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Karl-Heinz Kurras in den Akten der Stasi

Polizist, Stasi-Informant, Todesschütze von Benno Ohnesorg

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration in West-Berlin von einem Polizisten namens Karl-Heinz Kurras erschossen. Der Tod von Benno Ohnesorg - das Erschießen eines Studenten durch die Staatsmacht – wurde zu einem symbolischen Akt. Die Tat radikalisierte Teile der Studentenbewegung und wurde zum Namensgeber der linksterroristischen "Bewegung 2. Juni". Eine ausführliche Geschichte zum Geheimen Mitarbeiter "Otto Bohl" alias Karl-Heinz Kurras ist auch in der Stasi-Mediathek abrufbar.

Das SED-Parteibuch von Karl-Heinz Kurras.Das SED-Parteibuch von Karl-Heinz Kurras. Quelle: MfS, GH, Nr. 2/70, BD 17, Bl. 292b

Als im Jahr 2009 die Akte des Todesschützen Karl-Heinz Kurras im Stasi-Unterlagen-Archiv recherchiert wurde, war die darin enthaltende Dokumentation seiner Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR eine kleine Sensation. Das Outing des Polizisten als Stasi-Informant gab Anlass zu Spekulationen. War der Todesschuss auf den Studenten etwa eine geplante Aktion der Stasi?

In den Akten ist das nicht dokumentiert. Stattdessen zeigt sich auch sein Führungsoffizier Eiserbeck in erster Reaktion geschockt. "Es ist zur Zeit noch schwer zu verstehen, wie dieser GM [Geheimer Mitarbeiter, gemeint Kurras] eine solche Handlung, auch wenn im Affekt oder durch Fahrlässigkeit hervorgerufen, begehen konnte, da sie doch ein Verbrechen darstellt." In unmittelbarer Reaktion entschied das MfS: "Die Verbindung zum GM wird vorläufig abgebrochen." Kurras sollte alle Unterlagen und Hinweise auf seine Tätigkeit für die Stasi vernichten.

Mit dem Todesschuss steuerte Karl-Heinz Kurras seine Agententätigkeit ins Aus, eine Tätigkeit, die zwölf Jahre zuvor begonnen hatte.

Funkspruch zwischen Kurras und dem FO Eiserbeck.Funkspruch zwischen Kurras und dem FO Eiserbeck. Quelle: BStU, MfS, GH, Nr. 2/70, Bd. 17, Bl. 249

GM und Parteimitglied

Die Karriere des Karl-Heinz Kurras als "inoffizieller Mitarbeiter" des MfS, damals GM oder "geheimer Mitarbeiter" genannt, begann am 26. April 1955. Dieses Datum steht auf der "Verpflichtungserklärung", in der auch sein Deckname "Otto Bohl" zu lesen ist. Kurras schien eine ideologische Nähe zum Sozialismus zu haben. In Unterlagen wird er zumindest so eingeschätzt. "Die Mitarbeit des GM ist Überzeugungssache."

Von da an berichtete er regelmäßig über das Innenleben der West-Berliner Polizei. Kurras arbeitete zunächst im Einsatz-Kommando der Schutzpolizei in Berlin-Charlottenburg. Von dort lieferte er alle ihm bekannt gewordenen Interna wie Dienstanweisungen, Alarmordnungen, Informationen über laufende Ermittlungen, Stimmungsberichte und Persönlichkeitsprofile seiner Kollegen und vieles mehr. Die Übergabe seiner Informationen fand in West-Berlin über eine Kurierin des MfS statt, er hatte aber auch telefonischen und Funkkontakt zur Stasi und fuhr regelmäßig nach Ost-Berlin zu Treffen in eine "konspirative Wohnung" (KW), was in der ersten Phase seiner Tätigkeit, vor dem Mauerbau, einfacher war.

Am 15. Dezember 1962 stellte Karl-Heinz Kurras einen Aufnahmeantrag in die SED, in "ehrlicher Überzeugung.., daß die SED mit ihrer Zielsetzung den wahren demokratischen Willen verkörpert, ein demokratisches Deutschland zu schaffen." Er erklärte, dass er sich der Bedeutung dieses Schrittes voll bewusst sei und seine ganze Kraft für die Partei einsetzen werde. Im Juli 1964 wurde der Kandidat Kurras in die Partei aufgenommen.

In der West-Berliner Polizei nahm Kurras Karriere Fahrt auf. Er wechselte zur Kriminalpolizei und erhielt von der Stasi den Auftrag, sich zu bemühen, in die Abteilung I versetzt zu werden. Im Januar 1965 begann Kurras seinen Dienst tatsächlich in dieser Abteilung, die u.a. dafür zuständig war, die West-Berliner Polizei gegen Infiltrierungsversuche des Ostens abzusichern. "Otto Bohl" lieferte umfangreich, mit vielen Details und geheimen Schriftstücken. Der sensibelste Bereich der West-Berliner Polizei war nun für die Stasi ein offenes Buch.

