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"Wir dulden keine Gammler"

"Gesellschaftswidrige" Musik? Die Beatrevolte am 31. Oktober 1965 in Leipzig

Neue Musikrichtungen waren zu allen Zeiten ein Synonym für Jugend, Protest und Emanzipation. Für das SED-Regime bildete die Musikszene eine Bedrohung. Sie stellte den Kontrollanspruch der Partei und ihrer Jugendorganisation in Frage. Schon seit Mitte der fünfziger Jahre setzte sich die Stasi mit nicht angepassten Jugendlichen auseinander. In den sechziger Jahren registrierte die Staatsführung der DDR - insbesondere in den Großstädten - das Anwachsen einer so genannten "Beatszene".

Bei einer Wohnungsdurchsuchung von der Stasi festgestellte "Schund- und Schmutzliteratur"Bei einer Wohnungsdurchsuchung von der Stasi festgestellte "Schund- und Schmutzliteratur" Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU 348/67

Nach dem Willen des damaligen SED-Parteichefs Walter Ulbricht sollte die Jugend zu "neuen Menschen" in der sozialistischen Menschengemeinschaft geformt werden. Der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke erließ dazu "Arbeitshinweise für die politisch-operative Bekämpfung der politisch-ideologischen Diversion und Untergrundtätigkeit unter jugendlichen Personenkreisen in der DDR".

Im folgenden Zitat aus einer Anklageschrift eines Staatsanwaltes zeigen sich vor allem Befürchtungen, dass westliche Einflüsse die Jugend der sozialistischen Staatsmacht und ihren Erziehungszielen entfremden könnten. Deshalb galt es diese Einflüsse zu bekämpfen:

"Die Arbeiter- und Bauernmacht widmet der sozialistischen Erziehung der jungen Generation große Aufmerksamkeit. Als Hausherren von morgen stehen ihr alle Entwicklungsmöglichkeiten offen und sie erfährt in großzügigem Maße die allseitige Unterstützung des sozialistischen Staates. […] Neben den Werken des klassischen Kulturerbes und der Nationalkultur gehört auch die Pflege moderner und niveauvoller Tanz- und Unterhaltungsmusik zur Erziehung und allseitigen Bildung der Jugend. […] Die sozialistische Staatsmacht wendet sich entschieden gegen Versuche westlicher Medien, die unter dem Missbrauch einzelner Kunstarten Verwirrung unter den Jugendlichen entfachen und die Ordnung und Sicherheit der DDR stören." Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU, Nr. 348/67

Beat in der DDR

Aber die internationalen Musikwellen des Rock'n'Roll und Beat machten an der innerdeutschen Grenze nicht halt. Und so bildeten sich Ende der fünfziger bis in die sechziger Jahre hinein überall in der DDR "jugendliche Straßenmeuten". Diese Gruppen trafen sich an Straßenecken oder Parks mit Kofferradios. Gemeinsam wurde die Musik der "Westsender" gehört.

Jugendliche hören in der Öffentlichkeit Musik aus dem KofferradioLederjacke, Kofferradio, Musik von Radio Luxemburg - nach Meinung der SED und der Stasi alles Zeichen "westlicher Unmoral und Dekadenz" Quelle: BStU, MfS, HA XX 10056

Der Staatssicherheitsdienst registrierte schnell, dass größere Gruppen von Jugendlichen sich nicht staatskonform verhielten. Gerade dem Erscheinungsbild der Jugendlichen nach dem Vorbild der verschiedenen Beatgruppen - insbesondere auch der Beatles - begegnete die Staatsführung mit Unverständnis und Misstrauen.

Merkmale für "negativ-dekadente" Jugendliche waren:

  • das Hören von "flotter Musik" (Westmusik) aus Kofferradios
  • Beatlesfrisuren
  • das Tanzen mit "unkoordinierten Verrenkungen"
  • westliche Mode (Jeans oder Glockenhosen)
  • westliches Gedankengut und Ideologie.

