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Der Wandel Robert Havemanns vom Inoffiziellen Mitarbeiter zum Dissidenten im Spiegel der MfS-Akten

In der Reihe „BF informiert“ liegt mit Heft 26 ein Einblick in Robert Havemanns Sinneswandel beim Weg vom Staatsfunktionär und IM zum Dissidenten vor.

10.3.1954: Großkundgebung gegen die Bonner Zwangsrekrutierung im Friedrichstadtpalast, Berlin. Der Vorsitzende des Berliner Friedensrates Prof. Havemann eröffnet die Veranstaltung.10.3.1954: Großkundgebung gegen die Bonner Zwangsrekrutierung im Friedrichstadtpalast, Berlin. Der Vorsitzende des Berliner Friedensrates Prof. Havemann eröffnet die Veranstaltung. Quelle: Bundesarchiv/Bild 183-23709-0001

Aus dem Treffbericht vom 19. Mai 1958 geht hervor, dass Havemann (GI „Leitz“) nach Auftrag der Staatssicherheit mit westdeutschen Wissenschaftlern Kontakt aufnehmen sollte und für die Reise eine finanzielle Zuwendung erhielt.

Unter Rückgriff auf die umfangreichen MfS-Unterlagen zum wohl bekanntesten DDR-Oppositionellen wird in drei separaten Abschnitten Havemanns politische Entwicklung, seine Zusammenarbeit mit kommunistischen Geheimdiensten und der Beginn der anschließenden „operativen Bearbeitung“ durch das MfS dargelegt. Der Schwerpunkt liegt dabei in den Jahren 1955 - 1963.

Erstmals werden Details der geheimdienstlichen Verstrickung Havemanns ausführlicher vorgestellt. Dabei geht es um die Zusammenarbeit mit mehreren Geheimdiensten: der sowjetischen Aufklärung, wechselnden Diensteinheiten des MfS und der Armeeaufklärung der DDR.

Nur zu den Inhalten der Zusammenarbeit mit dem MfS ab 1955 sind eigene aussagekräftige Materialien überliefert. Aus diesen ist ersichtlich, dass sich Robert Havemann über 60 mal mit Mitarbeitern des MfS getroffen hatte und dabei diverse, auch belastende, Informationen über ihm bekannte Personen aus beruflichem, politischem und privatem Umfeld gab.

Zu den Kontakten mit dem sowjetischen Geheimdienst, der Armeeaufklärung und der ersten Phase mit dem MfS liegen keine eigenen Unterlagen vor. Hierzu lassen sich aus den späteren Akten (nur) zusammenfassende Vermerke und einzelne ergänzende Details finden.

27.4.1958: Tagung der Physikalischen Gesellschaft im Physikalischen Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig. Prof. Dr. Havemann (rechts) im Gespräch mit Prof. Barwich.27.4.1958: Tagung der Physikalischen Gesellschaft im Physikalischen Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig. Prof. Dr. Havemann (rechts) im Gespräch mit Prof. Barwich. Quelle: Bundesarchiv/Bild 183-54865-0005

In Zeitraum seiner MfS-Kontakte vollzog sich jedoch auch Havemanns Wandel in den politischen Auffassungen, die ihm zahlreiche Auseinandersetzungen mit Universitäts- und Parteigremien einbrachten und ihn letztendlich seine Stellung sowie die Partei- und Akademiemitgliedschaften kosteten. Die staatsloyale Anbindung Havemanns an die DDR sank zugunsten seiner zunehmend als oppositionell zu interpretierenden Aktivitäten.

Aus den MfS-Akten ist nicht ersichtlich, dass sich Robert Havemann der Zusammenarbeit mit dem MfS entzogen hätte oder dies beabsichtigte. Es ist jedoch deutlich erkennbar, dass das MfS aufgrund der nicht abreißenden ideologischen Auseinandersetzungen um seine Person zunehmend selbst Zweifel am Sinn einer solchen Zusammenarbeit hatte und diese dann folgerichtig einstellte. Eine weitere umfassende »Betreuung« in Form unterschiedlichster Repressionsmaßnahmen bis zu seinem Tod blieb Robert Havemann jedoch nicht erspart.

Im Anhang der Broschüre wird u. a. eine tabellarische Übersicht zu allen dokumentierten Treffen Havemanns mit dem MfS und der Art der dabei übermittelten Informationen vorgestellt.