftanstalt zurück. Auch das mag für manchen überzeugten 'Genossen' anrüchig gewesen sein.

Überdies liegen dem Koffer zwei Gnadengesuche von Honeckers Vater aus den Jahren 1939 und 1942 bei, in denen die Rede davon ist, dass Honecker dem Kommunismus abschwöre. Er sehe "seine Jugendideale im jetzigen Staat verwirklicht" und sei auch bereit, dafür zu kämpfen.
Dies allerdings mag eine taktische Angabe des Vaters gewesen sein, um Milde für seinen Sohn zu erreichen, anstößig für überzeugte Kommunisten wäre es zu DDR-Zeiten aber gewiss gewesen.

Darüber hinaus enthält der Koffer private, teilweise zänkische Beschwerdebriefe seiner späteren Ehefrau Margot Feist und seiner ersten Ehefrau Edith Baumann übereinander an Walter Ulbricht sowie Nachfragen seitens der Stasi über Umbaukosten für einen privaten Bungalow, den die DDR-Ermittler in Zusammenhang mit einer Freundin Honeckers brachten. Vielseitig interpretierbaren Stoff bietet der Koffer daher wohl auch in Zukunft noch für Medien und Historikerdiskussionen.

 Der "rote Koffer", in dem der Stasi-Chef belastendes Material über Staats- und Parteichef Erich Honecker sammelte. Im Hintergrund Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Bundesbeauftragte Roland Jahn.Ende einer Reise: Der "rote Koffer", in dem der Stasi-Chef belastendes Material über Staats- und Parteichef Erich Honecker sammelte, im Stasi-Museum in der Berliner Normannenstraße. Im Hintergrund Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Bundesbeauftragte Roland Jahn beim Eröffnungsrundgang durch die Ausstellung am 14. Januar 2015. Quelle: BStU / Kulick


Der Autor, Holger Kulick, leitete 1990 das ZDF-Fernsehteam, das sich auf die Spur des Koffers begab und für seine Rückführung sorgte. Er ist Autor zweier Fernsehbeiträge über den 'Roten Koffer', die am 14.11.1990 in der Magazin-Reihe "Kennzeichen D" und am 30. März 2004 im ZDF-"heute journal" ausgestrahlt wurden. Er ist seit 2010 Mitarbeiter des BStU.

Die DDR im Blick der Stasi (ZAIG-Berichte)

Online-Publikation geheimer Berichte der "Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe" (ZAIG) des MfS an die Partei- und Staatsführung der DDR. Der Link führt zur Datenbank.