Navigation und Service

"Aktion Ungeziefer"

Vor 60 Jahren ließ die Stasi tausende Bürger aus dem Grenzgebiet der DDR aussiedeln.

Ein Rückblick: Die Weltpolitik der 1950er Jahre steht im Zeichen des Kalten Krieges und an dessen vorderster Front: die beiden deutschen Staaten. Hier treffen die Westmächte unter Führung der USA und der Ostblock unter Führung der Sowjetunion direkt aufeinander.

Die innerdeutsche Grenze ist die Nahtstelle der verfeindeten Systeme und gleichzeitig Kontaktpunkt der Menschen in Ost und West – in den Augen der DDR-Führung eine Gefahr, der mit einem Ausbau der Grenzanlagen begegnet werden soll. Im Mai 1952 wird ein rund 5 km breiter Streifen an der innerdeutschen Grenze abgeriegelt und zur Sicherheitszone deklariert. Unter dem Tarnnamen „Aktion Ungeziefer“ startet das Ministerium für Staatssicherheit die Zwangsaussiedlung tausender Bewohner des Grenzgebietes. 

Zum Schutz der Deutschen Demokratischen Republik

Am 26. Mai 1952 erlässt die DDR-Regierung auf Geheiß der Sowjetunion die "Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands" und beschließt damit verstärkte Sicherungsmaßnahmen an der Grenze. Die Begründung: Schutz vor "Grenzprovokationen" durch die Bundesrepublik und die Westmächte, deren Ziel es sei, mit  ihrer "Spaltungspolitik" die "Erfolge des friedlichen wirtschaftlichen und kulturellen Aufbaus" der DDR zu verhindern. Im Wortlaut der DDR-Propaganda heißt das so:

"Das Fehlen eines entsprechenden Schutzes der Demarkationslinie seitens der Deutschen Demokratischen Republik wird von den Westmächten dazu ausgenutzt, um in immer größerem Umfange Spione, Diversanten, Terroristen und Schmuggler über die Demarkationslinie in das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu schleusen. Diese haben nach Ausführung ihrer verbrecherischen Aufgaben bislang leicht die Möglichkeit, ungehindert über die Demarkationslinie nach Westdeutschland zurückzukehren. …
Durch diese Handlungen der amerikanischen, englischen und französischen Besatzungsmächte und der Bonner Regierung sieht sich die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, die die Verteidigung der Interessen der Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik zum Ziele haben und die das Eindringen von feindlichen Agenten in das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik unmöglich machen."
zit. aus: BStU, MfS, BV Suhl, KD SLZ 17, Bl. 127


Errichtung einer Sonderzone

Den Auftrag zur Sicherung der innerdeutschen Grenze und zur Einrichtung einer „besonderen Sperrzone“ mit einer "besonderen Ordnung" erhält das Ministerium für Staatssicherheit. In unmittelbarer Nähe der Demarkationslinie soll die Sperrzone einen 10 m breiten Kontrollstreifen aufweisen, gefolgt von einem 500 m breiten Schutzstreifen und einem rund 5 km breiten Sperrgebiet. Insgesamt nimmt das Gebiet entlang der rund 1400 km langen Grenze eine Fläche von 3000 km² ein.

Wilhelm Zaisser, erster Minister für Staatssicherheit bis zum Juli 1953, erlässt eine Polizeiverordnung, die für die gesamte Sperrzone Sonderregelungen festlegt. Mit ihrem Inkrafttreten am 27. Mai unterliegen Anwohner und Besucher des Gebietes strengen Meldeauflagen und staatlich vorgegebenen Verhaltensregeln. Besucher und Berufspendler erhalten „Passierscheine“, sie müssen sich bei „Einreise“ anmelden und beim „Verlassen“ des Gebietes abmelden. Die Sperrzone wird zu einer Sonderzone innerhalb der DDR mit detailliertern Regeln.