Passbilder eines Jugendlichen von 1964 mit "kurzen Haaren" und 1966 "negativ-dekadent" mit "langen Haaren"Passbilder eines Jugendlichen von 1964 mit "kurzen Haaren" und 1966 "negativ-dekadent" mit "langen Haaren" Quelle: BStU, MfS, HA XX Nr. 10056

Diese nicht angepassten Jugendlichen galten als besonders anfällig für die Einflüsse des "Klassenfeindes". Nach Meinung des Staatssicherheitsdienstes der DDR hatte der regelmäßige Empfang von Beat-Musik westlicher Rundfunksender negativen Einfluss auf die jungen Leute. Auf geschickte Weise betreibe der "Klassenfeind" so politisch-ideologische Diversion und verbreite seine imperialistische Ideologie.

Die neue Musik wurde aber nicht nur gehört, sondern zunehmend auch selbst gespielt. Überall in der DDR und besonders auch in Leipzig entstanden Beat-Amateurgruppen - im Sprachgebrauch der DDR-Regierung "Laienmusikgruppen". Diese brachten durch ihre Musik die Jugend bei Tanzveranstaltungen in Ekstase. Die englischen Namen der Leipziger Gruppen wie z.B. "The Butlers", "The Starlets", "The Guitar Men", "The Shatters", "Shake hands" u.a. verrieten, woher deren Vorbilder kamen.

Die Laienmusiker hörten die einschlägigen Sendungen im Westrundfunk, lernten die englischen Songs nach Gehör und spielten sie - zum Teil in eigenen Interpretationen - vor begeistertem Publikum nach.

Verbot der "dekadenten westlichen Musik"

Im Spätsommer 1965 wandelte sich die Haltung des Staates gegenüber der Beat-Musik. War die Beat-Musik bis dato - wenn auch misstrauisch beäugt - toleriert worden, so sahen Spitzenfunktionäre der SED nun endgültig das Machtmonopol der Partei gefährdet. Die Liberalisierungsprozesse in der Jugendpolitik wurden rückgängig gemacht. Alle Meldungen über Krawalle, alkoholische und sexuelle Exzesse im Zusammenhang mit Jugendveranstaltungen registrierte die Stasi genauestens.

Beeinflusst wurde die Verschärfung der Jugendpolitik durch zwei Vorkommnisse während des Jahres 1965. Ein Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne in West-Berlin im September 1965 endete in schweren Tumulten und Verwüstungen. Darüber hinaus wurden SED-Funktionäre durch das "westliche Showgebaren" von DDR-Beatbands bei ihren Auftritten anlässlich des Tages der Republik am 07.10.1965 in Ost-Berlin alarmiert.

Als Reaktion auch auf diese Ereignisse beauftragten die Parteifunktionäre den Minister für Kultur, Laiengruppen, die "dekadente westliche Musik" spielten, sofort die Lizenz zu entziehen. Die "Gammler" unter den Musikern, die keiner geregelten Arbeit (in der Produktion) nachgingen, sollten in Arbeitslager eingewiesen werden.

Die Beschlüsse des Sekretariats des Zentralkomitees der SED und die Anweisung des Ministeriums für Kultur vom 11.10.1965 besiegelten das offizielle Ende vieler DDR-Beatgruppen. Es wurde ihnen nunmehr verboten in öffentlichen Räumen Musik wie Beat und Rock'n'Roll zu spielen. Auf diese Weise verloren in Leipzig 44 der insgesamt 49 registrierten Amateurbeatbands ihre Spielerlaubnis.

Nach dem Verbot fast aller Beatgruppen in der Region war die Atmosphäre unter den jugendlichen Beat-Anhängern angespannt. Am 16.10.1965 forderte Stasi-Chef Erich Mielke in einem Fernschreiben die Leiter aller MfS-Bezirksverwaltungen auf, sofort Stellungnahmen und Einschätzungen zur Lage unter der Jugend zu erarbeiten.

Die Beatrevolte am 31. Oktober 1965 in Leipzig

In Leipzig erregte vor allem das Verbot der Band "The Butlers" - eine der beliebtesten Gruppen hier - die Gemüter ihrer jugendlichen Fans. Um eine Wiederzulassung der verbotenen Gruppen zu erreichen, waren schon bald selbstgefertigte Flugblätter im Umlauf. Diese riefen zum Protest gegen die staatlichen Maßnahmen auf.

