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"…diszipliniert und ohne Aufsehen..."

Recherchen im Stasi-Archiv über eine erfolgreiche Kirchenbesetzung

Die Dreifaltigkeitskirche "St. Nikolai" im thüringischen Eisfeld, mit deren Bau bereits um 1480 begonnen wurde, blickt auf eine ereignisreiche Geschichte zurück. Das altehrwürdige Gotteshaus wurde im September 1988 Schauplatz einer Protest-Aktion, die sich tief in das Gedächtnis der damals beteiligten Personen eingeprägte. Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Geschichte lesen am authentischen Ort" erinnerte die Außenstelle Suhl des BStU an diese Tage.

Der Mitarbeiter der Außenstelle Suhl des BStU, Sascha Münzel, trug die Sicht des MfS und weiterer "staatlicher Organe" auf die Kirchenbesetzung in Eisfeld vor.    Der Mitarbeiter der Außenstelle Suhl des BStU, Sascha Münzel, trug die Sicht des MfS und weiterer "staatlicher Organe" auf die Kirchenbesetzung in Eisfeld vor. Quelle: Wolfgang Swietek

Eisfeld zählte damals knapp 5.000 Einwohner und war hinsichtlich seiner geografischen Lage vor allem durch die nur wenige Kilometer entfernte innerdeutsche Grenze geprägt. Das Grenzregime, also die Stasi-Passkontrolleure, die Angehörigen der Grenztruppen sowie deren Freiwillige Helfer, bestimmten den Alltag der Kleinstadt.

Im September 1988 verteilte die Kirchengemeinde Eisfeld ein zweiseitiges Informationsblatt. Darin wurde auf die kurz bevorstehenden Feierlichkeiten zur 500-Jahrfeier der Dreifaltigkeitskirche verwiesen. So hieß es: "Mit großer Dankbarkeit sehen wir auf 500 Jahre zurück, in denen Menschen in diesem Gotteshaus gesegnet wurden, unsere Vorfahren und wir selbst." Auf der zweiten Seite war zu lesen: "Nur für innerkirchlichen Dienstgebrauch." Dessen ungeachtet landeten die Seiten in einer Materialsammlung der für die "Bearbeitung" der Kirchen zuständigen Abteilung XX/4 der Suhler Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

Von der Stasi archiviert: Kircheninterner Veranstaltungshinweis zur 500-Jahrfeier der Eisfelder Dreifaltigkeitskirche. Von der Stasi archiviert: Kircheninterner Veranstaltungshinweis zur 500-Jahrfeier der Eisfelder Dreifaltigkeitskirche im September 1988. Quelle: BStU, MfS, BV Suhl, AKG, Nr. 244, S.15 (Ausschnitt)

Verzweiflung - Ausweglosigkeit - Courage

Zu dieser Zeit gab es eine Reihe recht verzweifelter Familien in der Umgebung, denen die DDR-Behörden kategorisch eine Ausreise versagten. Deren Gefühl der absoluten Ausweglosigkeit war enorm. Sie hatten bereits mehrere Termine beim Rat des Kreises Sonneberg/Abteilung Inneres wahrgenommen und waren doch stets bezüglich ihres Anliegens, nämlich die DDR verlassen zu dürfen, enttäuscht worden. Sinngemäß bekamen sie oftmals zu hören: "Ob Sie übersiedeln können, bestimmen einzig und allein wir!" Ferner adressierten sie Dutzende von Eingaben an diverse staatliche Stellen in Suhl und in Ostberlin. Wie wir heute wissen, erreichten diese Schriftstücke oftmals gar nicht ihre Adressaten, denn sie wurden bereits in der "Postkontrolle" der ostdeutschen Geheimpolizei herausgefiltert und einbehalten. Ein nicht geringer Teil von ihnen wurde bereits seit Jahren durch die zuständige Kreisdienststelle Sonneberg des MfS "operativ bearbeitet".

Auch unter diesen Familien sprach sich das Kirchenjubiläum herum. Heimlich wurde sich verabredet, eine Kirchenbesetzung in Eisfeld zu wagen. Doch wie lief die Kirchenbesetzung ab? Am 6. September 1988 gegen 13.30 Uhr sprachen etwa zehn Personen beim damaligen Superintendenten in Eisfeld vor. Sie sagten, sie wollten die Kirche in Vorbereitung der 500-Jahrfeier besichtigen. Während der Führung betraten immer mehr Personen das Gotteshaus, bis schlussendlich 18 Erwachsene und 14 Kinder in der Kirche versammelt waren.