  • Kontrollstreifen

„Das Überschreiten des 10 m Kontrollstreifens ist für alle Personen verboten. Personen, die versuchen den Kontrollstreifen in Richtung der Deutschen Demokratischen Republik oder Westdeutschland zu überschreiten, werden von den Grenzstreifen festgenommen. Bei Nichtbefolgung der Anordnung der Grenzstreifen wird von der Waffe Gebrauch gemacht.“
zit. aus: Polizeiverordnung, 27.5.1952, in: BStU, MfS-BdL/Dok., Nr. 005120, Bl. 3

  • Schutzstreifen

„Innerhalb des 500 m Schutzstreifens ist der Aufenthalt auf Strassen und Feldern, der Verkehr aller Arten von Transportmitteln und die Ausführung von Arbeiten aller Art ausserhalb der Wohnungen nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gestattet … Zum Aufsuchen der Arbeitsplätze ausserhalb der Ortschaften dürfen nur die von der Grenzpolizei vorgeschriebenen Wege benutzt werden. ... Öffentliche Gaststätten, Kinos, Pensionen, Erholungsheime und andere öffentliche Lokale, die sich in diesem 500 m Schutzstreifen befinden, werden geschlossen. Versammlungen und Massenveranstaltungen jeder Art sind verboten.“
zit. aus: Polizeiverordnung, 27.5.1952, in: BStU, MfS-BdL/Dok., Nr. 005120, Bl. 6f.

  • Sperrzone

"In der 5 km Sperrzone sind alle öffentlichen Versammlungen, Kundgebungen und Massenveranstaltungen jeder Art genehmigungspflichtig. ….Alle Versammlungen, Veranstaltungen usw. müssen bis 22.00 Uhr beendet sein."
zit. aus: Polizeiverordnung, 27.5.1952, in: BStU, MfS-BdL/Dok., Nr. 005120, Bl. 4

Polizeiverordnung, 27.5.1952, Quelle: BStU, MfS-BdL/Dok., Nr. 005120

Dienstanweisung des Ministeriums des Innern, Nr. 2/52,1.8.1952 Quelle: BStU, MfS-BdL/Dok, Nr. 015716



Generalstabsmäßig aus den Häusern gejagt

Zur weiteren Sicherung des Gebietes weist das Ministerium des Innern die Volkspolizei an, alle in der Sperrzone lebenden Bürger zu überprüfen und in ihrer Grundhaltung zur DDR einzuschätzen. Personen, die als politisch unzuverlässig gelten, sollen ausgewiesen werden. Die Zwangsumsiedlung als abschreckende Maßnahme, Willkür, Denunzierung und Diskriminierung sind Tür und Tor geöffnet.

Der Kreis der Auszusiedelnden:

„Was wird ausgesiedelt: Alle antidemokratischen Elemente, Angehörige der SS, aktive Nazi, Offiziere, reaktionäre Umsiedler, reaktionäre Großbauern, alle Vorbestraften, alle deklasierten (deklassierten, Anmerkung der Redaktion) Elemente, alle belasteten Elemente, alle Ausländer, Staatenlose, aus der Westzone zugezogene, Leute mit Westverbindungen, alle 201, Grenzgänger und Schieber usw. (zurück bleiben nur fortschrittlich demokratische Kräfte).“ 
zit. aus: Bericht der Kreisverwaltung von Bad Salzungen, 21./22.5.1952 in: BStU, MfS, BV Suhl, KD SLZ 17, Bl. 116f.

Alle Personen, die ausgewiesen werden, müssen nach Bekanntgabe innerhalb von 48 Stunden die Sperrzone verlassen, ohne zu wissen, wo sie künftig wohnen werden. Allein die politische Führung entscheidet, wohin sie umgesiedelt werden, welchen Arbeitsplatz sie bekommen und in welcher Weise ihnen eine Entschädigung gewährt wird. Nur wenn Verwandte Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten beschaffen können, werden in Ausnahmefällen Wünsche der Ausgewiesenen berücksichtigt.  

