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Fußball im Stasi-Netz

Der FC Hansa Rostock und die DDR-Geheimpolizei

Am 28. Dezember feiert der FC Hansa Rostock seinen 50. Geburtstag. Die BStU-Außenstelle Rostock erinnerte aus diesem Anlass mit einer Ausstellungseröffnung und Podiumsdiskussion an die Situation des Fußballvereins in der DDR. Die ehemaligen Aktiven Dr. Helmut Hergesell, Axel Kruse und Rainer Jarohs diskutierten mit Moderator Andreas Ebel über den politisch-ideologischen Einfluss auf den Fußball in dieser Zeit. Die Staatssicherheit überwachte Spieler, Vereinsleitung und Fans des FC Hansa, wie zahlreiche Dokumente aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv zeigen.

Mannschaftsfoto des FC Hansa Rostock aus der Oberliga-Saison 1989/1990, oben rechts: Rainer JarohsMannschaftsfoto des FC Hansa Rostock aus der Oberliga-Saison 1989/1990, oben rechts: Rainer Jarohs Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0130-300, Jürgen Sindermann

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) plante in Abstimmung mit anderen staatlichen Stellen und dem Fußballclub bei jedem Spiel, welche ihrer Diensteinheiten mit wie vielen Mitarbeitern welche Stadionbereiche unter Kontrolle halten sollten. Im Fokus der Überwachung bei den Hansa-Funktionären und Spielern standen vor allem die "Sportreisekader", also Personen, die aus sportlichen Gründen ins westliche Ausland reisen durften.

Auf den Stürmer Rainer Jarohs (362 Ligapartien, 166 Tore) setzte die Stasi beispielsweise zwei Inoffizielle Mitarbeiter (IM) an, die sie aus dem Mannschaftskreis angeworben hatte. Auf dem Podium resümierte Jarohs: "Eine Mannschaft hält zusammen. Ich kann es bis heute nicht verstehen, wie man sich innerhalb eines Teams bespitzeln kann."

SED und Stasi fürchteten nichts so sehr, wie Spieler oder Trainer, die in den Westen flüchteten. Denn diese würden damit zeigen, dass sie den Sozialismus nicht für das bessere Modell hielten und es stand zu befürchten, dass sie über Sportgeheimnisse, Trainingsmethoden oder Doping berichten. Deshalb sollten sogenannte "Sportverräter" schon im Vorfeld erkannt und "aus dem Leistungssport herausgelöst" werden.

Als einer dieser „Sportverräter“ galt Axel Kruse. Er war der einzige Hansa-Spieler, der aus der DDR floh. Für das Publikum schilderte er, wie es dazu kam. Eine unbedachte Äußerung hatte dazu geführt, dass die Stasi ihn 1986 stundenlang wegen des Verdachts auf „Republikflucht“ verhörte. Dabei dachte der 19-jährige zu diesem Zeitpunkt gar nicht daran, die DDR zu verlassen. Er führte ein privilegiertes Leben als Leistungssportler und war froh, bei Hansa in der ersten Mannschaft zu spielen. Das Stasi-Verhör erlebte er als sehr einschüchternd: "Danach war ich erwachsen".

Fortan unterband die Staatsicherheit seine Teilnahme an Spielen im westlichen Ausland. Er entschloss sich, die DDR zu verlassen. Es dauerte allerdings drei Jahre, bis er wieder bei einem Spiel im „kapitalistischen Ausland“ eingesetzt werden sollte. Im Juli 1989 war die Chance da. Axel Kruse gehörte zum Aufgebot für die UEFA-Intertoto-Cup-Begegnung der Rostocker gegen Boldklubben 1903 (heute FC Kopenhagen). Eine Postkarte an einen Helfer in West-Berlin war das Startsignal für die Flucht. Mit zwei anderen Sportlern begab er sich vor dem Spiel in einen Park in Kopenhagen, sonderte sich unter einem Vorwand ab, sprang in ein Taxi mit einem Fluchthelfer und fuhr sofort über Rödby nach Hamburg. Bereits am nächsten Tag flog er nach West-Berlin zu seinem neuen Verein Hertha BSC.

Axel Kruses "Republikflicht" war für den Verein und das MfS ein Fiasko. Für Rainer Jarohs ergab sich durch Kruses Flucht zumindest die Möglichkeit, einen Profi-Vertrag zu bekommen. Das hatte der Verein mit Blick auf sein Alter wenige Wochen zuvor noch abgelehnt.

Jörg Berger, geflüchteter Fußballtrainer aus der DDR, warnte Axel Kruse, in West-Berlin zu bleiben. Dies sei viel zu gefährlich, zu nah an der Stasi. Der junge Kruse konnte sich das nicht vorstellen, fühlte sich endlich frei und unbeschwert.

Das MfS beobachtete Kruse tatsächlich in West-Berlin, hörte zum Beispiel noch bis in den November 1989 hinein seine Telefonate ab. Die Geheimpolizei plante auch den Einsatz von IM. Auf dem Podium äußerste Kruse den Verdacht, dass ihn allein die bald darauf beginnende Friedliche Revolution und der Mauerfall vor weiteren Maßnahmen der Stasi gerettet haben.

Auch sogenannte "feindlich-negative Fangruppen" standen im Fokus der DDR-Geheimpolizei und sollten "zersetzt" werden. Dafür nutzte die Stasi sowohl Inoffizielle Mitarbeiter im Verein als auch in der Fanszene. Eine wichtige und bisher noch wenig bekannte Rolle spielten überdies Inoffizielle Kriminalpolizeiliche Mitarbeiter (IKM).

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