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1. bis 18. September 1987:
Olof-Palme-Friedensmarsch

Zwischen dem 1. und 18. September 1987 organisierten internationale Friedensgruppen einen Friedensmarsch zur Erinnerung an den schwedischen Premierminister Olof Palme. Palme, der am 28. Februar 1986 ermordet worden war, hatte einst als entschiedener Gegner des atomaren Wettrüstens einen 150 km langen atomwaffenfreien Korridor zwischen Ost und West vorgeschlagen.

Der Olof-Palme-Friedensmarsch führte auch durch die DDR. Neben den offiziellen Vertretern der DDR-Friedensbewegung und Mitgliedern ausländischer Friedensinitiativen entschlossen sich auch unabhängige kirchliche Kreise und oppositionelle Friedensgruppen der DDR, an dem Marsch mit eigenen Transparenten teilzunehmen.

Übersicht zum Streckenverlauf des Olof-Palme-Friedensmarsches in der DDR; Quelle: BStU, MfS-ZOS Nr. 1965, Blatt 13Übersicht zum Streckenverlauf des Olof-Palme-Friedensmarsches in der DDR Quelle: BStU, MfS-ZOS Nr. 1965, Blatt 13

Die SED-Führung konnte die Teilnahme dieser Gruppen nicht verhindern, ohne die Selbstdarstellung der DDR als friedensfördernder Staat zu beschädigen. Sie hatte den Marsch schon offiziell bekannt gegeben, zudem würde sich Erich Honecker zwischen dem 7. und 11. September zu einem Staatsbesuch in der Bundesrepublik aufhalten, um über unverzichtbare Kredite für die DDR zu verhandeln.

Am 1. September 1987 wurde der Friedensmarsch mit einer Veranstaltung in Stralsund eröffnet. Höhepunkt war ein Pilgerweg, der vom 2. bis 5. September über 80 Kilometer zwischen Ravensbrück und Sachsenhausen verlief, vorbereitet von der „Aktion Sühnezeichen“.

Etwa 500 bis 600 Personen, darunter viele Vertreter unabhängiger Friedensgruppen, nahmen daran teil. Sie führten Transparente mit, auf denen sie u.a. forderten: „Schwerter zu Pflugscharen“, „Sozialer Friedensdienst für Wehrdienstverweigerer“, „Friedenserziehung statt Wehrunterricht“, „Abbau der Militarisierung in Schulen und Kindergärten“. Zugleich protestierten sie gegen Atomkraftwerke sowie die DDR-Umwelt- und die Abgrenzungspolitik. Als der Pilgerzug in Oranienburg eintraf, setzten die Behörden 5.000 bestellte Demonstranten an die Spitze des Zuges, um die Dominanz der unabhängigen Gruppen und ihrer Transparente zu brechen.

Am frühen Abend des 5. September 1987 demonstrierten im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg etwa 1000 Personen, die auf Initiative von Stadtjugendpfarrer Wolfram Hülsemann mit DDR-kritischen Transparenten, Losungen und Forderungen von der Zionskirche zur Gethsemanekirche zogen. Diese größte legale Demonstration der DDR-Opposition wurde von der Polizei weder behindert noch aufgelöst.

Offiziell ging der Olof-Palme-Friedensmarsch am 18. September 1987 in Dresden mit einer Kundgebung zu Ende, nachdem zuvor u.a. in Leipzig, Königswalde, Brandenburg und Torgau Veranstaltungen stattgefunden hatten. Allerdings unterband die SED weitere Pilgerzüge, so dass der Friedensmarsch im Kern eine Kette von Kundgebungen in verschiedenen Städten war. Lediglich von Torgau nach Riesa gab es am 12. und 13. September 1987 noch einen zweitägigen Pilgermarsch, an dem sich zwischen 50 und 110 Personen beteiligten.

Nach der Rückkehr Honeckers aus der Bundesrepublik ging die Polizei wieder schärfer gegen DDR-kritische Plakate vor und beschlagnahmte oder verbot diese teilweise - so etwa in Leipzig, Torgau und Dresden.

Der Friedensmarsch übte zunächst eine beflügelnde Wirkung auf die Opposition aus. Viele dachten, dass die offizielle Genehmigung des Marsches ein erstes Anzeichen für eine innenpolitische Entspannung sei. Allerdings gab es auch skeptische Stimmen, die schon damals meinten, die Genehmigung für den Friedensmarsch sei nur deshalb erteilt worden, weil er mit dem Honecker-Besuch zusammentraf und die SED-Führung außenpolitisch einen Gesichtsverlust befürchtete.

Der Überfall der Staatssicherheit auf die Umweltbibliothek der Berliner Zionskirchgemeinde im November 1987 und die Verhaftungen, die damit in Zusammenhang standen, gaben den Skeptikern schließlich Recht. Als Markus Meckel im März 1988 im Namen des Friedenskreises Vipperow vorschlug, anlässlich des im Juni 1988 in Berlin geplanten „Internationalen Treffens für kernwaffenfreie Zonen“ unabhängige – d.h. nicht-staatliche - Demonstrationen durchzuführen, wurde dieses Ansinnen vom Staat zurückgewiesen. Der Olof-Palme-Friedensmarsch blieb die einzige legale Demonstration der Opposition in der DDR.

Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk

Zum Thema: Aktion Palme I