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Als SED und Stasi überrumpelt wurden

Auf den Spuren des Neuen Forums und der ersten Schweriner Montagsdemonstration

Am 23. Oktober 1989 gingen Schweriner Bürger erstmals zu einer "Montagsdemonstration" auf die Straße. Rund 30.000 bis 40.000 Menschen wurden damals gezählt, die sich für Reformen in der DDR einsetzten. Die BStU-Außenstelle half bei einer Spurensuche in Schwerin.

Mit einer Veranstaltung in der Schweriner Paulskirche, am Pfaffenteich und im Dom erinnerten Schweriner Aufarbeitungsinstitutionen am 23. Oktober 2014 an die entscheidende Phase der Friedlichen Revolution 25 Jahre zuvor. Auszubildende der BStU-Außenstelle Schwerin spielten dabei eine herausgehobene Rolle. Sie rezitierten an zentralen Handlungsorten der Friedlichen Revolution aus historischen Dokumenten.

Auf den Spuren der Friedlichen Revolution in Schwerin. Veranstaltungsteilnehmer am 23. Oktober 2014.Auf den Spuren der Friedlichen Revolution in Schwerin. Veranstaltungsteilnehmer am 23. Oktober 2014. Quelle: BStU, Außenstelle Schwerin / Grimm

In Schwerin hatte sich das Bürgerbündnis "Neues Forum" am 2. Oktober 1989 gegründet - aus Sicht des SED-Staats als illegale Vereinigung. Auf Anhieb kamen rund 800 Menschen zur ersten öffentlichen Veranstaltung. Doch der ursprünglich ausgewählte Versammlungsort, das Gemeindehaus in der Bäckerstraße, erwies sich als zu klein. Daraufhin zogen die Forums-Sympathisanten zum wenige hundert Meter entfernten Paulskirche um. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit wurde schon damals von vielen Teilnehmern als erste nichtstaatlich organisierte Demonstration in Schwerin wahrgenommen und überrumpelte Stasi und SED. Schon beim nächsten öffentlichen Treffen am 6. Oktober 1989 in der Paulskirche änderte sich das. Mehr als 200 Genossen der SED wurden aufgeboten, um die Zusammenkunft zu stören.

Doch unerschrocken stellten Bürger ihre Wohnungen für Treffen thematischer Arbeitsgruppen zur Verfügung. Stadtweit kamen auf diese Weise knapp 20 Gesprächskreise mit mehreren hundert Teilnehmern zusammen. Ein Koordinierungskreis organisierte schließlich die erste Montagsdemonstration mit dem Ziel, Reformen in der erstarrten DDR durchzusetzen, allem voran Rechtsstaatlichkeit, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie.

Drei Auszubildende der BStU-Außenstelle Schwerin tragen Zitate aus Zeitdokumenten von 1989 vor. Auszubildende der BStU-Außenstelle Schwerin tragen Zitate aus Zeitdokumenten von 1989 vor. Quelle: BStU, Außenstelle Schwerin / Grimm

Termin war der 23. Oktober - und erneut suchte die SED-Bezirksleitung auf Anweisung aus Berlin die Konfrontation. Zeitgleich und ebenfalls am Alten Garten wurde trotzig eine "Dialog"-Kundgebung der staatstragenden Parteien des so genannten "Demokratischen Blocks" angesetzt. Aus dem gesamten Bezirk wurden vermeintlich linientreue Genossen mit Bussen dorthin kutschiert. Aber die Rechnung der SED ging nicht auf, da sich die meisten Kundgebungsteilnehmer der friedlichen Demonstration des Neuen Forums anschlossen. Der Chef der SED-Bezirksleitung wurde sogar ausgepfiffen.

Als aber am Abend des 23. Oktober 1989 das DDR-Fernsehen nur über die "Dialog"-Kundgebung der SED berichtete, schrieb die Ortsgruppe Pinnow des Neuen Forums einen Protest-Brief an den Landesintendenten von Leipzig. Sie baten ihn, diesen öffentlich in der Leipziger Nikolaikirche verlesen zu lassen. 25 Jahre später verlasen die Auszubildenden der Außenstelle des BStU den Text erneut, diesmal auf einer Bühne am Schweriner Pfaffenteich.

Bewegende Festrede im Dom

Anschließend erinnerte der Schweriner Mitbegründer des Neuen Forums, Martin Klähn, im Dom mit einer facettenreichen Festrede an jenen 23. Oktober. Die Aufbruchsstimmung beschrieb er so: "Punkt 17 Uhr fing der 1. Sekretär an zu sprechen und wir fingen an zu demonstrieren. Die
Werderstraße hinunter, durch die Amtsstraße zum Pfaffenteich. An der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei begannen Demonstranten ihre Kerzen abzustellen. Die ersten Kerzen wurden von Polizisten noch weggetreten. Aber immer neue Wellen der Demonstrierenden brachten immer neue Kerzen. Ein Lichtermeer bildete sich. Ein unvergessliches Signal für unseren Aufbruch...".

Schweriner Festredner im Dom: der Mitbegründer des Neuen Forums, Martin KlähnSchweriner Festredner im Dom: der Mitbegründer des Neuen Forums, Martin Klähn Quelle: BStU, Außenstelle Schwerin / Grimm

Ergänzend dazu wurde die Plakatausstellung der BStU-Außenstelle "20 Jahre Aufbruch 1989" gezeigt. Dabei handelt es sich um Plakate ehemaliger Studentinnen und Studenten der Design-Schule Schwerin. Sie hatten bereits vor fünf Jahren an einem Posterwettbewerb des BStU und der Domgemeinde Schwerin über die Friedliche Revolution teilgenommen. Außerdem präsentierten Schüler der Schweriner Brechtschule ein Filmprojekt zum Thema "25 Jahre Mauerfall" und Zeitzeugen erinnerten sich im Rahmen eines Podiumsgesprächs. Begleitend lasen die Azubis des BStU aus weiteren Lageberichten der Stasi vor.

Im Dom lagen für die Besucherinnen und Besucher auch die Dokumentenhefte des BStU zur Kommunalwahlfälschung und dem Herbst 1989 aus und wurden rege nachgefragt.

Die Veranstaltung war eine Kooperation der Landeszentrale für Politische Bildung Mecklenburg-Vorpommerns, des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Mecklenburg-Vorpommerns und der BStU-Außenstelle Schwerin. Ebenso beteiligt waren die St. Paulskirchengemeinde Schwerin, die Domgemeinde Schwerin sowie ehemalige Mitglieder des Neuen Forums.

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