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Schauprozess gegen Walter Janka

Vor 60 Jahren wurde der Verleger zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt

Am 26. Juli 1957 wurde das Urteil gegen den innerparteilichen SED-Kritiker Walter Janka verkündet. Fünf Jahre Zuchthaus wegen Unterstützung "staatsfeindlicher" Tätigkeiten.

Das Urteil ist hart. Die Verurteilung des Verlegers und Sozialisten Walter Janka am 26. Juli 1957 zu fünf Jahren Zuchthaus ist von der Staatsführung als eine Warnung an alle Andersdenkenden und kritischen Geister in der DDR gemeint. Anders kann man die unerbittliche Haltung der Staatsanwaltschaft und des Gerichtes nicht interpretieren.

Walter Jankas Lebenslauf ist für einen Kommunisten nahezu vorbildlich. Verfolgt von den Nazis, 1933 inhaftiert und dann ausgewiesen, meldet er sich 1936 zum freiwilligen Einsatz gegen Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg. Nach dem Krieg kehrt er 1947 in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands zurück.

Später wird er Leiter des schon bald international renommierten Aufbau-Verlages. Dass dieser zum Beispiel auch die Werke von Thomas Mann herausbringen kann, ist nicht unwesentlich Jankas Verdienst. Janka - und der bereits kurz zuvor zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilte Wolfgang Harich, Cheflektor des Aufbau Verlags - gehören 1956 zur innerparteilichen Opposition. Mit weiteren kommunistischen Intellektuellen diskutieren sie über grundsätzliche Reformen in der DDR, ohne jedoch das sozialistische System als solches in Frage zu stellen.

Es geht Janka vor allem um mehr geistige Freiheit und mehr demokratische Mitwirkung. Erst spät interessiert sich die Stasi für die intellektuellen Opponenten. Angetrieben von SED-Chef Walter Ulbricht versucht sie dann umso vehementer, "staatsverräterische" Umtriebe beim Aufbau-Verlag aufzudecken und entsprechende "Beweise" für den Prozess beizubringen.

Kurzes Tauwetter und neuer Frost im Ostblock

Die Reformdiskussionen der DDR-Intellektuellen stehen im Kontext des sowjetischen "Tauwetters", der Entstalinisierung und der damit verbundenen Reformpolitik. Nach Stalins Tod 1953 hatte Parteichef Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 in seiner berühmt gewordenen "Geheimrede" den Personenkult um seinen Vorgänger kritisiert. Er verurteilte einige Auswüchse des stalinistischen Terrors - ein Silberstreif am Horizont für die Bevölkerung auch der anderen Ostblockstaaten. Es herrscht vorsichtige Aufbruchstimmung. Vor allem Intellektuelle und Kulturschaffende hoffen auf größere Entfaltungsmöglichkeiten und politische Reformen.

Die Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn im November 1956 beendet jedoch das politische "Tauwetter" abrupt. Die neuerliche politische Eiszeit zeigt, dass Moskau und die Politbürokraten in seinen Satellitenstaaten entschlossen sind, innerparteiliche Kritik und reformkommunistische Konzepte im Keim zu ersticken. Sie wollen eine Gefährdung ihrer Macht auch zukünftig ausschließen. Walter Ulbricht profiliert sich dabei auch gegenüber den "Bruderstaaten" als Hardliner. Im Dezember 1956, kurz nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands, wird Janka von der Stasi verhaftet und beschuldigt Mitglied einer "staatsfeindlichen" Gruppe zu sein. Gut ein halbes Jahr später beginnt die Gerichtsverhandlung.

Tondokumente

Auszüge aus Mitschnitten des Prozesses gegen Janka und andere, die sich im Bestand der Hauptabteilung IX des MfS, dem "Untersuchungsorgan" befinden, werden hier erstmals online gestellt. Die Tondokumente verdeutlichen den Ablauf des Schauprozesses und zeugen von dem Mut des Hauptangeklagten Walter Janka, der nicht von seinen Überzeugungen abweicht.

Die Anklage begründet die "Staatsfeindlichkeit" der Gruppe um Walter Janka. Als "aktive Mitglieder" der Gruppe um Harich hätten die Beschuldigten "konterrevolutionäre" Interessen verfolgt. Es sei ihr Ziel gewesen "die Staatsmacht der Deutschen Demokratischen Republik zu liquidieren."

Das Plädoyer des Generalstaatsanwalts Ernst Melsheimer nennt die reformorientierten Konzepte der Angeklagten "Anschläge gegen den Frieden und den Bestand des Staats". Er stellt sie in einen Zusammenhang zu Geschehnissen im "sozialistischen Lager".

Walter Janka ist im Prozess der erklärte Hauptfeind, auch wenn sich sein Lebenslauf wie die Vita eines Vorzeige-Kommunisten anhört. Selbst die Anklage schildert ausführlich Jankas Einsatz für die sozialistische Idee, so u.a. im nationalsozialistischen Deutschland und im faschistischen Spanien.

Auch nach einem halben Jahr im Untersuchungsgefängnis der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen bleibt Janka unbeirrt bei seinen Reformvorschlägen. Er fordert eine verstärkte Demokratisierung, die Förderung des parlamentarischen Lebens und die Entbürokratisierung der Wirtschaft.

Janka ruft vor Gericht dazu auf, die Macht der Staatssicherheit zu beschränken und sie stärker durch die Partei zu kontrollieren. Er regt sogar an, die Geheimpolizei einer Kontrolle durch die "parlamentarischen Einrichtungen" der DDR zu unterziehen.

Walter Janka äußerst sich zu einem Gespräch mit Wolfgang Harich. Dabei erwähnt er als Thema eine mögliche Wiedervereinigung und in diesem Zusammenhang die Kooperation mit den Sozialdemokraten.

Das Urteil fällt nach wenigen Verhandlungstagen. Mit Hinweis darauf, dass er die "staatsfeindlichen" Tätigkeiten des bereits verurteilten Wolfgang Harichs gefördert habe, wird Walter Janka von den vier Angeklagten dieses Prozesses die "schwerste Schuld" zugewiesen.

Nach lang anhaltenden internationalen Protesten wird Walter Janka, der einen großen Teil seiner Haft in erschwerter Einzelhaft verbringt, 1960 freigelassen. Trotz der erlebten Repressionen hält er an der sozialistischen Idee fest. 1989 verleiht ihm die DDR den "Vaterländischen Verdienstorden" - als Würdigung seiner Leistungen für die sozialistische Gesellschaftsordnung der DDR. 1994 stirbt er in Kleinmachnow bei Berlin.

Literaturhinweise

  • Brigitte Hoeft (Hrsg.): Der Prozess gegen Walter Janka und andere, Eine Dokumentation, Berlin 1990
  • Manfred Jäger: Zum Tode von Walter Janka, in: Deutschland Archiv 5, 1994
  • Walter Janka: Spuren eines Lebens, Berlin 1991
  • Walter Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Reinbek bei Hamburg, 1990

Pressesprecherin

Dagmar Hovestädt

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