Die Durchführung der Zwangsaussiedlungen ist generalstabsmäßig geplant. Mit den Listen der Auszuweisenden werden Dörfer und Städte durchkämmt. Die Betroffenen müssen in aller Eile ihre Häuser verlassen und werden mit ihrem Hab und Gut in Lastwagen und Zügen zu ihren neuen Wohnorten im Landesinneren verbracht.

In einem Bericht der Kreisverwaltung Bad Salzungen an die Landesverwaltung Thüringen vom 9.6.1952 z. B. werden 307 Familien bzw. 989 Personen genannt, die ausgesiedelt werden sollen – Landwirte, Geschäftsleute, Handwerker, Angestellte, Arbeiter, Hausfrauen, Rentner, die meisten im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, großenteils als kriminell oder „reaktionär-antidemokratisch“ abgestempelt.   

Nicht immer jedoch läuft die Zwangsaussiedlung ohne Komplikationen ab. Proteste, Demonstrationen, Widerstände gegen die Ausweisung und Fluchten über die Grenze verzögern  und stören den Ablauf der Aktion zum Teil erheblich. 

Kritik aus den eigenen Reihen wird laut:

"Die Aktion hätte politisch besser vorbereit sein müssen, das heißt ähnlich wie bei der Durchführung der Polizeiverordnung hätte man vorher Stimmungsberichte und Resolutionen von den Werktätigen und der Landbevölkerung erhalten müssen, die zum Ausdruck bringen konnten, daß die Regierung aufgefordert wird, entlang der Demarkationslinie bis in die Sperrzone bekannte Agentenzentralen zu liquidieren und unsichere Elemente zu entfernen. Dadurch wäre ein größeres Verständnis und eine bessere Mithilfe durch die Bevölkerung erfolgt.
Die Benachrichtigung hätte nicht 24 Stunden vorher erfolgen sollen, sondern kurzfristig geschehen müssen und den auszusiedelten (auszusiedelnden, Anmerkung der Redaktion) Personen von der Stunde der Benachrichtigung an der Verladeraum, die Arbeitskräfte und der Schutz der VP zur Verfügung stehen müssen. Dadurch wäre die große Zahl der Flüchtigen vermieden worden und der Widerstand, der zum Teil organisiert wurde, nicht möglich gewesen. …
Vor der Durchführung der Aktion hätte man die reaktionären Elemente unter den auszusiedelten (auszusiedelnden, Anmerkung der Redaktion) Personen durch Festnahme von der Masse isolieren müssen und direkt als Zwangsevakuierung behandeln müssen."
zit. aus: Bericht der Kreisverwaltung von Bad Salzungen, 9.6.1952 in: BStU, S, BV Suhl, KD SLZ 17, Bl. 21

Mit der "Aktion Ungeziefer" werden Tausende als "unsichere"  bzw. "kriminelle Elemente" stigmatisiert und innerhalb weniger Wochen auf menschenverachtende Weise aus der Sperrzone abtransportiert. Knapp zehn Jahre später – kurz nach dem Bau der Mauer im August 1961 – ordnet die DDR-Führung an der innerdeutschen Grenze eine weitere Zwangssaussiedlung durch. Auch sie raubt tausenden von DDR-Bürgern ihre Heimat. Eines hat sie gelernt: Ihre Tarnnamen besser auszuwählen. Die Aussiedlungen 1961 haben harmlos klingendere Namen wie "Aktion Festigung", "Aktion Kornblume" oder "Aktion Blümchen".   

 

 

Pressesprecherin

Dagmar Hovestädt

Telefon: (030) 23 24-71 71
Fax: (030) 23 24-71 79
E-Mail: presse@bstu.bund.de

Pressemitteilungen und Newsletter abonnieren

Wenn Sie die Pressemitteilungen oder den Newsletter des BStU per E-Mail abonnieren möchten, mailen Sie Ihre Kontaktdaten an:

presse@bstu.bund.de

Bei Fragen wenden Sie sich an:
Geschäftszimmer
Telefon: (030) 23 24-71 71

weiterlesen: Pressemitteilungen und Newsletter abonnieren …

Stasi Mediathek

Stasi-Akten online lesen: www.stasi-mediathek.de