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Udo Lindenberg, Ost-Berlin und die Stasi-Akten

Vor 30 Jahren, am 25. Oktober 1983, spielte Udo Lindenberg zum ersten und vor dem Mauerfall einzigen Mal in der DDR. 15 Minuten dauerte der Auftritt des westdeutschen Rockers beim Friedensfestival der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) in Ostberlin. In dieser Hochphase des "Kalten Krieges" löste der Auftritt bei der Stasi einen umfangreichen Einsatz aus, nicht zuletzt, weil Udo Lindenberg ein steter Kritiker der Mauer war.

Eine eigens erstellte Broschüre gibt anhand vieler MfS-Dokumente einen Überblick.

Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm  Udo rockt für den Weltfrieden (PDF, 9MB, Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm)

Udo Lindenberg und der "Sonderzug"

Udo Lindenberg auf der Bühne im großen Saal des Palastes der Republik 1983Udo Lindenberg auf der Bühne im großen Saal des Palastes der Republik 1983 Quelle: BStU, MfS, ZOS 1826, Bild 062/10

Am 7. Februar 1983 hatte Udo Lindenberg das Lied vom "Sonderzug nach Pankow" veröffentlicht. Darin malt er sich aus, mit dem Zug von West- nach Ost-Berlin zu fahren und in der DDR aufzutreten. Ein Traum, der in der "Frontstadt" des Kalten Krieges nicht nur auf Begeisterung stieß. Das Lied wurde in der DDR quasi verboten. Wer es öffentlich abspielte, musste mit einer Geldstrafe rechnen. Die Stasi analysierte den ironischen Text sogleich in einer "rechtlichen Einschätzung".

Auftritt des "verbotenen" Rockers

Die nach dem NATO-Doppelbeschluss in westeuropäischen Ländern entstandene Friedensbewegung war 1983 auf einem Höhepunkt. Die DDR-Führung versuchte, sie ideologisch für die "Friedensbotschaft" des Ostblocks zu vereinnahmen. Dabei ging es auch darum, führende Köpfe der westlichen Friedensbewegung im Osten sprechen zu lassen oder Künstler, die sich für den Frieden engagierten, zu präsentieren.

Für das für den 25. Oktober 1983 geplante Friedensfest der SED-Jugendorganisation FDJ im Palast der Republik in Ost-Berlin sollte der für sein Friedensengagement bekannte US-Sänger Harry Belafonte auftreten. Sein westdeutscher Konzertmanager Fritz Rau stellte eine Bedingung: Belafonte tritt auf, wenn auch Udo Lindenberg singen darf. Zähneknirschend stimmte die ostdeutsche Seite zu – wenn Lindenberg den "Sonderzug" nicht singt.

Friedensfest unter Beobachtung

Von da an begleiten verschiedene Diensteinheiten der Stasi die Vorbereitungen, das Konzert und die Reaktionen. Die Geheimpolizei protokolliert, wie im Lande über Lindenbergs Auftritt diskutiert wird. Inoffizielle Mitarbeiter (IM) berichten über die Reaktionen auf die Auftrittserlaubnis, über die Eintrittskartenvergabe, die Konzertvorbereitungen. Nur ausgewählte FDJ-Mitglieder sollen Karten erhalten.

Vor dem Palast der Republik geparkte Busse der VeranstaltungsbesucherVor dem Palast der Republik geparkte Busse der Veranstaltungsbesucher Quelle: BStU, MfS, SdM, Fo 0022, Bild 001

Die Stasi-Bezirksverwaltung Berlin hat die Veranstaltung "abzusichern" und bringt am Tage des Konzertes über 400 Mitarbeiter zum Einsatz. "Provokationen und andere negativ-feindliche Handlungen" wie etwa "Sympathiebekundungen für den BRD-Sänger Udo Lindenberg in der Öffentlichkeit" sind zu verhindern. Dazu werden "Schwerpunkträume" im Stadtzentrum verstärkt beobachtet. Die Stasi kooperiert eng mit der Volkspolizei.

"Zuführungspunkte" für festgenommene Personen werden eingerichtet. Kriminalpolizisten, kontrolliert von Stasi-Mitarbeitern, vernehmen die "Zugeführten". Die S-Bahnhöfe im Stadtzentrum und die Fernbahnhöfe werden überwacht. Pläne und Absichten "feindlich-negativer Kreise Jugendlicher im Zusammenhang mit der Veranstaltung" sind aufzuklären. Der gesamte Bereich vor dem Palast wird abgesperrt, Posten der Volkspolizei und der Stasi kontrollieren die Zugänge.

Das Ministerium für Staatssicherheit ist darauf vorbereitet, mögliche Störer festzunehmen. Lindenberg gilt als "feindlich-dekadent" und entsprechend misstrauisch betrachtet die Stasi seine jungen Fans. Die Erinnerungen des Fotografen und Lindenberg-Fans Nikolaus Becker an seine Verhaftung und die Behandlung durch die Polizei landeten später in den Stasi-Akten.

Udo Lindenberg wird am Grenzübergang Invalidenstraße von Fans und Pressevertretern empfangenUdo Lindenberg wird am Grenzübergang Invalidenstraße von Fans und Pressevertretern empfangen Quelle: BStU, MfS, HA VI, 974, Bild 6/015

Stasi-Mitarbeiter an der Grenze beobachten und fotografieren Lindenbergs Einreise und sie haben Dutzende von Medienvertretern, die das Ereignis begleiten, voll im Blick. Außerdem hat die Stasi auch einen IM im Einsatz, der aus dem engeren Umfeld von Lindenberg zu berichten weiß.

Entgegen dem Protokoll zeigt sich Lindenberg am Bühneneingang des Palastes der Republik seinen Fans und wird von ihnen begeistert gefeiert.

Lindenberg-Fans vor dem Bühneneingang des Palastes der RepublikLindenberg-Fans vor dem Bühneneingang des Palastes der Republik Quelle: BStU, MfS, HA XX, Fo 0934, Bild 0007

Lindenberg-Tournee durch die DDR?

Die für den Sommer 1984 angedachte DDR-Tournee von Udo Lindenberg wird nach dem Auftritt im Palast der Republik von der ostdeutschen Seite abgesagt. Wegen der geplanten Tour hatte es, das ist dokumentiert, intern Verstimmungen gegeben. In einem Brief an Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann erbost sich der Generaldirektor der Künstleragentur der DDR, Hermann Falk, dass er von dieser Konzert-Tournee nichts erfahren habe und sie auch nicht organisieren solle.

Erst Anfang 1990 – Honecker ist gestürzt, die Mauer gefallen – kann Lindenberg endlich durch die DDR touren. In Suhl, Erfurt, Leipzig, Magdeburg, Schwerin und Rostock jubeln die Fans ihm zu.

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