Aufruf zur Demonstration gegen das Verbot von BeatgruppenAufruf zur Demonstration gegen das Verbot von Beatgruppen in Leipzig 1965 Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU 252/66

Als erste Urheber solcher Flugblätter traten zwei Leipziger Jugendliche in Erscheinung (Namen in Max und Karl geändert). Max, Schüler der 10. Klasse einer Erweiterten Oberschule, hatte im Unterricht einen Vortrag über die ideologische Verwerflichkeit der Beat-Musik gehört. Damit wurde auch das Verbot der "Laienmusikgruppen" begründet. Diese Ausführungen und die staatlichen Kampagnen verärgerten den Beatfan sehr. Er entschloss sich, eine Protestaktion zu starten.

Gemeinsam mit seinem Freund Karl kaufte er einen Kinderstempelkasten. Danach stellten sie am Nachmittag des 23.10.1965 gemeinsam 174 Flugblätter her. Sie riefen zu einem "Protestmarsch" am 31.10.65 auf.

Kinderstempelkasten, der zur Herstellung der Flugblätter verwendet wurde.Die Stasi vermerkte auf dem Foto: "Der auf dem Bild zu sehende Kinderdruckkasten Typ "Famos" ist Eigentum des Beschuldigten [...] und diente zur Anfertigung von Stempeln." Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU 252/66

Am nächsten Tag begannen sie mit der Verteilung der Flugblätter im Stadtgebiet von Leipzig und im angrenzenden Landkreis. Die ersten Flugblätter tauchten am Nachmittag und Abend des 25.10.1965 auf. Die Volkspolizei erstattete sofort Anzeige gegen Unbekannt. Die Stasi leitete Ermittlungen ein, indem sie Zettel und Fundorte untersuchen ließ. Es kam zu zahlreichen Vernehmungen und Verhaftungen unter den jugendlichen Beatfans. Dennoch gab es keine "heiße" Spur zu den wahren "Tätern". Die oft stundenlang vernommenen Jugendlichen kannten zwar häufig den Inhalt der Flugblätter, konnten aber keine Angaben zu deren Urhebern machen.

Max druckte am 27.10.1965 sogar noch weitere 200 Flugblätter, die allerdings nicht mehr verteilt wurden.

Die staatlichen Stellen waren durch das Auftauchen der Flugblätter beunruhigt und alarmiert. Eine öffentliche "Zusammenrottung" von Jugendlichen sollte unbedingt vermieden werden. In den Leipziger Schulen und Berufsschulen warnten die Lehrer alle Schüler und Lehrlinge vor einer Beteiligung. Die Teilnahme an der Demonstration wäre eine Provokation gegen den Staat und würde für den Einzelnen ernste Folgen haben. Paradox an diesen "Belehrungen" war, dass gerade sie maßgeblich zur Verbreitung der Information über die Flugblätter bzw. deren Inhalt beitrugen. Denn bislang hatten die meisten Jugendlichen nur gerüchteweise von den Flugblättern und deren Inhalt gehört.

Vermutlich nicht zuletzt durch diese unfreiwillige "Werbung" fanden sich am 31.10.1965 ca. 1000 bis 2000 neugierige Jugendliche auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig ein. Die jungen Leute standen in kleinen Gruppen zusammen und warteten gespannt, dass die "Veranstalter" in Erscheinung treten würden. Doch dies geschah nicht.

Beobachtung von Jugendlichen am 31.10.1965 auf dem Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz Beobachtung von Jugendlichen am 31.10.1965 auf dem Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU 256/66

Der Platz stand unter ständiger Beobachtung des MfS. Außerdem wurden auf Initiative der Stasi nach Abstimmung mit der SED-Bezirksparteileitung weitere Sicherheitskräfte mobilisiert und eingesetzt. Vor Ort waren Stasi-Mitarbeiter, drei Züge der Bereitschaftspolizei, zwei Züge der Deutschen Volkspolizei und 50 Judo-Sportler der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport. Dieses Aufgebot verstärkten drei Diensthunde, zwei Lautsprecherfahrzeuge und ein Wasserwerfer. Lastwagen zum Abtransport der Jugendlichen und Krankenwagen standen ebenfalls bereit.

