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Die Einsatzkompanie des MfS

Die Ursprünge der Einsatzkompanie stehen im Zusammenhang mit der Perfektionierung der Grenzüberwachung nach dem Mauerbau und dem systematischen Aufbau von Under-Cover-Kampfeinheiten im MfS, der von Mielke im Januar 1964 angeordnet wurde (Befehl Nr. 107/64). Im Oktober des gleichen Jahres wurde der Kanalisations- und Tunnelzug des Berliner Stadtkommandanten als „Sicherungskompanie“ vom MfS übernommen und der für NVA und Grenztruppen zuständigen Hauptabteilung I unterstellt. Neben dem Erkennen von Tunnelbauten und Fluchtmöglichkeiten über die weitläufige Berliner Kanalisation hatte die neue Kompanie die Aufgabe, „schwere – insbesondere bewaffnete – Grenzdurchbrüche“ zu verhindern. Sie kann somit als Vorläufer der Einsatzkompanie gelten, die im Dezember 1968 auf Befehl des Leiters der HA I gegründet wurde. Diese unterstand zunächst der Abteilung Operativ, später der Abteilung Äußere Abwehr der HA I.

Die Einsatzkompanie rekrutierte sich aus Absolventen der Grenztruppen-Unteroffiziersschule VI in Perleberg, die ein weiteres halbes Jahr in MfS-Spezialschulen auf ihren „spezifischen Einsatz“ vorbereitet wurden. Sie hatten den Status von Hauptamtlichen Inoffiziellen Mitarbeitern im besonderen Einsatz (HIME), traten aber nach außen weiterhin als reguläre Angehörige der Grenztruppen auf. Ihre Vorgesetzten (z.B. Zugführer) waren Offiziere im besonderen Einsatz. Stationiert war die Einsatzkompanie zeitweilig in Stolpe (Kreis Oranienburg) und in Schulzendorf (Kreis Königs Wusterhausen), nach außen abgedeckt als Grenzkompanie des Grenzregimentes 42. Kompaniechefs waren Eberhard Starke (1968–1979), Wolfgang Singer (1979–1983) und Alexander Baier (1983–1985).

1968 gehörten zehn HIME zur Einsatzkompanie, 1969 bereits 30, in den folgenden Jahren schwankte die Zahl zwischen 50 und 70. Das Aufgabenspektrum der Kompanie war vielfältig: von der Durchführung von Sicherungs- und Beobachtungsaufgaben über getarnte militärische Operationen an der Grenze bis hin zu personenbezogenen Überwachungsmaßnahmen. Häufig wurden Angehörige der Einsatzkompanie konspirativ in Einheiten der Grenztruppen, teilweise auch der NVA, eingeschleust, um dort zu ermitteln. In den achtziger Jahren agierten sie auch unter den Bausoldaten. 1985 wurde die Einsatzkompanie aufgelöst; die Grenztruppen besaßen inzwischen eine eigene Einheit mit entsprechendem Aufgabenprofil.

Traurige Berühmtheit erlangte die Einsatzkompanie im Zusammenhang mit dem Fall Michael Gartenschläger. Gartenschläger, ein im Westen lebender ehemaliger politischer Häftling aus der DDR, hatte im April 1976 an der innerdeutschen Grenze bereits zwei Selbstschussanlagen vom Typ SM 70 abmontiert und der Öffentlichkeit unter großem Aufsehen präsentiert. Als er wenig später, in der Nacht zum 1. Mai, an einem Grenzabschnitt bei Bröthen (Schleswig-Holstein) mit zwei Helfern versuchte, eine dritte SM 70 abzubauen, lauerte ihm ein Kommando der Einsatzkompanie auf und erschoss ihn.

Publikationen zum Thema:

  • Lothar Lienicke; Franz Bludau
    Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger an der Grenzsäule 231.
    Hamburg 2001