Kurze Zeit später stellte sich eine männliche Person vor den Altar und verkündete, dass sie alle Ersuchende auf Übersiedlung in die Bundesrepublik aus dem Kreis Sonneberg seien und eine - wenn nötig - spektakuläre Absage der 500-Jahrfeier der Dreifaltigkeitskirche erzwingen wollen. Er führte weiter aus, dass die Versammelten das Gotteshaus nicht eher verlassen werden, bis folgende Forderungen erfüllt würden: 1. Straffreiheit der Aktion und 2. eine schriftliche Zusage, dass ihre Übersiedlungsanträge in den nächsten Wochen genehmigt werden.

Die Demonstranten nutzten den kirchlichen Freiraum hinter dem Portal der Dreifaltigkeitskirche.Die Demonstranten nutzten den kirchlichen Freiraum hinter dem Portal der Dreifaltigkeitskirche - und brachten Stasi und Kirchenleitung in ein Dilemma. Quelle: BStU Außenstelle Suhl

Da sich die Personen weigerten, die Kirche zu verlassen, verständigte der Superintendent umgehend die Leitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Die Kirchenleitung in Eisenach reagierte prompt und entsandte Oberkirchenrat Kirchner, der das Gespräch mit den Kirchenbesetzern suchen sollte. Dieser traf gegen 18.15 Uhr in Eisfeld ein. Die Gespräche mit den Familien liefen bis spät in die Nacht. In der Folge, gegen 0.15 Uhr, verließen zwei Familien die Kirche. Der immer noch anwesende Superintendent brachte sodann, aufgrund der fehlenden sanitären Einrichtungen, Eimer mit und ohne Wasser in die Kirche und verschloss diese.

Schwierige Verhandlungen mit den "staatlichen Organen"

Tags darauf, am 7. September 1988, wurde zwischen 13 und 15 Uhr ein Gespräch mit Oberkirchenrat Kirchner und dem Leiter der Abteilung Inneres des Rates des Bezirkes Suhl anberaumt. Die staatliche Seite stellte folgende Aspekte unmissverständlich klar:

  1. Es wird kein Vertreter der staatlichen Organe vor Ort erscheinen, da eine Kirche kein Verhandlungsort für den Staatsapparat sei;
  2. Eine Zusicherung auf Straffreiheit könne nicht gegeben werden, denn dies könne nur die zuständige Staatsanwaltschaft;
  3. Im Rat des Kreises Sonneberg würden erneute Gespräche mit den Kirchenbesetzern stattfinden;
  4. Voraussetzung hierfür sei allerdings, dass die Personen die Kirche schnellstens und ohne großes Aufsehen verlassen.

Danach legte Kirchner die Standpunkte der Kirchenleitung dar: Der für den 11. September 1988 vorgesehene Festakt werde unter allen Umständen stattfinden, auch wenn die Kirche noch besetzt sei. Die Kirche lasse sich nicht erpressen. Den Personen werde es nicht gelingen in die Öffentlichkeit zu treten. Auch würden die eingeladenen Gäste aus der Bundesrepublik durch die Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen dahingehend beeinflusst, dass kein Schaden für die DDR entstehe. Kurz um: Der Staatsapparat und die Kirchenleitung in Eisenach wollten zukünftige Modellfälle vermeiden.

"Streng vertrauliche" Parteiinformation des Leiters der MfS-Bezirksverwaltung Suhl an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Suhl zu "Erkenntnisse[n] im Vorgehen zur Auflösung der 'Besetzung' der Stadtkirche in Eisfeld".Zusammenfassende, "streng vertrauliche" Parteiinformation des Leiters der MfS-Bezirksverwaltung Suhl an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Suhl zu "Erkenntnisse[n] im Vorgehen zur Auflösung der 'Besetzung' der Stadtkirche in Eisfeld" vom 12. September 1988 (Ausschnitt). Quelle: BStU, MfS, BV Suhl, AKG, Nr. 42, S.112

Noch am selben Tag überbrachte Oberkirchenrat Kirchner den Besetzern die Standpunkte der staatlichen Stellen sowie der Kirchenleitung. Die Familien hingegen ließen sich nicht einschüchtern und erklärten, dass sie unter den gegebenen Umständen nicht bereit waren, das Gotteshaus zu verlassen. Sie forderten, dass ein Vertreter des Rates des Bezirkes Suhl in der Kirche erscheine und er ihnen Straffreiheit und die Ausreise in die Bundesrepublik zusichere. Die Kirchenleitung aber betonte noch einmal, dass, wenn die Personen die Kirche nicht verlassen würden, die Festveranstaltung am 11. September 1988 wie geplant durchgeführt werde. Sollten sich die Besetzer dabei provokativ oder störend verhalten, würde die Kirchenleitung Ordnungskräfte einsetzen und je nach Schwere der Aktionen auch die Volkspolizei um Mithilfe bitten.

