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Professor Werner Hartmann

Triumph und Niederlage des Begründers der DDR-Mikroelektronik

Professor Werner Hartmann: "Heute, am 29. April 1975,... stehe ich vor dem Trümmerhaufen meines Lebens." (Aus einer Eingabe Werner Hartmanns an den Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Willi Stoph); Quelle: Renee Hartmann (privat)Professor Werner Hartmann: "Heute, am 29. April 1975,... stehe ich vor dem Trümmerhaufen meines Lebens." (Aus einer Eingabe Werner Hartmanns an den Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Willi Stoph)) Quelle: Renee Hartmann (privat)


Mitte der sechziger Jahre begann die Staatssicherheit, systematisch Themen und Einrichtungen der Wissenschaft, Forschung und Technologie "politisch-operativ" zu bearbeiten. Bereits ein Jahrzehnt später verfügte sie über weitreichende Strukturen und zahlreiche Inoffizielle Mitarbeiter in Schlüsselpositionen. Dadurch war die Stasi in der Lage, die Sicherheitsdoktrin und die wissenschaftspolitischen Interessen der SED durchzusetzen.

Die marxistisch-leninistische Indoktrination erreichte die letzten verbliebenen Freiräume bürgerlicher Wissenschaft. Allein zwischen 1964 und 1976 haben nach vorsichtiger Schätzung 300 bis 500 namhafte Wissenschaftler ihre Positionen verloren bzw. standen im Begriff, diese zu verlieren. Es waren vor allem zwei Aspekte, worin das SED-Regime den bürgerlichen Wissenschaftlern nicht folgen wollte: deren Forderungen nach weltweiten Wissenschaftsbeziehungen und nach fachlicher Autonomie.

Werner Hartmann erkannte schon frühzeitig die Bedeutung der Halbleitertechnologie und hatte an deren Realisierung in der DDR-Wirtschaft einen wesentlichen Anteil. Trotz seiner Verdienste wird der parteilose Wissenschaftler-Unternehmer in einem Akt politischer Willkür 1974 seines Amtes enthoben und diskriminiert. Sein Wissenschaftsethos, seine Geradlinigkeit und die Abneigung gegen die politische Bevormundung durch die SED brachten ihn zu Fall.

Hartmann (5. v. re.) im Gespräch mit Wissenschaftlern (50er Jahre); Quelle: Technische Sammlungen DresdenHartmann (5. v. re.) im Gespräch mit Wissenschaftlern (50er Jahre) Quelle: Technische Sammlungen Dresden

Seit 1955 interessierte sich das Ministerium für Staatssicherheit für Hartmann. Wegen des Verdachts der Spionage und nachrichtendienstlicher Verbindungen wurde er ab Dezember 1965 im Operativen Vorgang "Molekül" bearbeitet. Jahrelang stand Hartmann unter permanenter Beobachtung des MfS.

Das Schicksal Werner Hartmanns steht stellvertretend für schätzungsweise 300 bis 500 namhafte Wissenschaftler, die zwischen 1964 und 1976 ihre Positionen verloren haben, und zugleich für einen verhängnisvollen Wechsel in der SED-Technologiepolitik. Da mit der Behinderung und Kaltstellung von Wissenschaftlern eine eigenständige Entwicklung nicht mehr möglich war, versuchte die SED-Führung seit Mitte der siebziger Jahre, die Mikroelektronik vor allem mit Hilfe der Wirtschaftsspionage voran zu treiben. Der Rückstand der DDR-Mikroelektronik gegenüber dem Weltmarkt aber war nicht aufzuholen. Der Schaden für die DDR-Wirtschaft war, wie neuere Forschungsergebnisse belegen, weit größer als bisher angenommen.

Betriebsbesichtigung sowjetischer Wissenschaftler im VEB Vakutronik, 1957; Quelle: Technische Sammlungen DresdenBetriebsbesichtigung sowjetischer Wissenschaftler im VEB Vakutronik, 1957 Quelle: Technische Sammlungen Dresden

Obwohl die Staatssicherheit Werner Hartmann über viele Jahre ausspionierte, fanden sich keine Beweise für Sabotage oder nachrichtendienstliche Tätigkeiten.

Aktenbeispiele:


Daten zur Person

  • 1912 - geboren am 30. Januar in Berlin
  • 1930 - Physikstudium an der Technischen Hochschule Berlin
  • 1935 - wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Siemens unter Leitung seines Lehrers, Nobelpreisträger Gustav Hertz

Hartmann bei der Nationalpreisverleihung am 6.10.1970 mit dem Minister für Elektrotechnik und Elektronik Steger (li.) und Walter Ulbricht (re.); Quelle: Technische Sammlungen DresdenHartmann bei der Nationalpreisverleihung am 6.10.1970 mit dem Minister für Elektrotechnik und Elektronik Steger (li.) und Walter Ulbricht (re.) Quelle: Technische Sammlungen Dresden

  • 1937 - Hartmann wechselt zur Fernseh GmbH. Durch die Beteiligung an wichtigen Forschungsaufgaben bleibt er vom Kriegsdienst verschont.
  • 1945 - Hartmann geht mit anderen deutschen Wissenschaftlern in die Sowjetunion, um beim Aufbau eines Kernforschungsinstituts bei Suchumi mitzuarbeiten.
  • 1955 - Rückkehr in die DDR; Hartmann wird mit dem Aufbau und der Leitung des VEB Vakutronik Dresden beauftragt.
  • 1956 - Habilitation an der Technischen Hochschule Dresden und Berufung zum Professor für Kernphysikalische Elektronik
  • 1961 - Hartmann gründet die "Arbeitsstelle für Molekularelektronik" in Dresden (AMD).
  • 1974 - Am 11. Juli wird Hartmann als Leiter der AMD abberufen und zum wissenschaftlichen Mitarbeiter im VEB Spurenmetalle Freiberg degradiert
  • 1977 - Eintritt in den Ruhestand
  • 1988 - Im März stirbt Hartmann enttäuscht und zurückgezogen in Dresden.

Hartmann begrüßt den KPdSU-Parteichef Chruschtschow (re.) auf der Leipziger Frühjahrsmesse, 1959; Quelle: Technische Sammlungen DresdenHartmann begrüßt den KPdSU-Parteichef Chruschtschow (re.) auf der Leipziger Frühjahrsmesse, 1959 Quelle: Technische Sammlungen Dresden

Literaturhinweise

  • Reinhard Buthmann, Kadersicherung im Kombinat VEB Carl Zeiss Jena. Die Staatssicherheit und das Scheitern des Mikroelektronikprogramms, Berlin 1997.
  • ders., Hochtechnologien und Staatssicherheit. Die strukturelle Verankerung des MfS in Wissenschaft und Forschung der DDR, 2. durchges. Aufl., Berlin 2000.
  • ders., "Vergesst mir die Wissenschaft nicht!" Die bürgerliche naturwissenschaftlich-technische Intelligenz der DDR an der Nahtstelle des Machtwechsels von Ulbricht zu Honecker, in: Die Hochschule 11 (2002), S. 59 - 83.