Der 2. Juni 1967 in der Akte GM "Otto Bohl"

Die Ereignisse des 2. Juni 1967 sind in der Akte zum GM "Otto Bohl" u. a. durch Zeitungsausschnitte westdeutscher, West-Berliner und DDR-Zeitungen dokumentiert. In Bezug auf den Todesschützen unternahm das MfS eine umfassende Evaluierung der Person Karl-Heinz Kurras und der Tätigkeit des GM "Otto Bohl". Sie trägt das Datum vom 8. und 9. Juni 1967. In diesem umfangreichen "Auskunftsbericht" zieht das MfS eine Bilanz der Arbeit und ordnet an, dass "zur Zeit keine Verbindung zum GM aufgenommen" werden soll. Die gesamte Ausbeute der Tätigkeit des "Otto Bohl" fasst das MfS in einer Analyse auf 24 Seiten zusammen.

Kurras verschwindet im Stasi-Archiv

Aus dem GM "Otto Bohl", einem Spion des MfS in der West-Berliner Polizei, war nach den Todesschüssen ein brisantes Politikum geworden. In unmittelbarer Folge wurde seine Existenz im Stasi-Archiv verschleiert. Es galt nun auch MfS-intern in besonderem Maße, seine Enttarnung als Stasi-Agent zu verhindern. In der Personenkartei F-16, in der die Klarnamen von erfassten Personen gespeichert wurden, wurde seine Karteikarte entfernt. Einige Monate nach der Tat beantragte am 14. November 1967 der Leiter der Arbeitsgruppe Sicherung des Reiseverkehrs, Oltn. Opitz, die sofortige und ständige Einreisesperre gegen Kurras, da er der "Mörder des westdeutschen Studenten Benno Ohnesorgs" sei . Dem Antrag ging routinemäßig eine Anfrage in den Zentralen Karteien des MfS zur Person Kurras voraus. Die Auskunft lautete "nicht erfaßt". Dieses Dokument belegt, dass seitdem die Information über Kurras inoffizielle Tätigkeit für die Stasi selbst innerhalb des MfS absolut geheim blieb. Die dazugehörigen 17 Aktenbände wurden im Archiv des Ministeriums gesondert in der sogenannten Geheimen Ablage unter der Signatur GH 2/70 verwahrt und waren damit nur noch einem kleinen ausgewählten Zirkel oberster Führungskader des MfS zugänglich.

Überwachungsfoto von Karl-Heinz Kurras vom 24. März 1976. Aufgenommen vor dem "Haus des Lehrers"Überwachungsfoto von Karl-Heinz Kurras vom 24. März 1976. Aufgenommen vor dem "Haus des Lehrers" Quelle: MfS, GH, Nr. 2/70, BD 17, Bl. 102

Festgehalten ist lediglich ein weiterer Treff im März 1976, neun Jahre nach den Todesschüssen. Sein langjähriger Führungsoffizier hielt in seinem "Bericht" über die Begegnung fest, dass Kurras zu dem "damaligen Vorkommnis… sinngemäß [sagte], daß er sich nichts vorzuwerfen hatte und nichts bereut." Außerdem, so bot Kurras von sich aus an, sei er mit einer erneuten Zusammenarbeit einverstanden. Zwar empfahl der Führungsoffizier, die Verbindung vorsichtig wieder aufzubauen, doch gibt es keine weitere Dokumentation dazu.

Im Mai 1986 wies der Stellvertretende Minister Generalleutnant Neiber an, die interne Verschleierung der Stasi-Tätigkeit von Kurras aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig wurde sein Name in Verbindung mit einem Sicherungsvorgang namens "Vorstoß" wieder in das Karteisystems des MfS eingespeist. Kurras wurde zum Ende des Jahre 1987 mit 60 Jahren pensioniert. Nach wie vor gab es innerhalb des MfS strikte Sonderregelungen für die Beauskunftung von Anfragen zu Kurras, die unter dem Code "Rose" genau geregelt waren. Nach wie vor habe er als "nicht erfaßt" zu gelten und nur wenige hatten Zugang zu den Unterlagen. So blieb das Geheimnis gewahrt - bis zu seiner Enttarnung im Jahr 2009. Kurras starb im Dezember 2014.

Weitere Literatur:

Ein Zufallsfund? Der besondere Weg zu den Kurras-Akten

Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit

"Staatsgeheimnisse von zentraler Bedeutung". Die "Geheime Ablage" der Abteilung XII.
Karsten Jedlitschka in: "Das Gedächtnis der Staatssicherheit. Die Kartei- und Archivabteilung des MfS", Karsten Jedlitschka / Philipp Springer (Hg.)

Marc Tschernitschek: Der Todesschütze Benno Ohnesorgs: Karl-Heinz Kurras, die Westberliner Polizei und die Stasi. Tectum, Marburg 2013
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