Einen Tag später wandte sich der Eisfelder Superintendent mit neuen Maßgaben an die Besetzer. Er teilte nun mit, dass der Staatsanwalt ihnen Straffreiheit zusichere, doch diese Garantie könne nicht für eine unbegrenzte Zeit aufrecht erhalten werden. Die staatlichen Stellen würden erwarten, in Übereinstimmung mit der Kirchenleitung, dass die Kirche unverzüglich geräumt wird. Im Anschluss daran würden Termine vereinbart, um erneut über die jeweiligen Ausreisegesuche zu verhandeln. Infolge verließen am frühen Nachmittag des 8. September 1988 die noch verbliebenen Familien die Kirche. In den folgenden Wochen fanden die versprochenen Gespräche im Rat des Bezirkes in Suhl statt.

Keine Vorkommnisse oder Provokationen

Die Familien hatten die Kirche verlassen, doch nun stellt sich die Frage: Wie verliefen die Veranstaltungen zum 500-jährigen Kirchenjubiläum? Wurde während der Festivitäten die Kirchenbesetzung thematisiert?

Die Hauptveranstaltung, so hielt die Stasi penibel fest, begann am 11. September 1988 gegen 9.30 Uhr mit einem Festgottesdienst in Anwesenheit des Landesbischofs Werner Leich. Daran nahmen rund 550-600 Menschen teil. Auch reisten etwa 50-60 Personen aus der Partnergemeinde Münsingen in Baden-Württemberg, ein halbes Dutzend westdeutscher Kirchenvertreter sowie ein Journalist des "Coburger Tageblatts" an. Ferner kamen zwei Familien aus Sonneberg nach Eisfeld, die einige Tage zuvor die Kirche besetzt hielten. Die "Mielke-Männer" notierten aber zufrieden, dass keinerlei "Provokationen" oder "Aktionen" von ihnen ausgingen.

"Operativer Kräfteeinsatz im Bereich der Stadt Eisfeld…" - Meldung der ostdeutschen Geheimpolizisten vom 7. September 1988. "Operativer Kräfteeinsatz im Bereich der Stadt Eisfeld…" - Meldung der ostdeutschen Geheimpolizisten vom 7. September 1988. Quelle: BStU, MfS, BV Suhl, AKG, Nr. 244, S.17

Der Eisfelder Superintendent eröffnete sodann und hieß die Gäste und die Vertreter des Staatsapparates willkommen. Der Festgottesdienst wurde durch den Landesbischof durchgeführt. In seiner Predigt, die unter dem Motto "Einer trage des anderen Last" stand, ging Werner Leich nur indirekt auf die Kirchenbesetzung ein. Einen Satz hoben die MfS-Leute in ihren Berichten besonders hervor. Sinngemäß äußerte der Landesbischof nämlich, dass die Heimat der Christen aus Eisfeld und dem Territorium hier und nicht 20 km südlich sei.

Im Anschluss daran überbrachten die Gäste aus der Bundesrepublik sowie der Stellvertreter der Abteilung Inneres beim Rat des Kreises Hildburghausen ihre Grüße. Die Stasi nahm vor allem positiv zur Kenntnis, dass die Grußworte des staatlichen Vertreters bei den kirchlichen Würdenträgern mit Wohlwollen aufgenommen wurden. Auch der Landesbischof bedankte sich im Anschluss persönlich beim Mitarbeiter für Kirchenfragen des Rates des Bezirkes Suhl für die Klärung des "Sachverhalts" vom 6.-8. September 1988. Die sich ab 14 Uhr anschließende Veranstaltung auf dem Kirchplatz hatte Volksfestcharakter und wurde durch den Verkauf von Bratwürsten, Posaunenblasen und Chorsingen abgerundet.

Zwischen 15.30 und 16.20 Uhr schloss sich ein weiterer Gottesdienst an, in dem Werner Leich noch einmal auf die Problematik des "Übersiedlungsersuchens" einging. Er bekräftigte seine Aussagen vom Vormittag, dass die Übersiedlung in die Bundesrepublik der falsche Weg sei. Alle Probleme sollten hier, also in der DDR, gelöst werden und alle Bürgerinnen und Bürger sollten sich daran beteiligen. Die Verzweiflung der Kirchenbesetzer thematisierte er nicht.

