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Mit dem U-Boot durch die Elbe

Ein spektakulärer Fluchtversuch

An einem eisigen Wintermorgen im Jahre 1976 ereignete sich an der Elbe, in der Gegend von Wittenberge (Brandenburg), eine dramatische Szene. Zunächst schien dieser Februartag wie jeder andere: Arbeiter des Wasserstraßenbauamtes waren damit beschäftigt ein Frachtschiff zu entladen und achteten kaum auf das Treiben an der Elbe. In einer Pause zogen sich die Kollegen zum Aufwärmen in das Steuerhaus zurück, während ihre Blicke über das Wasser der zum Teil vereisten Elbe wanderten.

In einiger Entfernung trieb ein dunkler Gegenstand durchs Wasser, der nach einem fassähnlichen Behältnis aussah. Da aber treibende Gegenstände in der Elbe nichts Außergewöhnliches sind, spekulierten die Kollegen nur kurz über dessen Identität und Herkunft, bevor sie dann wieder ihren eigenen Gedanken nachhingen.

"Bug und Steuerbordseite: 1 - vorderes Tiefenruder. Dieses Ruder ist beschädigt. 2 - hinteres Tiefenruder""Bug und Steuerbordseite: 1 - vorderes Tiefenruder. Dieses Ruder ist beschädigt. 2 - hinteres Tiefenruder" Quelle: BStU, MfS-ZAIG 25829, Bl. 36 bis 47

Wenig später trieb dieser Gegenstand allerdings unmittelbar an dem Schiff der Arbeiter vorbei, und nun sahen sie, dass sich auch Tauwerk an ihm befand. Diese Feststellung überraschte die Kollegen und sie beschlossen, sich das ganze genauer anzuschauen. Als sie mit ihrem Boot näher heranfuhren, stellten sie mit Erstauen fest, dass der Behälter mit einer Luke versehen war, die nun offen stand. Ihre Überraschung war perfekt, als sie in der Öffnung das Gesicht eines Mannes erblickten. Offensichtlich handelte es sich bei diesem Gegenstand nicht um ein treibendes Fass, sondern um eine Art Wasserfahrzeug - und vermutlich um das ungewöhnlichste Wasserfahrzeug das ihnen je untergekommen war.

Die Arbeiter des Wasserstraßenbauamtes waren so verdutzt, dass sie den Mann dieses Gefährts nur fragten, wo er denn hinfahren wolle. Dieser jedoch antwortete nur: "Da vorn ist noch jemand drin." Nun wurden die Kollegen hellhörig und forderten den Mann auf an Bord ihres eigenen Schiffes zu kommen. Die ganze Sache schien ihnen sehr undurchsichtig und sie verständigten die Wasserschutzpolizei, die kurze Zeit später eintraf und sich der Situation annahm.

Zu ihrer großen Überraschung stellte sich heraus, dass sie soeben einen der wahrscheinlich spektakulärsten Fluchtversuche in der Geschichte der DDR aufgedeckt hatten. Denn die Personen an Bord des merkwürdigen Gefährts waren Eheleute, die versucht hatten mit einem selbst gebauten U-Boot die DDR auf dem Weg durch die Elbe zu verlassen.

Dieser Plan war so originell, dass er wahrscheinlich auch funktioniert hätte, wäre es beim zu Wasser lassen des Bootes nicht zu Problemen gekommen. So wurde das Paar nur wenige Kilometer vor ihrem Ziel entdeckt und verhaftet.

"Heck und Backbordseite: 1 - 3flügliger Bronzepropeller; 2 - Kort-Düse""Heck und Backbordseite: 1 - 3flügliger Bronzepropeller; 2 - Kort-Düse" Quelle: BStU, MfS-ZAIG 25829, Bl. 36 bis 47

Als die Eheleute 1967 den Entschluss zur Flucht fassten, begann der Mann, ein gelernter Ingenieur für Wärmetechnik, mit dem Studium von Fachliteratur zum Bau von Tauchbooten und deren Wasserung. Sechs Jahre lang wurde der Plan in allen Einzelheiten vorbereitet. Sie erkundigten sich über die Gegebenheiten der Elbe, überlegten sich eine geeignete Route, und fertigten ausführliche Aufzeichnungen all ihrer Berechnungen an.

Indem sie ihre gesamte Frei- und Urlaubszeit dafür aufwandten, gelang es ihnen innerhalb von zwei Jahren dieses Tauchboot zu bauen, wobei dem Mann als technisch begabtem Ingenieur und Hobbybastler der Hauptanteil der Arbeiten zufiel. Doch auch er konnte nicht alle Arbeiten allein durchführen, sondern musste teilweise professionelle Hilfe, so bei der Ausführung spezieller Schweißarbeiten, in Anspruch nehmen.

