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Die Hinrichtung des Stasi-Hauptmanns Werner Teske

Vor 35 Jahren wurde das letzte Todesurteil in der DDR vollstreckt

Vor 35 Jahren, am 26. Juni 1981, wurde das letzte Todesurteil der DDR an Dr. Werner Teske in Leipzig vollstreckt. Teske war Hauptmann der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR, die für die Auslandsspionage zuständig war. Teske wurde für einen geplanten Übertritt in den Westen mit dem Tode bestraft.

Biografie

Werner Teske wird im April 1942 in Berlin geboren. Er studiert an der Humboldt-Universität Volkswirtschaft und lässt sich 1967 als überzeugter Kommunist von der Staatssicherheit als inoffizieller Mitarbeiter anwerben. Zwei Jahre später wird er vom MfS als hauptamtlicher Mitarbeiter der HV A verpflichtet. Die Umstellung von der wissenschaftlichen zur geheimdienstlichen Arbeit fällt Teske, laut Beurteilung des MfS, schwer.

Zudem schließt seine Tätigkeit beim MfS ein wissenschaftliches Arbeiten an der Universität aus. Teske nimmt das in Kauf, doch es frustriert ihn mit den Jahren. Ab Mitte der 70er Jahre denkt er darüber nach, in den Westen zu fliehen. Dienstliche Unregelmäßigkeiten häufen sich. Teske nimmt geheimdienstliche Unterlagen mit nach Hause - ein Verstoß gegen die Regeln des MfS. Mehrmals hat er die Gelegenheit bei seinen Dienstreisen in die Bundesrepublik, die er im Auftrag des MfS tätigt, dort zu bleiben. Doch er tut es nicht. Als sein Fehlverhalten entdeckt wird, gesteht er nach langen Verhören seine Pläne. Für das MfS und den Richter am Militärstrafsenat spielt das bei der Urteilsfindung ebenso wenig eine Rolle wie sein Motiv.

Kleine Chronologie eines Unrechtsurteils:
Dokumente zum Fall Teske aus dem Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde

04. bis 11.09.1980 - Protokoll der Bearbeitung Teskes durch tagelange Stasi - "Aussprachen"

12.09.1980 - Bericht der Hauptabteilung Kader und Schulung des MfS über die "Aussprache" mit Teske, die mit einem Geständnis endet
"... am 11.9.1980 gegen 2:00 Uhr [entgegnete Hauptmann Dr. Teske], dass er 1978 die Absicht hatte, Verrat an der Deutschen Demokratischen Republik zu begehen ..."

10.06.1981 - Werner Teske bittet am Tag vor der Verurteilung um Gnade
„Ich bitte den hohen Senat bei seiner Urteilsverkündung, mir noch einmal die Chance einzuräumen, mir noch einmal die Möglichkeit zu geben, ein Leben mir einzurichten, in dem ich voll den gesellschaftlichen und gesetzlichen Normen der DDR entspreche.“

11.06.1981
In einem kurzen, nicht öffentlichen Prozess verurteilt der Erste Militärstrafsenat des Obersten Gerichts der DDR Werner Teske wegen "Verbrechens der Spionage im besonders schweren Fall und vorbereiteter Fahnenflucht im schweren Fall" zu einer lebenslangen Haft - eingetragen auf der Kerblochkartei der Hauptabteilung IX (Untersuchungsorgan des MfS).

12.06.1981
Einen Tag später steht in der Urteilsausfertigung das Todesurteil.

24.06.1981
Zwei Tage vor der Vollstreckung lässt der Ministerrat der DDR den Leiter der Strafvollzugseinrichtung wissen, dass der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker von seinem Gnadengesuch keinen Gebrauch macht und das Urteil in zwei Tagen zu vollstrecken ist.

26.06.1981
Das Todesurteil wird durch einen Genickschuss "ordnungsgemäß vollzogen". Das Vollstreckungsprotokoll vom 26.06.1981 listet die Uhrzeit 10.10 Uhr. Die Einäscherung wurde am gleichen Tag vorgenommen.

Karteikarte
Fortan gilt Werner Teske auf der Karteikader in der Abteilung Kader und Schulung als verstorben, "diszipliniert unter Aberkennung Dienstgrad und Auszeichnungen - Geheimnisverrat".

Hinrichtungen sind in der DDR ein Staatsgeheimnis. Der Name Teske wird aus allen Urkunden und Zeugnissen ausgelöscht. Frau und Tochter erhalten eine neue Identität. Erst nach dem Sturz des SED-Regimes erfährt seine Familie von der Vollstreckung des Todesurteils.

Verräter aus den eigenen Reihen

Das Ministerium für Staatssicherheit will mit der Verurteilung Werner Teskes ein Exempel statuieren. Der 1979 zum Bundesnachrichtendienst übergelaufene Werner Stiller und der 1979 wegen DDR-Spionage zum Tode verurteilte und hingerichtete MfS-Offizier Gert Trebeljahr, waren eine Schmach für das Ministerium für Staatssicherheit. Stasi-Chef Mielke lieferte im Jahr 1980 in einer "Geheimen Verschlusssache" das Motiv für die harte Bestrafung von Verrätern aus den eigenen Reihen:

"Verrat ist das schwerste Verbrechen, welches ein Angehöriger des MfS begehen kann. Die Partei und die Arbeiterklasse haben unserem Ministerium wichtige Aufgaben zum Schutz der Arbeiter -und -Bauern -Macht anvertraut, haben bedeutsame Machtmittel in unsere Hände gelegt. Wer dieses Vertrauen durch schmählichen Verrat hintergeht, den muss die härteste Strafe treffen."
Dokument des Ministers

"Wir sind nicht davor gefeit, dass wir mal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich das schon jetzt wüsste, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzen Prozess. Weil ich ein Humanist bin. Deshalb habe ich solche Auffassung.[...] Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil."

Insgesamt verhängten die Gerichte seit Gründung der DDR 231 Todesurteile, von denen nach derzeitigem Kenntnisstand 160 vollstreckt wurden. Bei 5 Fällen ist bis heute nicht geklärt, ob die Todesstrafe tatsächlich angewandt wurde. 52 wegen politischer Delikte, 64 wegen Nazi-Verbrechen und 44 wegen gewöhnlicher Kriminalität.

Statistik: Todesurteile der SBZ/DDR - Justiz 1945 - 1981

Zum Thema:

Auf der Webseite des Bürgerkomitee Leipzig e.V. finden sich weitere Informationen zum Fall Werner Teske, u.a. in dieser Pressemitteilung.

Das Komitee bemüht sich seit Jahren, die Hinrichtungsstätte in Leipzig als Gedenkort zu erhalten und auszubauen:
Geschichte der Hinrichtungsstätte in Leipzig

Artikel auf der Webseite der Berliner Zeitung: "Genickschüsse im Namen des Volkes"

Artikel auf der Webseite von Spiegel online: "Der Henker kam von hinten"

Artikel auf der Webseite Der Tagesspiegel: "Todesstrafe in der DDR"

Pressesprecherin

Dagmar Hovestädt

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