Während der nun folgenden Festveranstaltung äußerten sich einige kirchliche Würdenträger deutlicher zur Kirchenbesetzung: Ein Oberkirchenrat aus Meiningen und der Superintendent von Sonneberg untermauerten den ablehnenden und kritischen Standpunkt der Kirchenleitung in Eisenach. Sie verurteilten die Versuche, den Staat unter Missbrauch der Kirche erpressen zu wollen. Eine "inoffizielle Quelle" teilte der Stasi diesbezüglich mit, dass eine weibliche Person aus der Partnergemeinde Münsingen von der Kirchenbesetzung erfuhr. Diese brachte daraufhin ihr Unverständnis zum Ausdruck, weil ja die Arbeitsmarktsituation in Westdeutschland nicht positiv sei und man deshalb von einer Übersiedlung Abstand nehmen sollte.

Resümierend hielten die Stasi-Auswerter in ihren Berichten an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Suhl bzw. an die 1. Sekretäre der SED-Kreisleitungen in Sonneberg und in Hildburghausen fest, dass es während der Feierlichkeiten zu keinerlei Vorkommnissen seitens der Besetzer kam. Auch unterstrichen sie, dass selbst kirchliche Würdenträger der Besetzung kritisch gegenüber standen.

"Die Präsenz der Stasi war spürbar"

Zurück ins Jahr 2013: Am Ende der Veranstaltung der Außenstelle Suhl des BStU schloss sich eine lebhafte Diskussion in der Dreifaltigkeitskirche an. Damalige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen beschrieben ihre Erinnerungen an die Kirchenbesetzung. Sie berichteten über "auffällig-unauffällige" Personen, die im September 1988 an der Kirche präsent waren und vielfach fotografierten oder an neuralgischen Punkten der Kleinstadt patrouillierten. Andere schilderten, wie die Zufahrtsstraßen nach Eisfeld durch die Stasi beobachtet und sämtliche PKW-Kennzeichen notiert wurden.

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte und kontroverse Diskussion. Auch die ehemalige Pröpstin aus Meiningen, Marita Krüger, schilderte ihre Erinnerungen an das Ereignis. Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte und kontroverse Diskussion. Auch die ehemalige Pröpstin aus Meiningen, Marita Krüger (rechts), schilderte ihre Erinnerungen an das Ereignis. Quelle: Wolfgang Swietek

Paradoxerweise, und auch dieser Fakt wurde thematisiert, war das MfS zu jedem Zeitpunkt über die weiteren Schritte der Kirchenleitung in Eisenach bestens informiert. Warum? Nach der Friedlichen Revolution 1989/90 stellte sich heraus, dass Oberkirchenrat Kirchner über viele Jahre als "Inoffizieller Mitarbeiter" (IM) für die Stasi tätig war.

Daneben diskutierten die Anwesenden die ambivalente Position der Eisenacher Kirchenleitung. Die historische Bewertung wurde im Spannungsfeld zwischen "Formen der (erzwungenen) Kooperation" und "Formen widerständigen Verhaltens" verortet. Konnte den Kirchenbesetzern nicht mehr Beistand geleistet werden? Was wären die Reaktionen des SED-Staates gewesen? Allgemeiner Konsens bestand darin, dass die ostdeutsche Staatspartei die Richtlinien der Kirchenpolitik in der DDR festlegte und dieses dann durch unzählige "staatliche Organe" abgesichert wurde. Dementsprechend musste die Kirche in der DDR agieren; also zwischen vorsichtiger Bündnispolitik ("Kirche im Sozialismus") sowie zaghafter und offener Konfrontation. Dieser Aspekt führte in der Folge nicht nur innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen zu kontroversen Betrachtungsweisen und Konflikten. Mitglieder des Gemeindekirchenrates legten ausführlich dar, wie man sich in vielerlei Hinsicht um die Familien in der Kirche kümmerte. Eine Person hob hervor: "Mir ist heute noch, als ob das eine ganze Woche gedauert hatte und nicht zwei Tage."

Immerhin hatte die Protestaktion Erfolg. Nachdem die letzten Familien am 8. September 1988 die Eisfelder Kirche verlassen hatten, fanden in den darauf folgenden Wochen erneute Gespräche über ihre Ausreiseanträge statt. Allen an der Kirchenbesetzung beteiligten Familien wurde in den nächsten Monaten die Ausreise genehmigt. Gleichwohl blieben einige Personen weiterhin im Fokus des MfS. Schrieben sie z.B. Briefe an ihre Familien in die thüringische Heimat, so las die "Postkontrolle" der Stasi eifrig mit.

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