Zur Erklärung an diese und andere Außenstehende erfand er die Geschichte einer Erfindung auf dem Gebiet der Wärmetechnik, an der er arbeite. Dies schien glaubwürdig genug und ersparte weitere Detailerklärungen. Für das gesamte Unternehmen der Herstellung mietete sich das Ehepaar in eine Wohnung mit Garage und Werkstatt ein, die ihnen genügend Platz bot.

Ende 1975 kamen die Arbeiten zum Ende. Das Gefährt war nun 7 m lang, 3.820 kg schwer und hatte einen Durchmesser von 0,87 m. Mit Hilfe eines Traktors und Tiefladers konnte das Tauchboot zu einer geeigneten Stelle an der Elbe gefahren werden, von wo aus eine problemlose Wasserung möglich sein würde.

Doch das Schicksal war gegen sie. Als die Eheleute um ein Uhr morgens bei starkem Frost endlich die ausgewählte Stelle erreichten und mit der Wasserung begannen, riss das Seil, mit dem das Boot am Tieflader befestigt war, und rollte mit hoher Geschwindigkeit ins Wasser. Beim Versuch, das Boot zu bergen, fiel der Mann ins eisige Wasser und musste sich nun erst einmal umziehen und aufwärmen, damit er nicht erfror. Da sie allerdings bei der Wasserung vergessen hatten den Anker zu werfen, trieb das Boot ab und geriet außer Sichtweite. Sie mussten also entlang des Flusses nach ihrem Boot suchen, wo sie es schließlich auch ca. 200 Meter flussabwärts fanden. Es war zwischen einigen Eisschollen stecken geblieben. Beim Versuch in das Boot zu gelangen brach die Frau mehrmals im Eis ein und verlor ihre Schuhe und Handschuhe. Frierend und durchnässt musste sie sich notdürftig im winzigen Bootrumpf umziehen.

"Turmbereich oben in Richtung Bug gesehen""Turmbereich oben in Richtung Bug gesehen" Quelle: BStU, MfS-ZAIG 25829, Bl. 36 bis 47

Während dessen versuchte ihr Mann, das Eis zu brechen und das Boot zu starten. Doch erst jetzt wurde er sich der ganzen Tragweite des Zwischenfalls bei der Wasserung bewusst, denn das Boot hatte durch den harten Aufprall erheblichen Schaden genommen. Es war weder tauch- noch manövrierfähig und der Motorantrieb funktionierte nicht.

Obwohl das Gelingen ihres Unternehmens in diesem Zustand ernsthaft zu bezweifeln war, hielten die beiden an ihrem Plan fest und machten sich auf den Weg, indem sie das Boot einfach flussabwärts treiben ließen, in der Hoffnung, dennoch unbemerkt die Grenze zu erreichen. Vielleicht wäre dieser Plan sogar aufgegangen, hätten sie den Schutz der Dunkelheit nutzen können. Doch durch den Zwischenfall hatte sich ihr Zeitplan so erheblich verzögert, dass der Morgen inzwischen angebrochen war und somit auch ihre letzte Chance schwand. So kam es, dass sie kurz darauf von den Arbeitern des Wasserstraßenbauamtes entdeckt und anschließend von der Polizei festgenommen wurden.

Von Experten der Stasi wurde die Wahrscheinlichkeit des Gelingens der Flucht als sehr hoch eingeschätzt, hätte das Tauchboot keinen Schaden gehabt, da im Grenzbereich der Elbe keine ausreichenden Unterwassersicherungen vorhanden waren. Bei der für das Tauchboot ermittelten Tauchtiefe von maximal 30 m und einer maximalen Fahrtdauer von einer Stunde hätte die Strecke bis zum Zielhafen auf westdeutschem Gebiet problemlos überwunden werden können.

Die Eheleute wurden zu mehreren Jahren Haft verurteilt und 1979 aufgrund der Amnestie zum 30. Jahrestag der DDR vorzeitig entlassen. Schon während der Haft stellten sie einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik. Während ihrer Haft machten sie immer wieder deutlich, dass sie eine Wiedereingliederung in die DDR ablehnen und sich dieser zur Not auch durch Flucht widersetzen würden. Obwohl seitens der DDR versucht wurde, das Paar umzustimmen und am Auswandern zu hindern, konnte es 1982 die DDR verlassen.

Das Boot war nach Abschluss der Untersuchungen durch die Stasi verschrottet worden.

[nacherzählt aus Stasi-Akten]