Gegen 10.40 Uhr forderten die Sicherheitsorgane über Lautsprecher die Jugendlichen mehrfach auf den Platz zu verlassen und die Versammlung aufzulösen. Ihr Verhalten sei gesetzeswidrig und darüber hinaus würden sie den Straßenverkehr behindern. Diesen Aufforderungen wurde von Seiten der Jugendlichen nur mit Pfiffen sowie "Pfui"- und "Buh"-Rufen geantwortet. Daraufhin räumte die Polizei unter Verwendung von Schlagstöcken und Hunden den Platz. Auch der Wasserwerfer kam zum Einsatz. In einem Bericht der Staatssicherheit hieß es später: "[...] die vollständige Auflösung der Konzentration […] war nach 20 Minuten vollzogen."

Hunderte Jugendliche wurden abtransportiert. Vernehmungen und Haftbefehle folgten. Ein Großteil der jungen Leute wurde zu mehrwöchiger Zwangsarbeit (12 bis 21 Tage) in dem Braunkohletagebau Regis-Breitingen bei Leipzig verurteilt.

Reaktionen von Beat-Fans auf die Ereignisse

LitfaßsäuleLitfaßsäule mit Fan-Protest: "Freiheit für die Beat-Fans" Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU 212/66

Die Beat-Anhänger waren entrüstet über die Vorgehensweise der Polizei und die Verhaftung von Fans. Am Abend des 31. Oktober kam es zu ersten Reaktionen. Neue Flugblätter tauchten auf.

Eine 16jährige Schülerin, selbst Anhängerin der Beatles, verlas vor dem Kino "Capitol" zwei von ihr verfasste Gedichte mit "staatsverleumdenden" Texten. Sie hatte im Kinderheim, in welchem sie lebte, von den Polizeieinsätzen gegen die Jugendlichen gehört. In der Folge wurde sie ohne Verurteilung in einen Jugendwerkhof eingewiesen. Begründung der Staatsmacht: "Aufwieglung, vor allem jugendlicher Bürger der DDR gegen die Arbeiter- und Bauern-Macht".

Zwei 17jährige Mädchen waren so empört, dass sie ihren Protest mit Ölfarbe auf vier Litfaßsäulen, ein Schaufenster und zwei Hauswände malten. Ihre Forderung: "Freiheit für alle Beatfans". Die Mädchen wurden wegen Staatsverleumdung zu einem Jahr und drei Monaten Freiheitsentzug verurteilt.

Enttarnung und Verurteilung

Max und sein Freund Karl, die die ersten Flugblätter hergestellt und verteilt hatten, nahmen aus Angst vor Repressalien selbst nicht an dem Protest teil. Dennoch erfuhren sie schnell vom Polizeieinsatz auf dem Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz. Karl war wegen des brutalen Vorgehens der Polizei so entrüstet, dass er sich spontan zu einer weiteren Aktion entschloss. Er formulierte einen neuen Text und stellte Flugblätter her, die zu einer erneuten Protestaktion am 7.11.1965 aufriefen.

Flugblatt: "Es war ein Erfolg trotz Beregnung und Stasi. Aber viele sind eingekerkert - deshalb 7.XI - 15 Uhr Leuschnerpl."Erneuter Aufruf zu einem Treffen am 7. November auf dem Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU 252/66

Am 5.11.1965 fand Karls Mutter die Stempel und die Texte für die neuen Flugblätter in der Wohnung. Sie, selbst Lehrerin, übergab den Stempelkasten dem Direktor der Schule ihres Sohnes. Somit war die Urheberschaft der Flugblätter geklärt. Die Stasi wurde umgehend informiert. Diese leitete ein Untersuchungsverfahren gegen die Schüler ein. Vom Staatsanwalt erfolgte die Anklage.

Die Schüler Max und Karl wurden vom Gericht verurteilt. Sie mussten die Schule verlassen und konnten kein Abitur ablegen.

Zitat aus der Strafakte von Max und Karl:

"Die beschuldigten Jugendlichen haben durch das Verbreiten des Flugblattes wesentlich zur ungesetzlichen Zusammenrottung am 31.10.1965 in Zentrum von Leipzig beigetragen, die sich gegen die öffentliche Ordnung und somit gegen die Gesetze der DDR richtete. […] Die Straftaten der Jugendlichen sind in beträchtlicher Weise gesellschaftswidrig und gefährden die öffentliche Ordnung und Sicherheit." Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, AU, Nr. 252/66

Die Ursachen der "Vorkommnisse" im Zusammenhang mit der Beat-Szene analysierte die Stasi später folgendermaßen:

"[...] Einen gewissen Schwerpunkt der Arbeit der Abteilung IX [Untersuchungsabteilung] stellten im Jahre 1965 die Untersuchungen verschiedener Vorkommnisse mit Zusammenrottungscharakter unter Teilen von Jugendlichen dar, die in der Regel anlässlich der Durchführung von Volksfesten und öffentlichen Veranstaltungen stattfanden. [...] In Vorbereitung dieses Auflaufes am 31.10.1965 und vor allem nach dem Eingreifen der Sicherheitsorgane - es wurden zunächst 357 Personen zugeführt - kam es im Stadtgebiet von Leipzig zur Verbreitung von Flugblättern, die sich in der Regel gegen das angebliche Beat-Verbot richteten und teils staatsverleumderischen Inhalt aufwiesen.

[…] Nach gründlicher Untersuchung der angeführten Vorkommnisse konnte festgestellt werden, dass es sich bei diesen Vorkommnissen nicht um vom Gegner organisierte zielgerichtete Provokationen handelte. Allerdings standen größere Teile der an diesen Vorkommnissen beteiligten Jugendlichen in mehr oder minder starkem Maße unter dem Einfluss der bürgerlichen Ideologie, vor allem der über Rundfunk und Fernsehen aus den imperialistischen Staaten in die DDR infiltrierten dekadenten Beat-Musik. […] Insofern wirkte sich die von staatlichen Organen und dem Jugendverband zeitweilig vertretene undifferenzierte Zustimmung zur Beat-Musik und zur massenhaften Bildung von Beat-Gruppen begünstigend auf diese Erscheinung aus. Weiter hatte die häufig festgestellte ungenügende Einflussnahme des Elternhauses, der Schulen und der Betriebe sowie der gesellschaftlichen Organisationen negativen Einfluss auf diese Jugendlichen, so dass sie sich in ihrer Freizeit oft sich selbst überlassen blieben und sich bei ihnen falsche Ideale und Lebensvorstellungen herausbildeten." Quelle: BStU, MfS, HA IX, Nr. 5213

Durch den Staatsanwalt und das Gericht wurde in Absprache mit dem Staatsbürgerkundelehrer der Schule von Max und Karl eine Veranstaltung initiiert. Wie aus dem Stasi-Berichts über die Veranstaltung ersichtlich wird lautete das Thema: "Was ist Freiheit und wo kann wirkliche Freiheit gewährt werden? Vor Schülern, Lehrern, Elternbeiratsmitgliedern und Abordnungen von Lehrern anderer Schulen wurde durch den Staatsanwalt das Strafverfahren gegen die Mitschüler von staatlicher Seite gerechtfertigt.

"Die Kunst ist immer Waffe im Klassenkampf"

Im Dezember 1965 hielt Erich Honecker auf dem 11. Plenum des Zentralkomitee der SED eine Grundsatzrede. Er war damals Sekretär für Sicherheitsfragen im Zentralkomitee der SED. Die zentrale Botschaft lautete: "Die Kulturpolitik unserer Partei wird erfolgreich verwirklicht". Dagegen wurden die Beatles und die Rolling Stones als Verbreiter der amerikanischen "Unmoral und Dekadenz" angeprangert. Durch ihr Auftreten würde die Moral zersetzt sowie Gewalt und die sexuelle Triebhaftigkeit gefördert.

Politbüromitglied und "SED-Chefideologe" Kurt Hager ergänzte: "Die Kunst ist immer Waffe im Klassenkampf." Dies bedeutete nichts anderes, als dass nach dem Plenum zahlreiche DDR-Filme verboten, Musiker, Schriftsteller und andere Künstler in ihrer Arbeit behindert wurden.

Stasi-Chef Mielke reagierte auf die veränderte Richtung in der Kulturpolitik mit der Dienstanweisung 4/66, ergänzt durch den Befehl 11/66 (gültig bis 1989):

Weitere Informationen

Literaturhinweis

  • Liebing, Yvonne: All you need is beat. Jugendsubkultur in Leipzig 1957-1968, Leipzig 2005.